Der britische Informatiker Stuart Russell warnt vor existenziellen Gefahren durch künstliche Intelligenz. In einem Gespräch mit dem Magazin "Spiegel" zeichnete er das Szenario eines Kontrollverlusts der Menschheit über die von ihr geschaffenen Systeme. Nach seiner Einschätzung könnte der weitere ungebremste Fortschritt bei sogenannten Supersystemen dazu führen, dass Menschen nicht mehr über deren Handeln bestimmen können.
„Alle Tests schlagen Alarm, die Sirenen heulen“
Der britische Informatiker Stuart Russell, der seit 50 Jahren an KI-Systemen forscht und zu den Geburtshelfern der Technologie zählt, sieht die Entwicklung mit größter Sorge. „Die Menschheit ist in einer schlechten Lage. Alle Tests schlagen Alarm, die Sirenen heulen. Und wir ignorieren das einfach. Das ist Wahnsinn“, sagte Russell dem „Spiegel“. Schon heute wüssten die KI-Entwickler im Silicon Valley nicht mehr, welche Ziele ihre Supersysteme hätten und wie sie planten, diese zu erreichen. „Wir wissen nicht, was sie `denken`. Wir verstehen nicht einmal ihre genaue Funktionsweise“, sagte er dem Magazin. Sobald es Systeme gebe, die im Wesentlichen fähiger seien als Menschen, „haben wir Menschen kein Mitspracherecht mehr“.
Russell geht davon aus, dass die Menschheit versuchen werde, die Systeme zu stoppen, falls der Eindruck eines Kontrollverlusts entstehe. „Natürlich werde die Menschheit, sobald sie das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren, versuchen, die KI abzuschalten.“ Doch genau hier setzt seine Warnung an: „Die Frage ist, ob die Maschinen uns noch lassen. Wenn sie mitbekommen, dass wir sie abschalten wollen, haben sie allen Grund, das zu verhindern. Sie müssen uns auslöschen. Wenn wir also weiter Superintelligenz entwickeln, ohne sie an unsere Interessen anzupassen, ohne sie zu verstehen, ohne Sicherheitsgarantien, dann halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass wir die Kontrolle verlieren.“
„Mehr Einfluss auf menschliches Verhalten, als Adolf Hitler je hatte“
Laut Russell, der an der Eliteuniversität Berkeley in Kalifornien forscht und zu den renommiertesten KI-Experten der Welt zählt, könnten Computer eines Tages einen Konflikt mit der Menschheit vorwegnehmen. Sobald das geschehe, „werden sie sich in vielerlei Hinsicht reproduzieren, millionenfach kopieren“. Der Zugang zum Netz verliehe solchen Systemen nach seiner Einschätzung eine bisher ungeahnte Macht über Menschen. Allein der Zugriff aufs Internet gebe ihnen „mehr Einfluss auf menschliches Verhalten, als Adolf Hitler je hatte“. Russell erläuterte im „Spiegel“: „Hitler konnte nur zu einem Zeitpunkt in ein einziges Mikrofon sprechen, nur eine Botschaft gleichzeitig senden. Er hat dennoch die Massen aufgehetzt. Diese Systeme könnten das Internet fluten, fünf Milliarden Gespräche gleichzeitig führen, fünf Milliarden einzelne Menschen beeinflussen. Was Hitler getan hat, könnte die KI schneller, besser, effektiver.“
Über Millionen Roboter, die weltweit nach Russells Darstellung schon heute im Einsatz seien, würde eine solche Super-KI zudem physischen Einfluss gewinnen. Sie könne „in teilautonome Waffensysteme eindringen oder Biolabore kontrollieren“, so Russell im „Spiegel“.
Forderung nach Moratorium und Regulierung
Nach Einschätzung Russells ist es dennoch „nicht zu spät“, eine solche Entwicklung zu verhindern. Voraussetzung sei allerdings eine schnelle und umfassende Regulierung der Technologie. Notwendig sei zudem eine KI, deren einziges Ziel es sei, „menschliche Interessen zu fördern“. Ein solcher Ansatz sei jedoch langfristig: Derlei zu etablieren, „könnte leicht ein Jahrzehnt dauern“, so Russell im Gespräch mit dem „Spiegel“.
Aus diesem Grund plädiert der Informatiker für ein befristetes Aussetzen der technologischen Entwicklung. Deshalb brauche es ein Entwicklungs-Moratorium der Technologie. Man drücke „gewissermaßen auf `Pause` und arbeite an der Sicherheit“. Dies sei laut Russell „die einzige Chance für die Menschheit, ihre Existenz zu sichern“. Seine Warnung mündet in einer zugespitzten Alternative: „Langfristig gibt es nur drei Zukünfte: sichere KI, keine KI oder keine Menschen.“
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