Die Zukunft des Volkswagen-Werks in Osnabrück könnte sich schneller entscheiden als bislang erwartet – und mit Aurelius aus München kommt ein renditeorientierter Finanzinvestor ins Spiel, den bislang niemand auf dem Zettel hatte. Und das Kapitel Volkswagen in Osnabrück wäre beendet.
Nach Informationen der „WirtschaftsWoche“ will Volkswagen bereits am Montag (7. September) seinen Rückzug vom Standort im Osnabrücker Fledder verkünden. Das Land Niedersachsen und Investoren sollen übernehmen und gemeinsam die Voraussetzungen dafür schaffen, dass unter anderem der israelische Rüstungskonzern Rafael auf dem Werksgelände produzieren kann. Für die rund 2.300 Beschäftigten könnte damit eine monatelange Hängepartie in eine entscheidende Phase gehen. Auch der Name Volkswagen könnte damit schneller vom Werk verschwinden als bislang erwartet.
Vieles von dem, was die „WirtschaftsWoche“ am Sonntagmorgen berichtet, ist für Leser der HASEPOST nicht neu. Dass Niedersachsen eine Konstruktion vorbereitet, mit der der Widerstand des VW-Großaktionärs Katar gegen eine Zusammenarbeit mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael umgangen werden kann, hatte sich bereits seit Monaten abgezeichnet.
Neu sind allerdings zwei entscheidende Punkte: Volkswagen will sich offenbar tatsächlich vollständig vom Osnabrücker Standort zurückziehen – und mit Aurelius steht nun ein privater Finanzinvestor bereit, der beim Übergang eine zentrale Rolle spielen soll.
Olaf Lies soll am Montag nach Osnabrück kommen
Nach Informationen der „WirtschaftsWoche“ soll bereits am Montag verkündet werden, dass Volkswagen das Werk aufgeben wird. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies soll dazu persönlich nach Osnabrück kommen.
Ein Insider wird von dem Wirtschaftsmagazin mit der Aussage zitiert, Lies wolle verkünden, dass Arbeitsplätze und Werk auch ohne Volkswagen gesichert werden sollen.
Volkswagen selbst bestätigt den Bericht bislang nicht. Ein Konzernsprecher erklärte gegenüber der „WirtschaftsWoche“, über die zukünftige Ausrichtung des Standorts sei aktuell noch nicht entschieden.
Dennoch spricht einiges dafür, dass es jetzt sehr schnell gehen könnte. Erst am Freitag hatte sich der Volkswagen-Aufsichtsrat mit einem umfassenden Spar- und Zukunftsprogramm für den Konzern beschäftigt. In den langfristigen Planungen für andere deutsche Werke spielt Osnabrück nach Informationen der „WirtschaftsWoche“ überhaupt keine Rolle mehr.
Volkswagen will offenbar komplett raus aus Osnabrück
Damit geht die neue Entwicklung deutlich über das hinaus, was bislang bekannt war. HASEPOST berichtete bereits Ende August, dass das Land Niedersachsen selbst Teil einer neuen Konstruktion für das Werk werden könnte. Hintergrund ist der Widerstand des katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority gegen eine direkte Zusammenarbeit zwischen Volkswagen und Rafael.
Katar hält rund 17 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen. Die Pläne für eine gemeinsame Produktion von Volkswagen und Rafael waren deshalb zwischenzeitlich erheblich ins Stocken geraten.
Nach den neuen Informationen soll dieses Problem nun radikaler gelöst werden als bislang angenommen: Volkswagen zieht sich zurück – und Niedersachsen sowie ein privater Investor übernehmen.
Nach Informationen der „WirtschaftsWoche“ soll Volkswagen allerdings zumindest für den Übergang noch Einfluss nehmen. Mit Aurelius sei eine Absichtserklärung vorgesehen, in der festgeschrieben werden soll, dass der Industriestandort und der Großteil der Arbeitsplätze langfristig erhalten bleiben.
Ein neuer Name im Spiel: Aurelius
Für Osnabrück neu ist vor allem der Name Aurelius. Der in München gegründete Finanzinvestor ist auf genau solche Situationen spezialisiert.
