Neue Sorge um die Zukunft des Volkswagen-Werks in Osnabrück: Der israelische Rüstungskonzern Rafael plant nach Informationen der „Bild“-Zeitung den Aufbau einer Produktionslinie für Abfangraketen des Luftverteidigungssystems „Iron Dome“ in Indien.
Zuvor war Osnabrück als möglicher deutscher Produktionsstandort im Gespräch. Die Indien-Pläne folgen auf Berichte über den Widerstand des VW-Großaktionärs Katar gegen eine Zusammenarbeit mit dem israelischen Staatsunternehmen.
Die entscheidende Frage für die rund 2.300 Beschäftigten im Osnabrücker Volkswagen-Werk lautet nun: Gehen mögliche Rüstungsaufträge und damit Arbeitsplätze, die dem Standort nach dem Ende der Fahrzeugproduktion eine neue Perspektive geben sollten, stattdessen nach Indien?
Bestätigt ist eine Verlagerung der nach Unterzeichnung von Vorverträgen sicher geglaubten Produktion von Osnabrück nach Indien bislang nicht. Die zeitliche Abfolge der Entwicklungen dürfte dennoch für neue Unruhe im Werk sorgen: Ende April unterzeichneten Volkswagen und Rafael eine Absichtserklärung für eine mögliche Zusammenarbeit. Danach wurden Einwände aus Katar bekannt. Nun bereitet Rafael offenbar parallel eine Produktion von „Iron Dome“-Abfangraketen in Indien vor.
Rafael will „Iron Dome“-Raketen in Indien produzieren
Nach Informationen der „Bild“-Zeitung plant Rafael in Indien eine Produktionslinie für Abfangraketen vom Typ Tamir. Diese Raketen sind ein zentraler Bestandteil des israelischen Luftverteidigungssystems „Iron Dome“, das angreifende Raketen und andere Flugkörper in der Luft abfangen soll.
Auch internationale Medien berichten inzwischen über die Indien-Pläne. Der israelische Wirtschaftsdienst „Globes“ und der indische Nachrichtensender NDTV melden, Rafael führe Gespräche mit indischen Rüstungsunternehmen über eine gemeinsame Herstellung von Tamir-Abfangraketen. Indien wäre demnach das erste asiatische Land außerhalb Israels, in dem diese Raketen produziert werden.
Rafael hat seine internationale Fertigung bereits zuvor ausgebaut. Im US-Bundesstaat Arkansas eröffnete das israelische Unternehmen 2024 gemeinsam mit dem US-Rüstungskonzern Raytheon ein Werk zur Herstellung von Tamir-Raketen.
Für Osnabrück waren offenbar andere Komponenten vorgesehen
Allerdings geht es bei den neuen Plänen für Indien nicht vollständig um dieselbe Produktion, die bislang mit dem Volkswagen-Werk in Osnabrück in Verbindung gebracht wurde. Für Osnabrück war nach bisherigen Berichten vor allem die Herstellung technischer Komponenten des „Iron Dome“-Systems vorgesehen.
Genannt wurden unter anderem Raketenmotoren, Abschussvorrichtungen, schwere Transportfahrzeuge, Generatoren und weitere Baugruppen. Sprengstoffe und vollständige Raketen sollten nach den bislang bekannten Planungen nicht im Volkswagen-Werk hergestellt werden.
Dennoch könnten sich die beiden Projekte zumindest teilweise überschneiden. Entscheidend wird sein, welchen Umfang die geplante Produktion in Indien erhält und ob Rafael daneben weiterhin an einem deutschen Standort festhält. Eine Stellungnahme des israelischen Unternehmens zu möglichen Auswirkungen der Indien-Pläne auf Osnabrück liegt bislang nicht vor.
Katar soll Rafael-Deal für Osnabrück ausbremsen
Erst am vergangenen Wochenende hatten unter anderem das „Handelsblatt“ über Widerstand gegen die Osnabrück-Pläne berichtet. Demnach stellt sich der katarische Staatsfonds Qatar Investment Authority gegen eine Zusammenarbeit von Volkswagen mit dem israelischen Rüstungskonzern.
Die „Bild“-Zeitung spricht von einem Veto des Großaktionärs. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete zuvor etwas zurückhaltender von Einwänden und Vorbehalten Katars, durch die die Gespräche mit Rafael erschwert würden.
