Rom setzt auf teures LNG, Berlin auf Marktmechanismen – wer hat die bessere Strategie?
Italien hat im Juli erstmals den größten Anteil an LNG-Importen in der EU erreicht, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Schiffsverfolgungsdaten berichtet. Das Land treibt die Befüllung seiner Gasspeicher mit finanziellen Anreizen und strengen Vorgaben voran, während Deutschland weiterhin auf Marktmechanismen setzt. Aktuell sind die italienischen Speicher laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) zu rund 75 Prozent gefüllt, die deutschen dagegen nur zu 47 Prozent. Die unterschiedlichen Ansätze spiegeln zwei gegensätzliche Wetten auf die weitere Entwicklung der europäischen Gaskrise wider. Sollten die Lieferausfälle im Nahen Osten anhalten und die Gaspreise weiter steigen, könnte sich Italiens teure Bevorratung im Winter auszahlen.
Italien speichert Gas mit Bußgeldern und Prämien
Entspannt sich der Markt hingegen, hätte das Land seine Vorräte auf Kosten der Verbraucher mit überteuertem Gas gefüllt. Italien ist besonders stark auf eine sichere Gasversorgung angewiesen, da sein Stromsektor stärker von Erdgas abhängig ist als in jedem anderen europäischen Land. Während der jüngsten Hitzewellen stieg der Energiebedarf zusätzlich, weil Klimaanlagen und Kühlgeräte mehr Strom verbrauchten. Die Regierung in Rom gewährt Händlern finanzielle Anreize für das Einspeichern und setzt bei Verstößen gegen Füllstandsvorgaben Bußgelder ein.
Deutschland hinkt Italien bei Gasspeicherfüllung hinterher
Bereits im April hatte der italienische Gasnetzbetreiber Snam über Auktionen Speicherkapazitäten vergeben, um das Ziel von mindestens 90 Prozent zu erreichen. Snam-Chef Agostino Scornajenchi warnt zugleich vor anhaltendem Druck auf die europäischen Gaspreise und rät Deutschland und anderen Ländern, die Befüllung ihrer Speicher zu beschleunigen. Gemessen an der absoluten Kapazität besitzt Deutschland zwar die größten Gasspeicher Europas, gefolgt von Italien. Dennoch liegt die Bundesrepublik beim Füllstand deutlich hinter ihrem südeuropäischen Nachbarn. Italien hat laut GIE-Daten aktuell rund 153 Terawattstunden Gas eingelagert, Deutschland nur 115.
Preisstruktur bremst deutsche Gasspeicher-Befüllung
Der große Abstand ist vor allem eine Folge unterschiedlicher staatlicher Eingriffe. Während Italien Händlern die Einspeicherung finanziell erleichtert und bei verfehlten Zielen mit Sanktionen droht, fehlen in Deutschland vergleichbare kurzfristige Anreize. Das Grundproblem liegt in einer ungewöhnlichen Preisstruktur: Normalerweise ist Gas im Sommer günstiger als im Winter, doch derzeit kosten Lieferungen für den kommenden Winter etwas weniger als kurzfristig verfügbares Sommergas. Ohne staatliche Absicherung würde das Einspeichern für viele Unternehmen Verluste bedeuten.