Aurelius bezeichnet sogenannte „Carve-outs“ ausdrücklich als eines seiner Kerngeschäfte. Gemeint ist damit das Herauslösen von Unternehmen oder Unternehmensteilen aus großen Konzernen, um sie anschließend eigenständig weiterzuführen und neu aufzustellen.
Das Osnabrücker Volkswagen-Werk wäre beinahe ein Musterbeispiel für dieses Geschäftsmodell: Volkswagen benötigt die Fabrik für seine eigene Fahrzeugproduktion nicht mehr, gleichzeitig gibt es Produktionsanlagen, qualifizierte Mitarbeiter und möglicherweise mehrere neue industrielle Nutzer.
Aurelius investiert im sogenannten Mid-Market-Bereich derzeit aus dem 2025 aufgelegten Fonds Aurelius Opportunities V. Für diese Strategie stehen 830 Millionen Euro zur Verfügung, darunter Kapital von Pensionsfonds, Versicherungen, Universitätsstiftungen und Family Offices. Wer die einzelnen Geldgeber sind, veröffentlicht Aurelius nicht. Ob allerdings genau dieser Fonds bei einem möglichen Einstieg in Osnabrück zum Einsatz kommt, ist bislang nicht bekannt.
Hinweise darauf, dass etwa der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock hinter Aurelius oder einem möglichen Osnabrück-Engagement steht, gibt es bislang nicht.
Aurelius würde mit dem VW-Werk Geld verdienen wollen
Bei aller Hoffnung auf eine Zukunft für den Osnabrücker Standort darf allerdings nicht übersehen werden: Aurelius ist kein öffentlicher Rettungsfonds und auch kein strategischer Industriepartner. Aurelius ist ein Private-Equity-Investor.
Das Geschäftsmodell besteht darin, Unternehmen oder ausgegliederte Konzernteile zu übernehmen, neu aufzustellen, ihren Wert zu steigern und Beteiligungen später möglichst gewinnbringend weiterzuverkaufen. Dass dabei Arbeitsplätze erhalten und neue Geschäftsfelder aufgebaut werden, kann durchaus Teil dieses Geschäftsmodells sein. Entscheidend ist für einen Finanzinvestor am Ende allerdings die wirtschaftliche Rendite.
Für die mehr als 2.000 Beschäftigten wäre ein Einstieg deshalb zunächst eine wichtige Perspektive – aber noch keine Garantie dafür, dass der Standort dauerhaft in seiner heutigen Größe bestehen bleibt.
Eine „gute Heuschrecke“ – es gibt aber auch andere Beispiele
Wie viele Finanzinvestoren wurde auch Aurelius in der Vergangenheit mit dem wenig schmeichelhaften Begriff „Heuschrecke“ in Verbindung gebracht.
Der Berliner „Tagesspiegel“ überschrieb allerdings bereits 2012 einen Artikel über Aurelius bemerkenswert positiv mit „Eine gute Heuschrecke“. Damals hatte Aurelius den Berliner Elektronikhersteller Schleicher saniert. Selbst der damalige Berliner IG-Metall-Chef lobte die Arbeit des Investors und erklärte, Aurelius habe sich bei dem Unternehmen besser verhalten als dessen vorheriger Eigentümer.
Es gibt allerdings auch Beispiele dafür, dass die Rechnung nicht aufgegangen ist.
Besonders spektakulär war die Übernahme der Kosmetikkette The Body Shop. Aurelius kaufte das Unternehmen Ende 2023 für 207 Millionen britische Pfund. Weniger als drei Monate später musste das britische Geschäft Insolvenz anmelden. Auch die deutsche Gesellschaft folgte kurz darauf. Zahlreiche Filialen wurden geschlossen und Arbeitsplätze gingen verloren.
Noch näher an Osnabrück liegt ein anderer Problemfall.
