Die geplante Kinderbibliothek im ehemaligen Prelle-Haus an der Krahnstraße in Osnabrück entwickelt sich zunehmend zum politischen Streitthema. Obwohl die Verwaltung ein umfangreiches Konzept vorgelegt hat und viele Ausschussmitglieder die Chancen für Bildung und Innenstadtentwicklung betonen, fiel auch in der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses keine endgültige Entscheidung. Stattdessen prallten Begeisterung, Skepsis und offene Fragen aufeinander.
Mehr als eine Bibliothek
Die Stadt verfolgt mit dem Projekt gleich zwei Ziele: Zum einen soll die Kinderbibliothek deutlich moderner und attraktiver werden, zum anderen soll das seit Anfang 2023 leerstehende ehemalige Prelle-Gebäude neues Leben in die Krahnstraße bringen. Gerade dort sieht die Stadt besonderen Handlungsbedarf. Während die Leerstandsquote in der Großen Straße bei rund zwei Prozent liegt, stehen in der Krahnstraße derzeit rund acht Prozent der Ladenflächen leer.
Die Bibliothek soll deshalb nicht nur Bücher verleihen, sondern als so genannter Dritter Ort ein Treffpunkt für Familien werden – mit Kreativräumen, Gaming-Angeboten, Workshops, einer TechnoThek und Aufenthaltsbereichen. Geöffnet werden soll montags bis samstags von 10:00 bis 18:00 Uhr.
Die Nachfrage nach der Stadtbibliothek wächst seit Jahren. Innerhalb eines Jahrzehnts stiegen die Besucherzahlen um 26 Prozent – von rund 239.000 auf mehr als 301.000 Besucher jährlich. Die Räume am Markt gelten inzwischen als zu klein.
Ein Haus, das mit Kindern mitwächst
Das pädagogische Konzept orientiert sich am Bild eines Baumes. Im Erdgeschoss stehen Angebote für Kinder bis fünf Jahre im Mittelpunkt, darüber folgen Belletristik, Sachbücher, Lernbereiche und schließlich Kreativ- und Workshopräume unter dem Dach. Die Kinder sollen sich sinnbildlich durch das Gebäude nach oben entwickeln. Auch die frei werdenden Flächen in der bisherigen Stadtbibliothek am Markt sollen genutzt werden. Dort sollen unter anderem mehr Platz für Jugendliche, digitale Angebote und Veranstaltungsflächen entstehen.
So stellt sich die Stadt das Erdgeschoss der neuen Kinderbibliothek vor, verweist aber darauf, dass es sich hierbei lediglich um eine KI-generierte Visualisierung handelt. / Foto: Stadt Osnabrück
Millionenprojekt mit Förderchancen
Der Eigentümer des ehemaligen Kaufhauses soll das Gebäude vor dem Einzug grundlegend sanieren und dafür einen siebenstelligen Betrag investieren. Die Stadt kalkuliert für Einrichtung und Ausstattung mit rund 1,06 Millionen Euro. Hinzu kommen jährlich etwa 350.000 Euro für Miete, Personal und Betrieb. Weitere Investitionen sind auch für die Bibliothek am Markt erforderlich. Ein Großteil der Kosten könnte allerdings über das Förderprogramm „Resiliente Innenstädte“ finanziert werden. Nach Angaben der Verwaltung gelten die Chancen auf eine Förderung als sehr gut.
CDU wirbt leidenschaftlich für das Projekt
Vor allem aus der CDU-Fraktion kam in der Kulturausschuss-Sitzung deutliche Unterstützung. Brigitte Neumann warb in einer emotionalen Rede für die Pläne. „Als ich das das erste Mal hörte, dachte ich nur: Das ist mal eine schöne Nachricht für die Altstadt, für die Kinder, für die Kultur. Schön, dass sich hier etwas ergibt.“ Auch nach intensiver Prüfung sehe sie vor allem die Chancen. „Wenn es eine Chance gibt, für Kinder in der Altstadt eine Alternative zu schaffen für die dritte Etage am Markt, dann sollten wir das nutzen.“ Sie verwies auf steigende Besucherzahlen der Stadtbibliothek und den vergleichsweise kleinen Anteil des Kulturhaushalts am Gesamthaushalt. Jetzt müsse die Gelegenheit genutzt werden, gleichzeitig Kindern ein modernes Angebot zu schaffen und die Innenstadt zu stärken.
