Keine steife Podiumsdiskussion, dafür Videos, Quizfragen und Fragen auf Bierdeckeln: Der Verein freier Kulturträger in Osnabrück (VKO) hat die Kandidierenden für das Oberbürgermeisteramt am Dienstagabend (11. August) auf ungewöhnliche Weise auf die Bühne der Lagerhalle geholt. Das Interesse an der „Bürgermeisterschaft“ war groß: Die Stühle reichten nicht aus, das Foyer war prall gefüllt und auch auf der Empore drängten sich die Menschen.
Bajus gewinnt erste Abstimmung des Abends
Mit dabei waren die amtierende Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU), Robert Alferink (SPD), Volker Bajus (Grüne) und Thomas Groß (Die Linke). Durch den Abend führten Nadine Fels und Tom Herter.
Noch bevor die Kandidaten ausführlich zu Wort kamen, durfte das Publikum abstimmen. Anonym wurde über das Tool Mentimeter gefragt, wen die Anwesenden zum Oberbürgermeister beziehungsweise zur Oberbürgermeisterin wählen würden. Das Ergebnis dürfte vor allem die Grünen gefreut haben: Volker Bajus landete auf Platz eins, gefolgt von Katharina Pötter. Thomas Groß belegte Rang drei, Robert Alferink Platz vier. Am Ende der Veranstaltung wurde nochmals abgestimmt – da tauschten dann Groß und Alferink die Plätze, während Bajus und Pötter weiter die Plätze eins und zwei belegten. Repräsentativ für die Osnabrücker Wählerschaft ist das Stimmungsbild natürlich nicht. Es zeigte aber: Unter den Besucherinnen und Besuchern des vom VKO organisierten Abends hatte der Grünen-Kandidat die Nase vorn.
Pfannenwender, Grüner Jäger und Unkraut im Garten
Dass der Abend keine klassische Wahlkampfveranstaltung werden sollte, zeigte sich schon bei der Vorstellung der Kandidaten. Florian Rzepkowski vom Figurentheater präsentierte sie in humorvollen Videos und nahm dabei auch persönliche Vorlieben aufs Korn.
Bei Pötter ging es unter anderem ums Fahrradfahren, den VfL Osnabrück und ihren Pfannenwender, der in ihren Social-Media-Videos als Mikrofonhalter dient. „Ich war im letzten Jahr bei mehr kulturellen Veranstaltungen als beim VfL“, stellte Pötter anschließend klar.
Bei Alferink kamen unter anderem die Hannoversche Straße, der VfL und der Grüne Jäger zur Sprache. „Ich habe viel Bezug zur Kultur“, sagte der SPD-Kandidat, der im Piesberger Gesellschaftshaus zum OB-Kandidaten seiner Partei nominiert wurde und sich selbst vor allem als Stadtentwicklungspolitiker sieht.
Groß offenbarte unter anderem seine Vorliebe für Krimis und das Ruheabteil im Zug, während bei Bajus Camping, Fahrräder und Unkraut im Garten Thema waren. Später mussten sich die vier Kandidaten im Stil der Fernsehsendung „1, 2 oder 3“ Fragen zur freien Kulturszene stellen.
Welche Rolle spielt Kultur für die OB-Kandidierenden?
Inhaltlich ging es vor allem um die Frage, welchen Stellenwert Kunst und Kultur in Osnabrück künftig haben sollen. Katharina Pötter betonte dabei ihren Anspruch, die gesamte Stadt zu vertreten, weshalb auch das CDU-Logo auf ihren Wahlplakaten bewusst fehle. „Ich bin seit 27 Jahren in der CDU, jeder weiß das. Ich bin seit fünf Jahren Oberbürgermeisterin, und das möchte ich für alle Menschen in der Stadt bleiben, nicht nur für CDU-Wähler.“ Kultur bringe Menschen zusammen und erweitere den Horizont.
Robert Alferink lobte unter anderem das kürzlich durchgeführte Theater-Bürgerprojekt im Schinkel und verriet, dass er Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys beim Schlossgarten Festival besuchen werde. Thomas Groß sagte, sowohl Schauspiel und klassische Konzerte als auch die freie Szene zu schätzen, und hob insbesondere das Morgenland Festival hervor. Volker Bajus – seit 1996 im Rat der Stadt Osnabrück vertreten – erklärte, Politik zu machen, weil es ihm um Gerechtigkeit gehe, und bezeichnete die Grünen als feministische Partei.