Die Qatar Investment Authority hält 17 Prozent der Stimmrechte und 10,4 Prozent des gesamten Aktienkapitals von Volkswagen. Vertreter des Golfstaates sitzen zudem im VW-Aufsichtsrat. Damit kann Katar erheblichen Einfluss auf strategische Entscheidungen des Konzerns nehmen.
Als Grund für die ablehnende Haltung werden die belasteten Beziehungen zwischen Katar und Israel genannt. Der Golfstaat unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und gilt zugleich als wichtiger Vermittler im Konflikt mit der Terrororganisation Hamas.
Absichtserklärung war noch kein Kaufvertrag
Ende April hatten Volkswagen und Rafael nach übereinstimmenden Medienberichten eine Absichtserklärung zur Zukunft des Osnabrücker Werks unterzeichnet. Diese Vereinbarung galt als bislang konkretester Schritt auf dem Weg zu einer neuen Nutzung des Standorts.
Eine Absichtserklärung ist jedoch noch kein verbindlicher Kauf- oder Produktionsvertrag. Zahlreiche wirtschaftliche, politische und rechtliche Fragen müssen vor einer möglichen Übernahme oder Zusammenarbeit geklärt werden.
Volkswagen erklärte gegenüber der „Bild“-Zeitung, der Konzern prüfe weiterhin Perspektiven für das Werk über das Auslaufen der aktuellen Fahrzeugfertigung im Jahr 2027 hinaus. Dazu führe das Unternehmen Gespräche mit Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie, um nachhaltige Beschäftigungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Produktion des T-Roc Cabriolets läuft 2027 aus
Die Zeit für eine Entscheidung wird knapper. Im kommenden Jahr soll die Produktion des T-Roc Cabriolets in Osnabrück auslaufen. Ein Nachfolgemodell für das Werk ist bislang nicht vorgesehen.
Der Einstieg eines Rüstungsunternehmens gilt deshalb als eine der wichtigsten Möglichkeiten, die vorhandenen Produktionsanlagen weiter zu nutzen und zumindest einen großen Teil der Arbeitsplätze zu erhalten. Neben Rafael wurden in den vergangenen Monaten auch andere Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie als mögliche Partner genannt.
Die Gespräche mit Rafael hatten allerdings den bislang konkretesten Eindruck hinterlassen. Der israelische Staatskonzern benötigt zusätzliche Produktionskapazitäten, während Volkswagen für das Osnabrücker Werk dringend eine industrielle Anschlussnutzung sucht.
Indien bietet Rafael strategische Vorteile
Nach Darstellung der „Bild“-Zeitung geht es Rafael bei den Indien-Plänen auch um stabilere Produktions- und Lieferketten. Indien unterhält enge Beziehungen zu Israel und ist zugleich ein bedeutender Markt für Rüstungsgüter.
Die indische Regierung verlangt bei großen Rüstungsaufträgen regelmäßig, dass zumindest Teile der Produktion im eigenen Land stattfinden. Eine Zusammenarbeit mit indischen Unternehmen könnte Rafael damit nicht nur zusätzliche Fertigungskapazitäten, sondern auch bessere Chancen auf weitere Aufträge des indischen Militärs eröffnen.
Israelische Medien sehen in einer Tamir-Produktion in Indien einen weiteren Ausbau der bereits engen militärischen Zusammenarbeit beider Länder. Ob die dort geplante Produktionslinie zusätzlich zur möglichen Fertigung in Deutschland entsteht oder Teile davon ersetzt, ist derzeit nicht bekannt.
Will Niedersachsen beim VW-Werk einsteigen?
Parallel zu den Berichten über Indien gibt es seit Wochenbeginn neue Spekulationen über eine mögliche Rolle des Landes Niedersachsen. Nach einem Bericht des Wirtschaftsmagazins „Capital“, den die Nachrichtenagentur Reuters aufgegriffen hat, prüft die Landesregierung eine Beteiligung am Volkswagen-Werk in Osnabrück.
Eine solche Beteiligung könnte den Wechsel von der Automobil- zur Rüstungsproduktion erleichtern und dem Standort zusätzliche politische sowie wirtschaftliche Sicherheit geben. Wie eine Beteiligung konkret ausgestaltet werden könnte, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Das Land hält 20 Prozent der Stimmrechte des Konzerns und hat sich wiederholt gegen Werksschließungen ausgesprochen. Eine offizielle Entscheidung über eine Beteiligung am Osnabrücker Standort gibt es bislang nicht.
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