Bei Hüppe in Bad Zwischenahn eskalierte der Streit mit der IG Metall
2021 übernahm Aurelius den traditionsreichen Duschabtrennungshersteller Hüppe in Bad Zwischenahn vom amerikanischen Masco-Konzern – ebenfalls eine typische Herauslösung aus einem großen Unternehmen. Im November 2025 geriet die Produktionsgesellschaft unter einen Schutzschirm. Im Frühjahr dieses Jahres wurde schließlich ein Sanierungsplan von den Gläubigern angenommen und vom Amtsgericht bestätigt.
Die IG Metall und der Betriebsrat erhoben in der Krise schwere Vorwürfe gegen Aurelius. Unter der Überschrift „Aurelius opfert Hüppe“ kritisierte die Gewerkschaft, dass der Mehrheitsgesellschafter nicht ausreichend weiteres Kapital zur Verfügung stelle. Rund 180 Arbeitsplätze standen auf dem Spiel.
Die Hüppe-Geschäftsführung widersprach dieser Darstellung und erklärte, gemeinsam mit Aurelius an einem Sanierungsplan und am Fortbestand des Unternehmens zu arbeiten.
Das Beispiel Hüppe zeigt vor allem eines: Ein Finanzinvestor kann einem aus einem Großkonzern herausgelösten Unternehmen eine neue Perspektive eröffnen. Er wird aber nicht unbegrenzt Geld bereitstellen, wenn das Geschäftsmodell dauerhaft keine ausreichende wirtschaftliche Perspektive bietet. Und die traditionell bei Volkswagen starke IG Metall kann für den Investor zu Showstopper werden und damit auch die Chance auf einen Fortbestand der Arbeitsplätze gefährden.
Rafael könnte nur der erste neue Nutzer des Standorts Osnabrück werden
Damit rückt erneut die Frage in den Mittelpunkt, die HASEPOST bereits Ende August gestellt hatte: Reicht die geplante Zusammenarbeit mit Rafael überhaupt aus, um ein Werk dieser Größe und mehr als 2.000 Beschäftigte auszulasten?
Nach den bislang bekannten Plänen soll Osnabrück vor allem Produktions- und Montagestandort für schwere Militärfahrzeuge, Abschussvorrichtungen, Generatoren und weitere Komponenten werden. Die eigentlichen Abfangraketen des Iron-Dome-Systems sollen dagegen nicht in Osnabrück gefertigt werden.
Damit würde ein erheblicher Teil der Wertschöpfung weiterhin außerhalb des ehemaligen Karmann-Werks stattfinden. Osnabrück wäre nach bisherigem Kenntnisstand vor allem ein Standort, an dem vorhandene Fahrzeugbau-Kompetenz mit Rafaels Rüstungstechnik zusammengeführt wird.
Zwischenzeitlich wurde zudem bekannt, dass Rafael den Aufbau einer Fertigung für Tamir-Abfangraketen – dem Herzstück des Iron-Dome-Systems – im Billiglohnland Indien prüft. Eine endgültige Entscheidung für Indien ist allerdings bislang nicht öffentlich bestätigt.
Entsteht ein großer Rüstungsstandort Osnabrück-Fledder?
Wenn der Investor Aurelius tatsächlich das komplette Gelände nutzen und ein Großteil der heute rund 2.300 Beschäftigten weiter in Lohn und Brot gehalten werden soll, müsste im Fledder schnell mehr entstehen als lediglich die bislang bekannten Rafael-Aktivitäten.
HASEPOST hatte bereits berichtet, dass möglicherweise weitere Unternehmen aus der Rüstungsindustrie auf dem großen Werksgelände angesiedelt werden könnten. Mit einem neuen Vermieter könnten das auch Unternehmen sein, die zuvor eine eigene Übernahme abgesagt hatten. Neben Rafael war in der Vergangenheit unter anderem der Panzerbauer KNDS als möglicher Nutzer im Gespräch. Auch Rheinmetall hatte sich den Standort angesehen, eine Übernahme des gesamten Werks später allerdings ausgeschlossen.
Kommentare zu diesem Artikel:
Mehr Nachrichten aus der Region?
➡️ Alle aktuellen Artikel zu Osnabrück (Gesamtstadt) finden Sie hier.