Wenige Tage vor der Kommunalwahl könnte eine der wichtigsten Entscheidungen für den Wirtschaftsstandort Osnabrück seit Jahren fallen: Die Verhandlungen über den Einstieg des israelischen Rüstungskonzerns Rafael in die Produktion am Volkswagen-Standort Osnabrück sind inzwischen weit fortgeschritten.
Nach einem aktuellen Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg könnte bereits im September eine Vereinbarung unterzeichnet werden. Eine entscheidende Rolle soll dabei das Land Niedersachsen spielen, das indirekt damit selbst zum Waffenproduzenten wird.
Damit nimmt eine Entwicklung wieder Fahrt auf, die zwischenzeitlich schon fast aus den Augen zu geraten schien. HASEPOST berichtete bereits im März über erste Verhandlungen zwischen Volkswagen und Rafael Advanced Defense Systems. Ende April folgte dann der nächste entscheidende Schritt: Volkswagen und Rafael unterzeichneten eine Absichtserklärung.
Nun könnte aus dieser Absicht tatsächlich ein verbindliches Geschäft werden – und das möglicherweise noch kurz vor der Kommunalwahl am 13. September. Ein Erfolg bei der Rettung der mehr als 2.000 Arbeitsplätze im Osnabrücker VW-Werk dürfte der rot-grünen Landesregierung dabei politisch nicht ungelegen kommen. Zumal nur eine Woche zuvor in Sachsen-Anhalt gewählt wird, wo sich nach den jüngsten Umfragen ein politisches Beben abzeichnet.
Volkswagen-Aufsichtsrat tagt am 4. September
Wie die „Bild“-Zeitung am Freitag (28. August) unter Berufung auf Bloomberg berichtet, steht eine Einigung inzwischen kurz bevor. Bereits im September könnte demnach eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet werden.
Ein wichtiges Datum ist dabei der 4. September. An diesem Freitag kommt der Volkswagen-Aufsichtsrat zusammen. Bei der Sitzung soll auch die Zukunft des Osnabrücker Standorts und die mögliche Zusammenarbeit mit Rafael eine Rolle spielen.
Sollte dort tatsächlich grünes Licht gegeben werden und die anschließend notwendigen Schritte schnell erfolgen, wäre sogar eine Unterzeichnung noch vor der Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl in Osnabrück am 13. September denkbar. Zwischen der Aufsichtsratssitzung und dem Wahlsonntag liegen lediglich neun Tage. Einen bestätigten Termin für die Vertragsunterzeichnung gibt es bislang allerdings nicht.
Keine Raketenproduktion im Osnabrücker VW-Werk
Auch die inzwischen konkreter beschriebenen Produktionspläne passen zu dem, was die HASEPOST bereits im Juli berichtet hatte: In Osnabrück sollen offenbar nicht die eigentlichen Raketen des israelischen Luftverteidigungssystems „Iron Dome“ hergestellt werden.
Bloomberg zufolge geht es vielmehr um schwere Lastwagen zum Transport der Raketen, Abschussvorrichtungen, Stromgeneratoren und weitere Unterstützungsausrüstung für das Luftverteidigungssystem.
Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil Rafael parallel den Aufbau einer Produktion von Tamir-Abfangraketen in Indien vorbereitet. Im Juli hatte deshalb zwischenzeitlich die Frage im Raum gestanden, ob die für Osnabrück erhofften Rüstungsaufträge möglicherweise nach Indien abwandern könnten. Nach dem jetzigen Stand scheinen beide Vorhaben nebeneinander möglich zu sein.
Das Problem mit Katar ist noch immer nicht ganz verschwunden
Eine ungewöhnliche Konstruktion könnte notwendig werden, weil der katarische Staatsfonds Qatar Investment Authority zu den wichtigsten Volkswagen-Aktionären gehört. Die HASEPOST berichtete im Juli über die erheblichen Vorbehalte Katars gegen eine direkte Zusammenarbeit von Volkswagen mit dem israelischen Staatsunternehmen Rafael.
