Keine Frage: Was Frank Henning wenige Tage vor der Kommunalwahl über seinen WhatsApp-Status verbreitet hat, war daneben. Wer eine Journalistin als „ätzend“ bezeichnet und dann noch ihre Frisur kommentiert, muss mit Kritik leben. Was danach innerhalb der Osnabrücker SPD geschah, wirft für mich inzwischen aber mindestens ebenso viele Fragen auf.
Ein Kommentar von Heiko Pohlmann
Die Neue Osnabrücker Zeitung hat den Vorgang groß aufgegriffen, wir bei der HASEPOST ebenfalls. Später beschäftigte die Geschichte über eine Agenturmeldung Medien wie Spiegel, Stern oder Zeit. Das war richtig. Henning entschuldigte sich schnell, wenn auch nicht besonders geschickt. Auch das war richtig und vor allem wichtig.
Nur: Muss auf einen politischen Fehler gleich die größtmögliche Eskalation folgen?
Ein bisschen Helmut Kohl hätte vielleicht geholfen
Schon wenige Tage später erklärte Henning, bei der kommenden Landtagswahl nicht erneut kandidieren zu wollen. Parteichef und Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink distanzierte sich deutlich.
Man hätte das sicher auch anders lösen können: ein Gespräch, eine klare Ansage, eine öffentliche Entschuldigung – und dann ein paar Tage Ruhe. Helmut Kohl beherrschte einst eine politische Technik, die bei der Osnabrücker SPD völlig unbekannt zu sein scheint: aussitzen.
Besonders irritierend war Alferinks Auftritt beim Heimatabend in der Lagerhalle. Dort fragte er mit Blick auf Henning öffentlich: „Wie blöd muss man eigentlich sein?“
Das sollte genau eine Woche vor dem Wahltermin vermutlich authentisch wirken. Bei mir kam etwas anderes an: Da sprach der aktuelle OB-Kandidat über seinen Vorgänger, einen langjährigen Fraktionsvorsitzenden und amtierenden Landtagsabgeordneten, als sei dieser politisch bereits abgeschrieben. War er da wohl auch schon.
Zwei Sätze zum Abschied, mehr ist Frank Henning der Osnabrücker SPD nicht wert?
Seit Montagabend wissen wir, wie die Geschichte weitergeht. Frank Henning nimmt sein gerade gewonnenes Ratsmandat nicht an.
„Frank Henning teilte dem Unterbezirksvorstand der SPD Osnabrück-Stadt und der SPD-Fraktion im Stadtrat mit, dass er das am 13.09. gewonnene Stadtratsmandat nicht annehmen wird. Der Vorstand nimmt dies zur Kenntnis und freut sich, dass Max Westendorf in den Rat nachrücken wird.“
Kein Hinweis auf gemeinsame Jahre und Erfolge. Kein Dank. Kein Bedauern. Stattdessen nimmt die Partei Hennings Entscheidung „zur Kenntnis“ und freut sich über den Nachrücker. Kälter kann man einen langjährigen Parteifreund kaum verabschieden!
Erstaunlich unterschiedliche Maßstäbe bei der SPD
Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig steht aktuell wegen des Verdachts unter Druck, Corona-Verordnungen könnten mit einer reproduzierten Unterschrift versehen worden sein. Dort gilt: prüfen, Rechtslage klären, abwarten. Und ihre Genossen tun alles, um die Angelegenheit bis zur Landtagswahl am Sonntag unkommentiert zu lassen. Ein „wie blöd muss man eigentlich sein“ ist bislang aus dem Willy-Brandt-Haus nicht überliefert.
In Thüringen regiert Mario Voigt weiter als Ministerpräsident, obwohl ihm die TU Chemnitz den Doktorgrad entzogen hat. Seine Koalitionspartner, darunter die SPD, tragen ihn weiter mit.
Die Fälle sind nicht identisch. Sie zeigen aber, wie unterschiedlich politische Geduld verteilt sein kann. Frank Henning hat den Ausgangspunkt seiner Krise selbst gesetzt. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Trotzdem bleibt die Frage, ob man einen langjährigen Parteifreund innerhalb weniger Tage öffentlich derart abräumen muss.
Es gibt diesen alten Dreiklang aus der Politik: „Feind, Todfeind, Parteifreund.“
Frank Henning dürfte inzwischen ziemlich genau wissen, warum es ihn gibt.
[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.
„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann
Kommentare zu diesem Artikel:
- Nur eine kleine Anmerkung auch wenn es satirisch gemeint war: Der Herr auf dem Bild oben ist unser Verteidigungsminister, nicht Armin Laschet!
- Im Osten gab es seinerzeit einen Spruch: "Operative Hektik trotz geistiger Windstille." ...
- Nur eine kleine Anmerkung auch wenn es satirisch gemeint war: Der Herr auf dem Bild oben ist unser Verteidigungsminister, nicht Armin Laschet!
- Im Osten gab es seinerzeit einen Spruch: "Operative Hektik trotz geistiger Windstille." ...
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