Heute haben SPD, Grüne, Linke und zahlreiche Vertreter aus dem linken politischen Lager verkündet, sie wollten X „nicht mehr nutzen“. Die Postings dazu sind zu weiten Teilen nahezu bis absolut identisch – gleicher Text, gleicher Hashtag #WirVerlassenX, gleicher Montagmorgen, gleiche Begründung: angeblich „Chaos“ und „Desinformation“. Zum tatsächlichen Verlassen hat es offenbar nicht gereicht. Die Accounts bleiben bestehen, man stellt lediglich das „Bespielen“ ein. Ein Hintertürchen bleibt offen.
Eine koordinierte Abschiedstour also, bei der man sich gegenseitig die Hand reicht, gemeinsam die Tür zuzieht und versucht, noch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen, die man angesichts von Wahlprognosen irgendwo zwischen unter 5 % und gerade noch zweistellig mit diesen Parteien nicht mehr bekommt – nicht nur bei X, sondern bald auch im nächsten Wahllokal, denn 2026 wird ein wichtiges Wahljahr, in dem vielleicht sogar eine neue Bundesregierung vorzeitig zur Abstimmung stehen wird.
Ein Kommentar von Heiko Pohlmann
Die verbliebenen (millionenfachen) Nutzer bei X spotten derweil über die perfekte Synchronität der Erklärungen derer, die vom Wahlvolk nicht mehr ernst genommen werden und so eifrig um Aufmerksamkeit buhlen.
Über die auffällige Gleichförmigkeit der Sprache und darüber, dass ausgerechnet diejenigen, die jahrelang von der alten Twitter-Algorithmen-Bias profitiert haben, nun plötzlich die Plattform für „toxisch“ erklären, seit Elon Musk die Zensur-Schraube gelockert hat. Und auch wenn der Begriff „Gleichschaltung“ eigentlich staatliche Einflussnahme auf die Presse meint, passt er auch hier nur allzu gut – nur diesmal nicht von oben erzwungen durch einen totalitären Staat, sondern aus ideologischer Einheitlichkeit und in Hoffnung auf einen totalitären sozialistischen Staat.
Das eigentliche Problem: Es geht hier nicht um individuelle Entscheidungen einzelner Politiker oder Pressestellen. Es geht um ein kollektives, abgestimmtes Manöver. Drei Parteien, die sich sonst gerne als pluralistisch und debattenfreudig inszenieren, liefern auf einen Schlag wortgleiche Abschiedsbriefe. Kein Raum für Nuancen, keine abweichende Meinung innerhalb der eigenen Reihen, kein „wir sehen das bei uns etwas anders“. Stattdessen: perfekte Marschordnung und Gleichschritt. Das ist keine Flucht vor Hass – das ist Flucht vor echter Meinungsvielfalt. Und das ist das, was uns in den Parlamenten droht: Eine sozialistische Einheitspartei – hatten wir schon mal, ging nicht gut aus!
Denn genau das ist X seit der Übernahme durch Musk geworden: ein Ort, an dem auch unliebsame, ungeschminkte, manchmal unangenehme Positionen eine Plattform finden – basierend auf einem US-amerikanischen Rechtsverständnis, das die Meinungs- und Redefreiheit doch noch etwas wichtiger nimmt als hierzulande. Wo auch AfD-Politiker, angebliche Querdenker, liberale bis libertäre Freigeister und weit überwiegend ganz normale Bürger ohne Filter sprechen können. Für Parteien, die jahrelang den Diskurs dominiert und abweichende Stimmen gerne als „Hass und Hetze“ delegitimiert haben, ist das natürlich ungemütlich. Statt sich der Debatte zu stellen, ziehen sie sich zurück in die vermeintlich sicheren Häfen von Bluesky, Instagram oder WhatsApp-Kanälen – wo die eigene Blase ungestört bleibt.
Die Ironie dieser Gleichschaltung: Die linken Parteien beklagen eine angeblich fehlende Debattenkultur auf X, praktizieren aber selbst das genaue Gegenteil. Sie fordern Vielfalt – solange sie nicht wehtut. Sie preisen Demokratie – solange sie nicht mit Gegenwind konfrontiert wird. Und sie werfen anderen vor, Desinformation zu verbreiten, während sie selbst nicht fähig sind, sich der Kritik zu stellen.
Grüne, SPD und SED mit bis auf das Komma gleichlautenden Erklärungen zu X am 4. Mai 2026 / Screenshots X
Und während also linke Organisationen und Parteien heute kollektiv bei X die Segel streichen, passiert bei uns etwas anderes. Ausgerechnet heute kehrt die HASEPOST wieder aktiv zu X zurück. Ein zufälliges Datum nach einer Server-Neukonfiguration am Wochenende.
Wir werden künftig wieder regelmäßig bei X Teaser und Hinweise auf unsere Berichte posten – auch dann, wenn dort gleich nebenan auch Meinungen geteilt werden, die unsere Redaktion nicht teilt. Denn genau dafür ist eine offene Plattform da: für den ungefilterten Austausch. Und als besonders pikante Pointe:
Wir bespielen ab sofort auch das Mastodon-Netzwerk regelmäßig – jenes dezentrale, etwas woke und eher links geprägte Ökosystem, das vielen als eine moralisch überlegene Alternative zu X gilt. Während andere also demonstrativ gehen, kommen wir zurück – und erweitern gleichzeitig unser Angebot auf genau so eine Plattform, die als Refugium der von der Mehrheitsmeinung verlassenen gefeiert wird. Übrigens auch schon länger geplant, weil unser neues Redaktionssystem uns die technische Schnittstelle dazu bietet.
Das ist präsent bleiben, wo es ungemütlich wird, und dort mitmachen, wo man uns vielleicht nicht haben will. Die Geschichte wird zeigen, wer am Ende mehr erreicht hat: diejenigen, die weglaufen, oder diejenigen, die bleiben und sich auch einem kritischen Debattenpublikum stellen. Denn eines ist sicher: Auch dieser Kommentar wird nicht nur Beifall finden. Und wenn das so ist, dann ist es ein guter Kommentar!
[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.
„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann
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