Gemeinsam mit der CDU und Oberbürgermeisterin Katharina Pötter setzten die Grünen am Dienstagabend den neuen Standort für die Osnabrücker Kinder- und Jugendbibliothek im ehemaligen Prelle-Haus durch – nach einer fast einstündigen Debatte, in der es längst nicht mehr nur um Bücher ging.
Ausgerechnet bei der Abstimmung über ein zentrales Innenstadtprojekt der kommenden Jahre zeigte die bisherige Mehrheitsgruppe aus SPD und Grünen erstmals unmittelbar vor der Kommunalwahl deutliche Risse. Und nicht nur da: Auch beim Thema Verpackungssteuer sind sich Grüne und Sozialdemokraten plötzlich nicht mehr grün – doch der Streit um die Steuer für den Döner ist ein anderer Artikel, der in unserer Redaktion gerade vorbereitet wird.
Eigentlich stand die Frage im Raum, ob die am Markt räumlich beengte Kinderbibliothek eine neue Heimat im ehemaligen Prelle-Haus an der Krahnstraße bekommen soll. Tatsächlich entwickelte sich daraus jedoch eine Grundsatzdebatte über Innenstadtentwicklung, Millioneninvestitionen, politische Kommunikation und den richtigen Weg für die Stadtbibliothek der Zukunft.
Grüne sehen einmalige Chance für Osnabrück und wollen realistisch bleiben
Den Auftakt machte Grünen-Ratsherr Jens Meier. Er warb dafür, die Gelegenheit zu nutzen, die sich durch den Leerstand des markanten Gebäudes ergeben habe. Zwar bleibe das große „Haus des Wissens“ weiterhin eine attraktive Vision, doch derzeit müsse Osnabrück realistischer denken.
„Kann es nicht auch der Osnabrücker Weg sein, kleinteiliger, dezentraler vorzugehen?“, fragte Meier. Statt auf einen möglicherweise nie finanzierbaren Großneubau zu warten, könne die Stadt ihr Bibliotheksangebot Schritt für Schritt verbessern.
SPD: Nicht gegen die Bibliothek – aber gegen diesen Standort
Die SPD stellte gleich mehrfach klar, dass sie keineswegs gegen eine neue Kinderbibliothek sei. Kritik entzündete sich vielmehr am Verfahren.
Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink warf der Verwaltung vor, nie ernsthaft geprüft zu haben, ob es bessere Standorte gebe. Angesichts eines Mietvertrags über Jahrzehnte sei das kaufmännisch nicht nachvollziehbar. Sein Fazit fiel entsprechend deutlich aus: „Kein Kaufmann geht so vor.“
Noch grundsätzlicher wurde Fraktionskollege Timo Spreen. Das Gebäude sei baulich problematisch, Veranstaltungen würden dort an räumliche Grenzen stoßen, und die Hoffnung, allein eine Kinderbibliothek werde dauerhaft neues Leben in die Innenstadt bringen, halte er für überzogen.
Die SPD beantragte schließlich sogar Beratungsbedarf, um die Entscheidung zu vertagen – fand dafür jedoch keine Mehrheit, wohl auch, weil das eine Verschiebung bis nach der Kommunalwahl im September bedeutet hätte.
CDU wirbt für „familienfreundliche Innenstadt“
Ganz anders bewertete die CDU das Projekt. Ratsherr Christian Keite sprach von einer einmaligen Chance, Kinder und Familien stärker in den Mittelpunkt der Innenstadt zu rücken. Eine eigenständige Kinderbibliothek mache Osnabrück sichtbar familienfreundlicher.
So stellt sich die Stadt das Erdgeschoss der neuen Kinderbibliothek vor, verweist aber darauf, dass es sich hierbei lediglich um eine KI-generierte Visualisierung handelt. / Foto: Stadt Osnabrück
Auch Ratsfrau Anette Meyer zu Strohen argumentierte vor allem stadtentwicklungspolitisch. Eine Kinderbibliothek an prominenter Stelle bringe dauerhaft Frequenz in die Altstadt und könne gleichzeitig einen der markantesten Leerstände beseitigen.
FDP wollte am „Haus des Wissens“ festhalten – Prelle-Haus als KFC-Restaurant?
