Nach Informationen der HASEPOST kam es am Samstag (5. September) zu einem Großeinsatz der Polizei an einem Umspannwerk im Bereich der Stadt Osnabrück. Ob der Einsatz im Zusammenhang mit der bundesweiten Serie von Anschlägen und Anschlagsversuchen auf die Stromversorgung steht, ist bislang unklar.
Bundesweit fahndet die Polizei nach einem mutmaßlichen Täter, der bislang nur verkürzt als „Daniel V.“ bekannt ist und von dem öffentlich lediglich ein mit einem Gesichtsbalken versehenes Fahndungsfoto bekannt ist. Der mutmaßliche Öko-Attentäter soll sich in ungewöhnlich offenen Bekennerschreiben zu mehreren Sabotageakten bekannt haben. Erst am Samstag wurden in Sachsen weitere selbstgebaute Vorrichtungen an Hochspannungsleitungen entdeckt.
UPDATE 17:00: Stellungnahme der Polizei zum Großeinsatz in Osnabrück-Voxtrup
Steht der Polizeieinsatz in Osnabrück im Zusammenhang mit bundesweiten Anschlägen?
Noch ist nicht bekannt, was den Polizeieinsatz im Osnabrücker Stadtgebiet konkret ausgelöst hat und ob dabei verdächtige Gegenstände gefunden wurden. Eine Verbindung zu Daniel V. oder der aktuellen Anschlagsserie ist bislang nicht bestätigt.
Bemerkenswert ist allerdings der Zeitpunkt: Bereits am Donnerstag hatte die Polizeidirektion Osnabrück nach den ersten Angriffen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg erklärt, die Umspannwerke im Nordwesten besonders intensiv im Blick zu haben. Zu den von der Polizei als kritische Infrastruktur eingestuften Anlagen gehört auch ein Umspannwerk im Osnabrücker Stadtteil Lüstringen.
Eine Anschlagsserie auf das deutsche Stromnetz
Seit Anfang der Woche beschäftigen gleich mehrere Angriffe und mutmaßliche Anschlagsversuche auf Umspannwerke und Hochspannungsleitungen die Sicherheitsbehörden.
Bei Turnow-Preilack nahe dem brandenburgischen Braunkohlekraftwerk Jänschwalde wurden mit selbstgebauten Abschussvorrichtungen leitfähige Materialien in Hochspannungsleitungen geschossen. Es kam zu Kurzschlüssen. Auch im nordrhein-westfälischen Bergheim wurden entsprechende Vorrichtungen entdeckt, dort wurden Teile der Stromversorgung beziehungsweise Kraftwerksleistung zeitweise beeinträchtigt.
Weitere verdächtige Vorrichtungen fanden Ermittler unter anderem bei Dormagen und Weisweiler. Am Samstag weitete sich die Serie noch einmal aus: In Sachsen wurden entlang von Hochspannungsleitungen bei Bärwalde und Graustein mehrere selbstgebaute Spreng- beziehungsweise Brandvorrichtungen entdeckt und entschärft.
Ob sämtliche Fälle tatsächlich auf denselben Täter zurückgehen, ist Gegenstand der Ermittlungen.
Daniel V. unterschreibt mit Namen und Adresse
Im Mittelpunkt der bundesweiten Fahndung steht inzwischen ein Mann aus Gevelsberg in Nordrhein-Westfalen: Daniel V., Ende 40. Besonders ungewöhnlich ist, wie die Ermittler auf ihn aufmerksam wurden.
Bei Medien und Behörden gingen handschriftliche Bekennerschreiben ein. Der Verfasser versteckte sich darin nicht hinter einem Gruppennamen oder einem politischen Kürzel. Stattdessen soll er die Schreiben mit seinem vollständigen Namen unterschrieben und sogar seine Wohnanschrift angegeben haben.
Nach Angaben von Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul halten die Ermittler die Schreiben wegen des darin enthaltenen Täterwissens inzwischen für authentisch. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass abschließend bewiesen ist, dass Daniel V. auch tatsächlich sämtliche darin beschriebenen Taten begangen hat.
Spezialkräfte durchsuchten inzwischen seine Wohnadresse in Gevelsberg. Dort wurde er nicht angetroffen. Auch ein von ihm genutzter Lastwagen wurde von der Polizei gefunden und durchsucht. Der Gesuchte selbst blieb zunächst verschwunden.
