Es gibt Bilder, die altern schlecht. Und es gibt Bilder, die mit jedem Jahr, das vergeht, noch ein bisschen peinlicher werden. Zu letzteren gehört für mich ein Foto aus dem Kommunalwahljahr 2016: Vertreter der damaligen „Regenbogenkoalition“ halten gut gelaunt eine „Abrissanzeige“ für die Schrottimmobilien am Neumarkt in die Kamera. Ganz vorne dabei: der damalige SPD-Fraktionschef Frank Henning, aktuell wegen des „Frisuren-Gates“ wieder einmal Gegenstand politischer Diskussionen.
Wie die HASEPOST damals herausfand, war diese Abrissanzeige nicht nur fehlerhaft beziehungsweise unvollständig ausgefüllt. Viel entscheidender: Dem Papier folgte kein Abriss. Kein Bagger. Kein Neubau. Nichts.
Ein Kommentar von Heiko Pohlmann
Zehn Jahre später steht nun tatsächlich ein Bagger am alten Wöhrl-Parkhaus. Und zum Jahreswechsel soll es auch der wohl prominentesten Schrottimmobilie am Neumarkt an den Kragen gehen: dem ehemaligen Wöhrl-Kaufhaus, später als Ypso-Haus bekannt. Endlich!
Der Abriss beginnt drei Tage vor der Wahl? Na und?
Nun kann man darüber diskutieren, ob es Zufall, geschickte Terminplanung oder politische Inszenierung ist, dass ausgerechnet drei Tage vor der Kommunalwahl der Bagger loslegt. SPD-Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink findet das verdächtig und spricht von „zu viel Inszenierung und zu wenig Ergebnis“.
Ich finde: Es ist völlig egal! Und gerade wenn es um den Neumarkt geht, stünde einem SPD-Politiker etwas mehr Zurückhaltung gut zu Gesicht – siehe die nie vollzogene Abrissanzeige seines Parteigenossen.
Wenn ein Bagger nach mehr als einem Jahrzehnt Stillstand endlich anfangen kann, eine der größten städtebaulichen Sackgassen Osnabrücks abzuräumen, dann soll er bitte fahren. Sofort. Und keinen Tag später, nur weil irgendwo ein Wahltermin im Kalender steht. Der entscheidende Unterschied zu 2016 ist nämlich ziemlich groß: Damals wurde ein Stück Papier in eine Kamera gehalten. Heute beißt sich ein echter Abrissbagger durch Beton.
Hier gibt es nichts kleinzureden: Da unternimmt tatsächlich jemand etwas
Und noch etwas unterscheidet die Situation von damals: Wir haben einen Unternehmer, der tatsächlich etwas unternimmt. Die Lindhorst Gruppe nimmt richtig Geld in die Hand, reißt ab, bereitet vor und will anschließend bauen. Und was soll dort entstehen? Eben kein gigantisches Shoppingcenter mehr, dessen Konzept schon überholt gewesen wäre, bevor der erste Kunde die Rolltreppe betreten hätte.
Geplant sind Wohnungen – und davon brauchen wir in Osnabrück bekanntlich Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen. Dazu Wohnangebote für ältere Menschen, Studierende und Auszubildende, Pflegeangebote, Arztpraxen, Nahversorgung und Einzelhandel. Voraussichtlich wird auch ein Drogeriemarkt dazugehören. Kurz: ziemlich viel von dem, was Osnabrück auf „der anderen Seite“ des Neumarkts richtig guttun kann. Das alles übrigens privat finanziert und nicht aus der Steuerkasse einer Stadt, die finanziell ohnehin gefährlich nahe am Abgrund balanciert.
Es gibt Verantwortliche für die verlorenen Shoppingcenter-Jahre
Man darf bei aller Freude über die Bagger allerdings nicht vergessen, wie viel Zeit Osnabrück verloren hat. SPD und Grüne gehörten über Jahre zu den größten politischen Unterstützern der Idee, ausgerechnet am Neumarkt ein riesiges Shoppingcenter zu errichten. Dabei zeichnete sich längst am Horizont ab, wohin sich der Einzelhandel entwickelte. Amazon, Zalando und Co. veränderten das Konsumverhalten fundamental, während man in Osnabrück noch von einer großen neuen Einkaufswelt träumte. Heute kämpfen Einkaufszentren vielerorts selbst mit Leerständen und Konzeptproblemen.
Innerhalb des Wallrings stehen inzwischen mehr als 60 Ladenflächen leer. Das musste man als Kommunalpolitiker vor zehn Jahren vielleicht nicht in diesem Ausmaß vorhersehen. Aber Warnzeichen gab es reichlich. Die Osnabrücker IHK mahnte früh dazu, die Auswirkungen des Shoppingcenter-Projekts auf den bestehenden Handel genau zu beobachten und eine weitere Ausweitung der Verkaufsflächen von einem entsprechenden Monitoring abhängig zu machen. Auch Immobilien- und Handelsexperten warnten vor immer neuen Verkaufsflächen. Schon 2012 brachte es der Immobilienfachmann Frank Wenzel gegenüber der HASEPOST auf einen bemerkenswert einfachen Satz: „Die Beseitigung eines Schandflecks rechtfertigt nicht den Bau eines Shoppingcenters.“ Wenige Jahre später war längst absehbar, wie Onlinehandel, Filialsterben und verändertes Konsumverhalten den klassischen Einzelhandel grundlegend verändern würden. Trotzdem hielt Osnabrücks damalige von der SPD geführte Ratsmehrheit lange am großen Shoppingcenter fest. Noch dazu in einer Stadt, in der die mal rot-grüne, mal grün-rote Mehrheiten alles dafür tun, die Erreichbarkeit der Innenstadt permanent zu erschweren.
Osnabrück hat darüber mehr als ein Jahrzehnt verloren. Eine komplette Generation junger Osnabrückerinnen und Osnabrücker kennt den Neumarkt inzwischen kaum anders: auf der einen Seite eine Ansammlung heruntergekommener und leerstehender Immobilien – und dazu Geschichten der Eltern und Großeltern darüber, dass dort tatsächlich einmal ein lebendiges Kaufhaus Hertie stand, später Wöhrl einzog und wie anschließend alles Stück für Stück den Bach runterging.
Die Geschichte hat nun ein neues Kapitel bekommen. Und mir gefällt sehr gut, dass am Anfang dieses Kapitels ein Bagger steht, der Platz für Neues schafft! Vielleicht ja auch ein gutes Omen für die Kommunalwahl an diesem Sonntag.
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