Man muss Friedrich Merz eines lassen: Wenn es innenpolitisch richtig unangenehm wird, beherrscht er eine Disziplin ziemlich gut – das Verschwinden.
Ein Kommentar von Heiko Pohlmann
Diesmal nach Rovaniemi in Finnland. Dort geht es um die Arktis, Russland und die strategischen Interessen Europas. Alles zweifellos wichtig. Nur grenzt die Arktis bekanntlich nicht an Deutschland und Friedrich Merz ist auch nicht der Außenminister. Und für einen großen Teil der Bundesbürger dürfte die Zukunft dieser entfernten Gegend derzeit ungefähr so drängend sein wie die Frage, wie viele Menschen in Peru auf mit deutscher Hilfe finanzierten Fahrradwegen zur Arbeit fahren – oder auch nicht.
Währenddessen brennt es zuhause.
Die CDU hat bei den niedersächsischen Kommunalwahlen zwar erneut Platz eins erreicht, aber nur noch mit 27,2 Prozent. Das sind 4,5 Prozentpunkte weniger als 2021. In einem Kernland der CDU.
Niedersachsens sonst so zurückhaltender CDU-Chef Sebastian Lechner macht inzwischen deutlich, wo er das Problem sieht. Wer im Wahlkampf an jedem Stand auf die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung angesprochen werde, müsse erkennen, „dass wir da zu wenig geliefert haben“. Seine Forderung: „Es braucht eine politische Änderung in Berlin.“ Energie- und Wohnungspreise seien zu hoch, die Menschen hätten zu wenig Netto vom Brutto.
Und Merz tut das, was er am besten kann, wenn es schwierig wird: verschwinden. Zuvor verspricht er gerne das Blaue vom Himmel – um anschließend erstaunlich häufig genau das Gegenteil dessen zu tun, was er zuvor angekündigt hatte. „Pinocchio-Kanzler“ – diesen Spitznamen wird er vermutlich nicht mehr los. Sein Amt dagegen schon. Und womöglich schneller, als er selbst glaubt. Vielleicht warten diejenigen, die den Dolch im Gewande führen, nur noch darauf, dass die nächsten Wahlen vorüber sind.
Denn nach Sachsen-Anhalt und Niedersachsen droht der Union bereits am kommenden Sonntag mit Mecklenburg-Vorpommern und Berlin der nächste unangenehme Wahlabend.
Vielleicht ist Finnland deshalb gerade gar kein schlechter Ort für Friedrich Merz. Ach, würde er doch einfach dortbleiben, dürften sich inzwischen nicht nur außerhalb der Union einige wünschen.
Möglicherweise ist es tatsächlich die nackte Angst davor, dass ihm in Berlin jemand den Dolch – selbstverständlich nur im übertragenen Sinne – in den Rücken stößt. Oder ihm zumindest die Wahl lässt, ob er vor dem sonst bald kommenden politischen Todesstoß endlich selbst handelt und die sozialdemokratischen Minderleister im Kabinett vor die Tür setzt – allen voran Bärbel Bas und Lars Klingbeil.
Falsche Freunde für Friedrich Merz – und mit der DNA der CDU ungefähr so kompatibel wie die derzeitige Schuldenpolitik der Bundesregierung mit ordentlicher Haushaltsführung.
Im finnischen Rovaniemi gibt es inzwischen erste Nachtfröste. Für Friedrich Merz ist es dort womöglich derzeit deutlich gemütlicher als zuhause.
Vielleicht bleibt er ja noch ein paar Tage.
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„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann
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