„Ich greife nicht das Land an“
Auch inhaltlich unterscheiden sich die Bekennerschreiben von den häufig anonym veröffentlichten Erklärungen extremistischer Gruppen.
Der Verfasser erklärt darin ausdrücklich den Kampf gegen fossile Energieträger zu seinem Motiv. „Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen, das unsägliches Leid nach sich zieht“, heißt es in einem der Schreiben.
Nach Angaben von Innenminister Reul formuliert der Verfasser außerdem: „Ich greife nicht das Land, sondern die fossile Rohstoffindustrie an.“
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach deshalb am Freitag von Hinweisen auf „Klimaextremismus“. Ob diese politische Einordnung am Ende Bestand haben wird, ist allerdings offen.
Denn der Verfasser selbst grenzt sich in seinem Schreiben ausdrücklich von der linken Szene ab. Er wolle verhindern, dass dieser die Anschläge zugeschrieben würden. In auffällig umgangssprachlicher Form schreibt er über Linksextreme: „Die ham da nix mit zu tun.“
Auch Rüstungsindustrie und Gaza kommen im Bekennerschreiben vor
Das mutmaßliche Motiv beschränkt sich offenbar nicht allein auf Kohle und andere fossile Energieträger.
Der Verfasser erklärt nach Recherchen der „taz“ auch, es würde ihn nicht traurig machen, wenn Stromausfälle die deutsche Rüstungsindustrie treffen würden. Dies bringt er wiederum mit Deutschlands Unterstützung Israels und dem Krieg im Gazastreifen in Verbindung.
Gleichzeitig kündigt das Schreiben offenbar weitere Stromausfälle an. Der Verfasser nimmt dabei ausdrücklich in Kauf, dass dadurch auch unbeteiligte Menschen betroffen sein könnten.
Gerade diese Passage dürfte die Sicherheitsbehörden besonders alarmieren: Anders als bei einem abgeschlossenen Bekennerschreiben beschreibt der Verfasser seine Aktionen nicht als beendet.
Medizinstudium, Gitarrenbauer und Technikbegeisterung
Über Daniel V. zeichnet sich bislang ein ungewöhnliches Bild ab. Nach Recherchen der „taz“ studierte er Medizin und soll das Studium vergleichsweise schnell abgeschlossen haben. Als Arzt arbeitete er später offenbar nicht dauerhaft.
Stattdessen machte er sich unter anderem als Gitarrenbauer einen Namen. Einen amerikanischen Schulbus soll er zu einer mobilen Werkstatt umgebaut haben, mit der er durch Deutschland und Europa reiste. Zuletzt soll er arbeitslos gewesen sein.
Seine Mutter beschrieb ihn gegenüber der „taz“ als technisch interessiert und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden. Zugleich habe er eine rebellische Seite gehabt und sei zeitweise wochenlang unterwegs gewesen.
Auch diese Angaben stammen aus dem persönlichen Umfeld und sind keine Ermittlungsergebnisse der Polizei.
Polizei sucht weiterhin nach Daniel V.
Die Fahndung nach dem Verdächtigen lief am Samstag weiter. Die Ermittler prüfen zugleich, ob tatsächlich ein Einzeltäter hinter der Serie steckt oder ob weitere Personen beteiligt sind.
Noch am Freitag hatte die Polizei ausdrücklich mitgeteilt, dass Einsatzkräfte auch Anlagen der kritischen Infrastruktur überprüfen, die in den Bekennerschreiben aufgeführt sein sollen.
Ob sich darunter auch ein Umspannwerk im Raum Osnabrück befindet, ist derzeit nicht öffentlich bekannt.
Genau deshalb dürfte der Großeinsatz vom Samstag besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nach Informationen der HASEPOST waren dort zahlreiche Polizeikräfte im Einsatz. Ob es sich lediglich um eine vorsorgliche Überprüfung handelte, ein konkreter Hinweis vorlag oder möglicherweise verdächtige Gegenstände entdeckt wurden, muss noch geklärt werden.
Fest steht: Nach den Angriffen der vergangenen Tage sind Umspannwerke bundesweit zu besonders sensiblen Orten geworden – und auch die Polizei in Osnabrück hat bereits öffentlich erklärt, diese kritische Infrastruktur derzeit besonders im Blick zu haben.
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