Einbürgerungstest, Führerscheinprüfung, Taxi-Test oder Sprachzertifikat einfach von jemand anderem schreiben lassen? Genau dieses Geschäftsmodell soll eine mutmaßlich bandenmäßig organisierte Gruppe betrieben haben. Die Polizei Osnabrück geht von mindestens 100 Fällen und Einnahmen von mehr als einer Viertelmillion Euro aus. Am Mittwoch schlugen die Ermittler in Osnabrück, Melle, Lienen und Hamm zu.
Für Geld ging ein anderer zur Prüfung
Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft Osnabrück sollen Interessierte über Messengerdienste Kontakt zu der Gruppe aufgenommen haben. Gegen Bezahlung sei dann organisiert worden, dass nicht der eigentliche Prüfling, sondern ein Stellvertreter zur Prüfung erschien.
Das Angebot soll dabei erstaunlich breit gewesen sein: Einbürgerungstests, Sprachzertifikate, Führerscheinprüfungen, Prüfungen für Taxiunternehmer und Sachkundeprüfungen nach Paragraf 34a der Gewerbeordnung sollen auf diese Weise absolviert worden sein.
Je nach Prüfung sollen die Kunden dafür mehrere hundert bis mehrere tausend Euro bezahlt haben. Insgesamt gehen die Ermittler inzwischen von Einnahmen von mehr als 250.000 Euro aus.
Drogenspürhund bei der Arbeit / Foto: Polizei Osnabrück
Gefälschte Ausweise für die falschen Prüflinge
Damit der Schwindel funktionieren konnte, sollen ge- oder verfälschte Ausweisdokumente zum Einsatz gekommen sein. Darauf sollen zwar die Personalien des eigentlichen Prüfungsteilnehmers gestanden haben, das Foto habe jedoch den jeweiligen Stellvertreter gezeigt.
Dieser soll sich damit bei der Prüfung als der angemeldete Kandidat ausgegeben haben. Auch Unterschriften oder elektronische Identitätsbestätigungen sollen von den falschen Prüflingen vorgenommen worden sein.
Die Staatsanwaltschaft sieht deshalb unter anderem einen Verdacht auf Urkundenfälschung und die Fälschung beweiserheblicher Daten.
Spur führte über ein beschlagnahmtes Handy
Die Ermittlungen laufen bereits seit März 2026. Ausgangspunkt war ausgerechnet ein anderes Strafverfahren: Das Mobiltelefon eines damals 28 Jahre alten Beschuldigten aus Osnabrück war wegen des Verdachts auf unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln beschlagnahmt worden.
Bei der Auswertung des Handys stießen die Ermittler offenbar auf Hinweise auf die mutmaßlichen Stellvertreterprüfungen. Die weiteren Ermittlungen erhärteten nach Angaben der Behörden den Verdacht, dass das Geschäft auch weiterhin betrieben worden sein soll.
Mindestens 100 Fälle werden derzeit überprüft.
Neun Personen im Visier der Ermittler
Nach aktuellem Ermittlungsstand sollen neun Personen zwischen 26 und 51 Jahren zu der mutmaßlichen Gruppierung gehören. Daneben identifizierte die Polizei weitere Personen, die einzelne Prüfungen als Stellvertreter abgelegt haben sollen, ohne selbst Teil der Gruppe gewesen zu sein.
Brisant ist zudem ein weiterer Verdacht: Auch gegen einen nebenamtlichen Prüfer einer Industrie- und Handelskammer wird wegen möglicher Bestechlichkeit ermittelt.
Zwei Haftbefehle und Durchsuchungen an vier Orten
Am Mittwoch durchsuchten Einsatzkräfte knapp ein Dutzend Objekte in Osnabrück, Melle, Lienen und Hamm. Dabei wurden zwei Haftbefehle vollstreckt. Gegenstand der Haftbefehle ist unter anderem der Verdacht des bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern.
Ein Auto wird abgeschleppt / Foto: Polizei Osnabrück
Außerdem wurden Vermögensarreste umgesetzt.
Bei den Durchsuchungen stellten die Ermittler mehr als ein Dutzend Mobiltelefone sowie mehrere Computer, Laptops und Datenträger sicher. Hinzu kamen verschiedene Ausweisdokumente, deren Echtheit nun überprüft wird.
Beschlagnahmt wurden außerdem mehrere tausend Euro Bargeld und ein hochwertiger Mercedes GLE.
Auch Drogen und eine Armbrust gefunden
Bei den Durchsuchungen stießen die Beamten nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft zudem auf Kokain, XTC und Marihuana. Auch eine Armbrust wurde sichergestellt.
Die beschlagnahmten Mobiltelefone, Computer und weiteren Beweismittel werden nun ausgewertet. Die Ermittlungen der Polizeiinspektion Osnabrück unter Leitung der Staatsanwaltschaft Osnabrück dauern an.
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