Wenn auf der Waldbühne Kloster Oesede das Musical „Das Wunder von Bern“ gespielt wird, geht es um weit mehr als den historischen WM-Triumph von 1954. Zwar bildet das berühmte Endspiel den äußeren Rahmen, doch im Mittelpunkt stehen die Menschen, ihre Verletzungen und der schwierige Weg zurück in ein gemeinsames Leben nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Gerade diese Verbindung aus persönlichem Familiendrama und Zeitgeschichte verleiht der Inszenierung eine besondere Kraft.
Konflikte innerhalb der Familie Lubanski
Wie bereits andere Freilichtbühnen setzt auch Kloster Oesede auf die eigens für Amateurproduktionen entwickelte Kurzfassung von Jannis Leisengang. Diese reduziert die Spielzeit auf rund zwei Stunden und verändert die Dramaturgie spürbar. Zunächst dominieren die Konflikte innerhalb der Familie Lubanski, ehe der Fußball im zweiten Teil stärker in den Fokus rückt. Die Straffung sorgt zwar für ein zügiges Erzähltempo, kostet das Musical aber einige seiner musikalischen Höhepunkte. Vor allem die zahlreichen gestrichenen Songs hinterlassen eine Lücke. Umso erfreulicher ist, dass Regisseur Bernard Niemeyer das zentrale Lied „Die Krähe“ wieder in die Produktion integrieren konnte – ein wichtiger Moment für die Entwicklung der Hauptfigur.
Die mitwirkenden Kinder sind allesamt großartig. / Foto: Dominik Lapp
Kreative Regie und starke Bilder
Niemeyer nutzt die Möglichkeiten der Freilichtbühne ausgesprochen geschickt. Seine Inszenierung lebt von klaren Figurenzeichnungen, flüssigen Szenenwechseln und eindrucksvollen Gruppenbildern, die den Zusammenhalt ebenso wie die Spannungen innerhalb der Nachkriegsgesellschaft sichtbar machen. Unterstützt wird dies durch die abwechslungsreiche Choreografie von Larissa Fühner und Marieke Börger, deren Bewegungsabläufe sowohl große Ensemblenummern als auch ruhigere Szenen wirkungsvoll prägen. Besonders originell gelingt die Umsetzung des WM-Finales, das überraschend viel Dynamik und Spannung entwickelt.
Stimmiges Gesamtbild
Auch optisch überzeugt die Aufführung. Mit wenigen Möbeln und variablen Bühnenelementen entstehen mühelos unterschiedliche Schauplätze der 1950er-Jahre. Das Bühnenbild von Tom Grasshof bleibt funktional, ohne an Atmosphäre einzubüßen, während die detailreichen Kostüme den Zeitgeist des deutschen Wirtschaftswunders glaubwürdig einfangen. Musikalisch präsentiert sich die Waldbühne ebenfalls auf hohem Niveau. Die siebenköpfige Band unter der Leitung von Christian Tobias Müller begleitet das Geschehen mit sicherem Gespür für die unterschiedlichen Klangfarben der Partitur.
Lea Schulte-Hillen (in Gelb) begeistert in der Rolle der Annette Ackermann. / Foto: Dominik Lapp
Ein Ensemble mit viel Spielfreude
Im Zentrum steht Tim Schlattmann als Richard Lubanski. Er zeigt den heimkehrenden Kriegsgefangenen nicht als bloßen Patriarchen, sondern als vom Erlebten gezeichneten Mann, dessen innere Zerrissenheit jederzeit spürbar bleibt. Karina Pörtner verleiht Christa Lubanski Wärme und Glaubwürdigkeit, während Piet Kröger als Mattes mit natürlicher Ausstrahlung schnell die Sympathien des Publikums gewinnt. Ebenfalls überzeugend agieren Arne Thiede als Bruno und Jolina Tschirner als Ingrid. Einen besonderen Glanzpunkt setzt Lea Schulte-Hillen als Annette, die mit starker Stimme, Charisma und großer Spielfreude zu den herausragenden Leistungen des Abends zählt. Auch die weiteren Rollen sind passend besetzt und fügen sich harmonisch in das Gesamtbild ein.
Anspruchsvolles Amateurtheater
Die Waldbühne Kloster Oesede beweist einmal mehr, wie anspruchsvoll Amateurtheater heute sein kann. Regie, Ensemble, Musik und die kreative Umsetzung der Szenen sorgen für einen mitreißenden Musicalabend, der berührt und handwerklich überzeugt. Insgesamt eine geschlossene und eindrucksvolle Inszenierung, die zeigt, welches Potenzial in der Waldbühne Kloster Oesede steckt.
Im Zentrum des Musicals steht nicht der Fußball, sondern eine Familiengeschichte: Piet Kröger als Mattes und Karina Pörtner als dessen Mutter schöpfen dabei schauspielerisch wie gesanglich aus dem Vollen. / Foto: Dominik Lapp
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