Normen im Bauwesen tragen einem Gutachten zufolge erheblich zum Kostenanstieg seit dem Jahr 2000 bei. Laut einer Studie des Kieler Bauforschungsinstituts ARGE entfallen gut 20 Prozent des seither verzeichneten Anstiegs der Baukosten auf Vorschriften und Regelwerke, berichten die Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ (RND). Fachleute sprechen von einem aus dem Ruder gelaufenen System und fordern eine „Radikalkur bei den Normen“.
Studie: Vorschriften treiben Baukosten deutlich
Der Leiter des Kieler Bauforschungsinstituts ARGE, Dietmar Walberg, führte laut RND aus: „All diese Regelwerke haben am Preisauftrieb der letzten 25 Jahre einen Anteil von 20 Prozent.“ Der „Normen-Frust“ in der Bauwirtschaft sei enorm. Die Vielzahl an Vorgaben verteuere das Bauen erheblich und erschwere die Umsetzung auf den Baustellen.
Heike Böhmer, Direktorin des Instituts für Bauforschung (IFB) in Hannover, kritisierte laut RND die zunehmende technische und bauliche Komplexität: „Indem ich immer mehr und komplexere Anlagentechnik und viel dickere Wärmedämmschichten plane, erwarte ich plötzlich eine Qualität und Genauigkeit, die man draußen in der Umsetzung nur noch ganz schwer herstellen kann.“
Forderung nach „Radikalkur bei den Normen“
Walberg und Böhmer schlagen nach den RND-Berichten deshalb Alarm. Wer mehr Wohnungen bauen wolle, müsse dringend bei den Normen ansetzen. Deutschland brauche eine „Radikalkur bei den Normen“, fordern beide, die am Mittwoch eine Baunormen-Konferenz veranstalten.
Als potenzielle Lösung nennen sie laut RND den „Gebäudetyp E“. Er soll das Bauen vereinfachen und damit auch kostengünstiger machen. Ein entsprechender Gesetzentwurf von Bundesbauministerin Verena Hubertz und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) ist den Angaben zufolge derzeit in Arbeit.
„System ist aus dem Ruder gelaufen“
Walberg kritisierte gegenüber dem RND Widersprüche innerhalb der bestehenden Regelwerke: „Teilweise widersprechen sich diese Details. Wenn ich eine Schwellenlosigkeit will, damit Barrierefreiheit funktioniert, gleichzeitig aber eine Abdichtung so regeln muss, dass nichts an Feuchtigkeit austritt, ist das ein Normenwiderspruch.“ Weiter sagte er: „Diesen Widerspruch können wir in Hunderten Beispielen zeigen. Dieses System ist aus dem Ruder gelaufen.“
Böhmer zog laut RND zudem die qualitative Wirkung der Vielzahl an Vorschriften in Zweifel: „Die Fülle und Komplexität von Normen führt jedenfalls nicht dazu, dass Gebäude qualitativ besser, robuster oder resilienter sind, als sie das vorher waren.“