Wahlkampf oder Zukunftsprojekt?
Auch Kerstin Meyer-Leive (CDU) kritisierte die politische Debatte: „Man merkt sehr deutlich, dass wir im Wahlkampf sind. Aber das Thema eignet sich nicht für Partei-Reviermarkierungen.“ Für sie stelle sich vielmehr die Frage, welche Alternative es für das leerstehende Gebäude gebe. „Was ist die Alternative? Noch ein Fast-Food-Laden? Die Stadtbibliothek ist erfolgreich, aber platzt aus allen Nähten. Wollen wir als Rat der Verhinderer in die Geschichte eingehen? Es geht doch um Kinder, Jugendliche, Bildung und unsere Innenstadt“, mahnte sie.
Grüne sehen „echte Chance“
Auch die Grünen signalisierten grundsätzlich Zustimmung. Sebastian Bracke verwies zwar auf die langfristige Idee eines „Hauses des Wissens“, machte aber deutlich, dass dies kein Argument gegen die Kinderbibliothek sei. „Wir brauchen ein ‚Haus des Wissens‘, aber das wird Jahre in Anspruch nehmen“, so Bracke. Die eigentliche Frage laute aus seiner Sicht nicht, ob man sich für oder gegen ein „Haus des Wissens“ entscheide, sondern ob das vorliegende Konzept für eine neue Kinderbibliothek das richtige sei.
SPD fordert weitere Informationen
Die SPD zeigte sich zurückhaltender. Heiko Schlatermund machte deutlich, dass noch wichtige Fragen offen seien: „Ich brauche Informationen. Was ist mit Behindertentoiletten? Können da Veranstaltungen stattfinden?“
Petra Knabenschuh (CDU) hingegen zeigte sich irritiert über die lange Beratungsdauer:„Die Vorlage ist jetzt zum neunten Mal in einem Ausschuss.“
Erster Stadtrat Wolfgang Beckermann und Oberbürgermeisterin Katharina Pötter zählen zu den Fürsprechern der Kinderbibliothek in der Krahnstraße. / Foto: Dominik Lapp
Barrierefreiheit und Statik bleiben Knackpunkte
Aus dem Inklusionsbeirat kamen ebenfalls Nachfragen. Manfred Müller wollte wissen, ob das Gebäude ausreichend barrierefrei sei und E-Rollstühle den Aufzug nutzen könnten. Nach jetzigem Stand wäre dies noch nicht möglich. Auch Behindertentoiletten müssten geschaffen werden.
Bibliotheksleiterin Martina Dannert versuchte, Bedenken auszuräumen. Die Statik sei sowohl im bisherigen Gebäude als auch künftig ein wichtiges Thema, da Bücherregale enorme Lasten verursachten. Im ehemaligen Prelle-Haus könnten die Regale überwiegend an den Wänden stehen, was die Flächen besser nutzbar mache.
Zudem werde die Kinderbibliothek deutlich sichtbarer und leichter erreichbar. Wegen möglicher Fördermittel bestehe allerdings Zeitdruck. Der Eigentümer investiere bereits in die Sanierung, Fragen zu Statik, Brandschutz und Barrierefreiheit müssten ohnehin vollständig geklärt sein, bevor die Stadt einen langfristigen Mietvertrag über 25 Jahre abschließe.
Eine Entscheidung über das Projekt fiel im Kulturausschuss erneut nicht. Damit bleibt die Zukunft der geplanten Kinderbibliothek im ehemaligen Prelle-Haus weiter offen – obwohl viele Beteiligte in ihr eine große Chance für Familien, Kultur und die Osnabrücker Innenstadt sehen. Der ursprünglich vorgesehene Eröffnungstermin im Frühjahr 2027 dürfte jedenfalls nicht mehr zu realisieren sein.
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