Die FDP lehnte das Projekt ebenfalls ab, allerdings mit einer anderen Begründung. Ratsherr Oliver Haskamp warnte davor, Kinder räumlich von Jugendlichen und Erwachsenen zu trennen. Die Bibliothek müsse vielmehr ein gemeinsamer Treffpunkt aller Generationen bleiben. Als Vorbilder nannte er unter anderem Bielefeld und Groningen. In einem Instagram-Beitrag hatte Haskamp, der für die Liberalen auch um das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert, deutlich gemacht, dass er auch die Nutzung als innerstädtisches KFC-Restaurant, wie vom Hauseigentümer als Alternative dargestellt, akzeptabel finden würde.

Das Prelle-Haus als KFC-Filiale? / Foto u. Grafik: Pohlmann
Auch die Linkspartei sprach sich gegen den Standort aus und brachte erneut die ehemalige Hauptschule Innenstadt als möglichen Standort eines umfassenden „Hauses des Wissens“ ins Spiel.
Pötter macht deutlich: „Der Ausgangspunkt ist unsere Innenstadt gewesen“
Den wohl entscheidenden Beitrag lieferte schließlich Oberbürgermeisterin Katharina Pötter. Sie machte keinen Hehl daraus, dass die Bibliothek ursprünglich gar nicht Ausgangspunkt der Überlegungen gewesen sei.
„Der Ausgangspunkt ist unsere Innenstadt gewesen“, erklärte sie. Nachdem der Eigentümer des Prelle-Hauses eine neue Nutzung gesucht habe, habe die Verwaltung überlegt, welche öffentliche Einrichtung dort sinnvoll untergebracht werden könne. Die Kinderbibliothek sei deshalb ausgewählt worden, weil sie gleichzeitig zwei Probleme löse: die Platznot der Bibliothek und einen prominenten Leerstand.
Gerade deshalb habe die Verwaltung bewusst keine Alternativstandorte untersucht. Es gehe eben nicht nur um eine Bibliothek, sondern ebenso um die Belebung der Innenstadt. Zugleich stellte Pötter klar, dass zunächst der Eigentümer rund 1,6 Millionen Euro in Brandschutz und Statik investieren müsse. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt seien, werde überhaupt ein Mietvertrag geschlossen.
Vorwurf der Lüge sorgt für Eklat
Fast noch mehr Aufmerksamkeit als die Bibliothek selbst erhielt jedoch die Debatte über die Kommunikation der Verwaltung. Mehrere Ratsmitglieder hatten kritisiert, über das Projekt zu spät oder nicht umfassend genug informiert worden zu sein. Pötter widersprach energisch und verwies auf mehrere interfraktionelle Gespräche, unter anderem am 17. April. Schließlich sagte sie den Satz, der den Sitzungssaal für einen Moment verstummen ließ: „Wer das behauptet … man hätte nicht gewusst, der lügt.“
SPD-Fraktionsvorsitzende Susanne Hambürger dos Reis fühlte sich angesprochen und reagierte umgehend. Sie bezeichnete es als „Frechheit“, Ratsmitglieder indirekt der Lüge zu bezichtigen. Grünen-OB-Kandidat Volker Bajus versuchte die Wogen zu glätten. Es sei „außerordentlich bedauerlich“, dass das Projekt zum Gegenstand des Vorwahlkampfs geworden sei. „Es spaltet diesen Rat. Und das hat dieses Projekt nicht verdient.“
Ist die SPD-Chefin nur uninformiert oder strategisch vergesslich?
Nicht informiert gewesen zu sein, behauptete die SPD-Fraktionsvorsitzende Hambürger dos Reis bereits in einer anderen zentralen kommunalpolitischen Frage. Ihr Genosse Robert Alferink, der sich für die SPD um das Amt des Oberbürgermeisters bewirbt, zeigte sich im April uninformiert über die Pläne eines privaten Investors für das ehemalige Galeria-Kaufhof. Trotz eindeutig anderer Darstellung durch die Oberbürgermeisterin behauptete Hambürger dos Reis auch hier, nicht informiert gewesen zu sein und deswegen den OB-Kandidaten Alferink nicht über die Verhandlungen der Stadt mit dem Investor informiert zu haben.
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