Die Lagerhalle war am Dienstagabend zu „Bürgermeisterschaft“ gut gefüllt. / Foto: Dominik Lapp
Bierdeckel-Frage bringt Theaterdebatte auf die Bühne
Auch das Publikum konnte sich beteiligen und Fragen auf Bierdeckeln notieren. Eine davon hatte es in sich: Sollte Theaterintendant Ulrich Mokrusch nach dem Streit um eine abgesetzte Inszenierung im vergangenen Jahr zurücktreten?
Bajus stellte sich hinter Mokrusch, kritisierte aber die damalige Absetzung. Groß stellte grundsätzlich das klassische Intendanzmodell infrage und forderte mehr kollektive Mitbestimmung.
Pötter wiederum verwies auf die Erfolge des Intendanten und die wachsende Auslastung in den Sparten des Theaters. Wer Mokrusch kritisiere, müsse auch Erfolge wie ausverkaufte Vorstellungen berücksichtigen. Alferink bezog grundsätzlich Position: Die Politik solle sich komplett aus der Kunst heraushalten.
Mehr Grün, mehr Wasser und eine zugänglichere Hase
Auch die Stadtentwicklung spielte eine Rolle. Robert Alferink forderte mehr Wasser in Osnabrück. Thomas Groß sprach sich dafür aus, die Grünen Finger zu schützen und nicht weiter zuzubauen. Zudem sollten weitere Wasserspender installiert werden.
Katharina Pötter möchte ebenfalls weitere Wasserspender, mehr Entsiegelung und Projekte nach dem Vorbild der Klimaoase am Nikolaiort. Außerdem soll die Hase vor allem im Bereich am Herrenteichswall besser zugänglich werden.
Volker Bajus setzte den Schwerpunkt auf das Konzept der Schwammstadt. Er sei kein Freund von Alarmismus, machte aber deutlich, dass die derzeitigen klimatischen Entwicklungen nicht normal seien. Osnabrück müsse grüner werden und bei der Umsetzung entsprechender Maßnahmen deutlich schneller vorankommen.
Streitpunkt Kinderbibliothek
Beim Blick auf die Kulturpolitik der vergangenen Jahre verwies Alferink auf das geplante neue Probenzentrum des Theaters und darauf, dass der Kulturhaushalt nicht geschrumpft sei. Pötter stimmte zu und hob unter anderem den Einstieg der Stadt beim Museum Industriekultur (MIK) und die geplante neue Kinderbibliothek hervor.
Gerade bei letzterer zeigte sich allerdings ein Unterschied: Alferink kritisierte die langfristigen Mietkosten. Die rund zwölf Millionen Euro, die über die kommenden 30 Jahre anfallen sollen, wären seiner Ansicht nach an anderer Stelle besser aufgehoben.
Warum FDP und AfD nicht dabei waren
Dass mit Oliver Hasskamp (FDP) und Thorsten Wassermann (AfD) zwei OB-Kandidaten fehlten, erklärte der VKO auf Nachfrage der HASEPOST mit dem langen Planungsvorlauf.
„Die Vorbereitung auf dieses Format und die Absprache mit den Teilnehmenden, wie genau der Abend ablaufen soll, hat einige Zeit in Anspruch genommen. Hinzu kamen Probleme bei der Terminfindung. Da wir uns aber bewusst waren, dass es nicht einfach wird, wollten wir, dass die Vorgespräche und Konzeption bereits Anfang Juli abgeschlossen sind. Auch, weil viele Beteiligte dann in der Sommerpause sind. Hier waren wir erfolgreich. Thorsten Wassermanns Kandidatur ist erst nach diesem Prozess bekannt gemacht worden. Oliver Hasskamp konnte während unseres Konzeptionsprozesses im Juni leider zu keinem der von uns angebotenen Terminen zusagen“, so Florian Rzepkowski vom VKO.
Mit seinem ungewöhnlichen Format wollte der Verein bewusst einen anderen Zugang zum Wahlkampf schaffen. „Als Freie Kulturträger möchten wir uns der Wahl auf unsere eigene Weise nähern“, erklärte der VKO im Vorfeld. „Uns geht es um einen offenen, lebendigen Austausch und darum, Kulturpolitik einmal anders erlebbar zu machen.“ Das ist dem Verein auf kurzweilige Art gelungen.
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