In der Politik bedient man sich einer klaren Sprache. Und der alte Spruch „Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte nicht Koch werden“ passt auf die Politik vielleicht sogar noch besser als auf den Beruf des Kochs.
Ein Kommentar von Heiko Pohlmann
Auch im Dialog mit Journalisten fallen mitunter harte Worte. Ich habe davon in vielen Jahren als Herausgeber der HASEPOST einiges erlebt – und selbst ebenso deutlich erwidert. Auch und gerade im Dialog mit Frank Henning. Er gehört innerhalb der Osnabrücker SPD-Ratsfraktion zweifellos zu den kantigeren Persönlichkeiten. Genau das habe ich an ihm lange Zeit durchaus geschätzt: einer, der sagt, was er denkt, und nicht jedes Wort zuvor durch drei Parteigremien und einen Kommunikationsberater laufen lässt.
Allerdings gehört zu dieser Art auch, dass man manchmal überzieht.
Und ja, auch die Widersprüche eines Frank Henning gehören zum politischen Gesamtbild. Wenn seine Fraktion jeden linkspopulistischen Blödsinn mitmacht, der irgendwie mit Klima oder der Verteufelung des Individualverkehrs zu tun hat, während Henning selbst im nicht gerade im CO₂-sparsamsten BMW X5 zur Ratssitzung erscheint, konnte man darüber schmunzeln oder den Kopf schütteln. Politik ist voller solcher Widersprüche.
Doch diesmal geht es um etwas anderes.
Gerade die SPD stellt sich gerne an die Spitze, wenn es um Frauenförderung, respektvollen Umgang miteinander und die Sensibilität gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Diskriminierungen geht. Vor diesem Hintergrund wirkt Hennings WhatsApp-Ausfall besonders bemerkenswert. Aber selbst das ist letztlich nebensächlich. Denn es ist völlig egal, welches Parteibuch jemand besitzt oder welche politischen Leitlinien seine Partei vertritt.
öffentlich gepostete Schmähkritik an NOZ-Journalistin / Screenshot WhatsApp
Eine Journalistin öffentlich als „ätzend“ zu bezeichnen und ihre journalistische Arbeit anschließend mit ihrer Frisur in Verbindung zu bringen, ist keine harte politische Sprache mehr. Da wurde ein Rubikon überschritten – um in der Bildsprache der Politik zu bleiben.
Natürlich darf Frank Henning einen Artikel der NOZ für schlecht halten. Er darf ihn sogar für einen „Scheiß-Artikel“ halten. Journalismus muss Kritik aushalten. Wer veröffentlicht, muss damit leben, dass Leser, Politiker und Betroffene zu völlig anderen Bewertungen kommen. Und Journalisten sollten sich auch nicht hinter ihrer Berufsbezeichnung verschanzen, sobald es einmal ungemütlich wird.
Aber „Diese Frau Dorn ist einfach nur ätzend. Muss wohl an der neuen Frisur liegen“ ist eben keine Kritik an Journalismus.
Das ist eine persönliche Herabsetzung.
Und ausgerechnet die Bemerkung über die Frisur macht aus einem derben Verriss eines Artikels etwas grundsätzlich anderes. Denn damit wird nicht mehr über Recherche, Fakten, Gewichtung oder journalistische Bewertung gesprochen. Stattdessen wird die Person hinter dem Text abgewertet – einschließlich ihres Äußeren.
Ob Henning diesen Satz ursprünglich nur an seine eigene Fraktionsvorsitzende schicken wollte, wie er später erklärte, macht die Sache für mich übrigens nicht wirklich besser. Allenfalls erklärt es, warum wir ihn überhaupt zu lesen bekommen haben.
Denn interessant ist doch gerade, was jemand schreibt, wenn er glaubt, dass die Öffentlichkeit es nicht lesen wird.
Es war ein technische Fehler, den Text in den WhatsApp-Status zu stellen. Der eigentliche Fehler war, ihn überhaupt so zu formulieren.
Dass Henning Sandra Dorn anschließend angerufen und sich entschuldigt hat, ist richtig. Ebenso richtig war es, seine Entschuldigung öffentlich zu machen, nachdem auch die Beleidigung öffentlich geworden war. Das sollte man ihm zugutehalten. Es gibt genügend Politiker, die nach einer Entgleisung zunächst erklären, sie seien missverstanden worden, ihr Account sei gehackt worden oder irgendein Mitarbeiter habe die falsche Taste gedrückt.
Doch seine schriftliche Entschuldigung lässt ausgerechnet den unangenehmsten Teil bemerkenswert elegant verschwinden.
Henning schreibt dort, er habe die NOZ-Berichterstattung „in völlig überzogener und unangemessener Art und Weise kritisiert“ und die Arbeit der verantwortlichen Redakteurin „in ein schlechtes Licht gerückt“.
…und die Entschuldigung einige Stunden später / Screenshot WhatsApp
Nein. Das beschreibt den Vorgang nur zur Hälfte.
Er hat nicht lediglich ihre „Arbeit in ein schlechtes Licht gerückt“. Er hat Sandra Dorn persönlich als „ätzend“ bezeichnet und ihre Frisur zum Gegenstand seiner Attacke gemacht. Genau dafür hätte man sich auch ausdrücklich entschuldigen können.
Ob seine Entschuldigung „ehrlich“ ist, wie derzeit in sozialen Netzwerken diskutiert und auch bezweifelt wird, können Außenstehende kaum beurteilen. In den Kopf von Frank Henning kann niemand hineinsehen. Entscheidend ist etwas anderes: Eine Entschuldigung gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sie das benennt, wofür man sich entschuldigt – und nicht nur eine weichgespülte Zusammenfassung davon.
Hinzu kommt der Zeitpunkt. Gut eine Woche vor der Kommunalwahl dürfte die SPD auf einen solchen Vorgang ungefähr so viel Lust haben wie auf einen Platten am Wahlkampfbus. Frank Henning ist kein politischer Anfänger, dem in der ersten Woche seines ersten Mandats die Sicherungen durchgegangen sind. Er sitzt seit Jahrzehnten im Rat und seit 2013 im Niedersächsischen Landtag. Er kennt Öffentlichkeit. Er kennt Medien. Und er weiß, dass Worte Konsequenzen haben.
Gerade deshalb kann man von ihm mehr erwarten.
Wer über Jahre mit harter Kante Politik macht, darf selbstverständlich auch weiterhin hart austeilen. Das gehört zur Demokratie. Journalisten müssen das aushalten können – genauso wie Politiker harte journalistische Kritik aushalten müssen.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen harter Auseinandersetzung und persönlicher Herabwürdigung.
Frank Henning hat diesen Unterschied am Freitag aus den Augen verloren.
Und vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus der Geschichte: Nicht jeder Satz, den man im Zorn denkt, muss ausgesprochen werden. Und erst recht muss er nicht auf WhatsApp landen. Darf er auch nicht!
Auch nicht versehentlich.
[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.
„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann
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