Die Qatar Investment Authority hält rund 17 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen. Angesichts der politischen Beziehungen zwischen Katar und Israel hatte der Widerstand aus dem Emirat die bereits weit fortgeschrittenen Osnabrück-Pläne erheblich ins Wanken gebracht. Inzwischen zeichnet sich jedoch ein Weg ab, mit dem dieses Problem umgangen werden könnte.
Niedersachsen könnte Teile des Werks übernehmen
Das Land Niedersachsen könnte selbst in die künftige Gesellschaft rund um das Osnabrücker Werk einsteigen. Entsprechende Überlegungen sind nicht völlig neu. Bereits Mitte Juli hatte die HASEPOST über ein vom Land geprüftes Beteiligungsmodell berichtet.
Damals war nach Informationen des „Handelsblatt“ unter anderem eine Aufteilung des Standorts in zwei Gesellschaften im Gespräch. Eine Gesellschaft könnte Gebäude und Teile der Belegschaft übernehmen, während eine zweite Gesellschaft für die eigentliche Produktion zuständig wäre. Nach Informationen der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ könnte Niedersachsen mindestens 200 Millionen Euro in eine solche Konstruktion investieren. Auch eine Beteiligung des Bundes steht demnach im Raum.
Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) bestätigte nach Angaben der Bild zumindest grundsätzlich, dass entsprechende Modelle geprüft werden: „Wir prüfen derzeit, ob und in welcher Form eine Beteiligung an einer möglichen industriellen Zukunftslösung für den Standort Osnabrück in Betracht kommen kann.“ Der Standort verfüge über „hoch motivierte Kollegen und größtes technisches Know-how“, so Lies. Diese Basis wolle das Land für eine tragfähige wirtschaftliche Zukunft nutzen.
Die Zeit läuft ab: Vom Karmann-Cabriolet zurück zum Kübelwagen
Für die Beschäftigten im ehemaligen Karmann-Werk wäre eine Einigung von erheblicher Bedeutung. Mehr als 2.000 Arbeitsplätze hängen inzwischen an der Frage, welche industrielle Nutzung nach dem Ende der Fahrzeugproduktion gefunden wird.
Im Sommer 2027 soll nach derzeitiger Planung das letzte T-Roc Cabriolet in Osnabrück vom Band laufen. Ein neues Volkswagen-Modell als Nachfolger ist nicht vorgesehen.
Reichen ein paar Raketen-LKW für 2.000 ehemalige VW-Mitarbeiter?
Ob allerdings die ausgedehnten Werksanlagen im Osnabrücker Fledder mit der Produktion oder möglicherweise auch nur Umrüstung schwerer Lastwagen zu Transport- und Abschussfahrzeugen für das „Iron Dome“-System auch nur annähernd ausgelastet werden können, ist bislang völlig offen. Ebenso stellt sich die Frage, wie viele der rund 2.000 heutigen Volkswagen-Arbeitsplätze allein durch einen Rafael-Auftrag tatsächlich gesichert werden könnten.
Möglicherweise ist Rafael deshalb auch nur ein Teil einer größeren Lösung für das ehemalige Karmann-Werk.
Wird der Osnabrücker Fledder zu einer großen Rüstungsschmiede?
Inzwischen erreichen unsere Redaktion Gerüchte, wonach bereits über die Ansiedlung weiterer Unternehmen aus der Rüstungsindustrie auf dem weitläufigen Werksgelände nachgedacht wird. Ganz neu wäre diese Idee nicht: Neben Rafael war in den vergangenen Monaten unter anderem auch der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS als möglicher Nutzer von Teilen des Osnabrücker Werks im Gespräch. Zuvor hatte auch Rheinmetall Interesse am Standort gezeigt, eine Übernahme des gesamten Werks später allerdings ausgeschlossen.
Kommentare zu diesem Artikel:
- Wenn ohnehin auf Großfahrzeuge umgerüstet wird, warum nicht Krone, Grimme, Amazone oder Ähnliches. Es gibt genügend expandierende Unternehmen in der Region.
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