Was passiert, wenn plötzlich rund 7.000 Menschen irgendwo stranden, die sich vorher noch nie gesehen haben? Wenn niemand weiß, wann es weitergeht, die Handys kaum funktionieren und gleichzeitig Schlafplätze, Essen und Medikamente für Tausende organisiert werden müssen? Die Antwort darauf ist eine Geschichte, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Gander im kanadischen Neufundland tatsächlich passiert ist. Und sie steht jetzt im Mittelpunkt des Musicals „Come from Away“, das in Osnabrück vom Musical-Amateurprojekt (map) im Haus der Jugend auf die Bühne gebracht wird.
Eine Geschichte, die wirklich passiert ist
Regisseurin Anna-Lena Handt fasziniert an dem Musical vor allem eines: Es erzählt keine erfundene Märchengeschichte. „Es ist eine reale Geschichte, eine warme Geschichte“, sagt sie bei einem Besuch in der HASEPOST-Redaktion. Genau das mache den Stoff so besonders. Als am 11. September 2001 der amerikanische Luftraum gesperrt wird, müssen 38 Flugzeuge mit rund 7.000 Passagieren in Gander zwischenlanden. Aus der unfreiwilligen Zwischenlandung wird ein mehrtägiger Ausnahmezustand – und eine außergewöhnliche Gemeinschaft.
Für Handt liegt darin auch die große Stärke des Stücks. Die Autoren haben für „Come from Away“ die Menschen in Gander besucht und mit ihnen über die Ereignisse gesprochen. Viele Szenen basieren auf tatsächlichen Erlebnissen. Manche Geschichten wurden für das Musical zwar verschiedenen Figuren zugeordnet, der Kern aber stammt aus den Erfahrungen der Menschen vor Ort.
„Wie werden aus Fremden Freunde?“ Diese Frage zieht sich für Anna-Lena Handt durch die gesamte Inszenierung. Denn genau darum geht es: Menschen, die sich nicht kennen, müssen plötzlich füreinander da sein. Die Einheimischen öffnen ihre Häuser, organisieren Essen und Unterkünfte und helfen den Gestrandeten durch eine Situation, in der niemand weiß, wie lange sie dauern wird.
„Es geht um Gemeinschaft“, sagt die Regisseurin. Und damit um ein Thema, das 25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September nichts von seiner Bedeutung verloren hat.
Keine Pause für die Gestrandeten – und deshalb auch keine für das Publikum
Dass die etwa 100-minütige Vorstellung ohne Pause auskommt, ist kein Zufall. Die Menschen in Gander konnten schließlich auch nicht einfach einmal alles stehen und liegen lassen. Sie mussten sich permanent darum kümmern, dass die Gestrandeten versorgt wurden. Schlafplätze mussten organisiert, Lebensmittel beschafft und Medikamente aufgetrieben werden.
Auch dramaturgisch passt die durchgehende Erzählweise zum Stoff. Das Publikum erlebt die Ereignisse nahezu ohne Unterbrechung. Dazu kommt ein hohes Tempo: Dialoge greifen eng ineinander, Musik und Handlung laufen fast permanent weiter.
Für die Mitwirkenden ist das eine besondere Herausforderung. „Man muss in den Situationen sofort drin sein“, beschreibt Handt die Arbeit. Viel Zeit, um sich langsam in eine Szene hineinzuspielen, bleibt nicht. Deshalb wurde intensiv daran gearbeitet, Situationen unmittelbar entstehen zu lassen.
Anna-Lena Handt ist die Regisseurin des Musicals. / Foto: Dominik Lapp
27 Menschen statt zwölf
Auch die Besetzung unterscheidet sich deutlich vom Original. Während dort sechs Männer und sechs Frauen zahlreiche Rollen übernehmen, stehen in Osnabrück 27 Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne. Das bringt zusätzliche Möglichkeiten, aber auch zusätzliche Herausforderungen mit sich.
Die Bühne selbst bleibt dabei bewusst reduziert. Stühle, Hüte und wenige weitere Elemente reichen aus, um unterschiedliche Orte und Figuren entstehen zu lassen. Türen und Fenster spielen eine wichtige Rolle, ebenso die ständig wechselnden Positionen der Menschen auf der Bühne.
„Come from Away“ verlangt deshalb von allen Beteiligten ein hohes Maß an Konzentration. Viele Szenen greifen ineinander, Auf- und Abgänge müssen funktionieren. Geprobt wurde deshalb weitgehend chronologisch. Die Regisseurin arbeitete dabei eng mit Choreografin Mareike Dieluweit und dem Musikalischen Leiter Dennis Brause zusammen.
Musical mit Haltung
Für Anna-Lena Handt ist „Come From Away“ zugleich ein Stück, das etwas über die Gesellschaft erzählt. Ihr eigener Blick auf Musicalstoffe hat sich im Laufe der Jahre verändert. Waren es früher eher klassische Disney-Geschichten, die sie begeistert haben, sucht sie heute stärker nach Stücken mit einer inhaltlichen Ebene.
„Ich möchte, dass die Leute aus dem Theater gehen und über etwas nachdenken“, sagt sie. „Come From Away“ soll genau das leisten. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer Geschichte, in der Menschen in einer Extremsituation zeigen, was möglich ist, wenn sie einander helfen.
Dabei bleibt die Produktion musikalisch alles andere als zurückhaltend. Eine siebenköpfige Band begleitet das Ensemble. Die Musik verbindet Musicalelemente mit irischen und weltmusikalischen Einflüssen und gibt dem Geschehen einen eigenen Rhythmus.
Vielleicht ist die wichtigste Botschaft, die Anna-Lena Handt ihrem Publikum mitgeben möchte: In einer Welt, in der Menschen einander oft fremd bleiben, kann Gemeinschaft plötzlich alles verändern. Oder, wie es die Regisseurin zusammenfasst: „Nicht das ‚Ich allein‘ zählt, sondern das, was Menschen füreinander tun.“
Premiere am 19. September – 25 Prozent Rabatt auf Tickets (nur am 11. September buchbar)
Die Premiere von „Come From Away“ ist am 19. September im Haus der Jugend in Osnabrück. Insgesamt sind 24 Vorstellungen bis März geplant. Das Haus der Jugend ist für die Gruppe kein Zufall: Der Spielort ist vertraut, organisatorisch gut geeignet und ermöglicht es, die Produktion einem breiten Osnabrücker Publikum zu zeigen.
Einen besonderen Termin gibt es am 11. September: Zum 25. Jahrestag der Terroranschläge wird ein Rabatt angeboten. An diesem Tag gibt es 25 Prozent Preisnachlass auf die Tickets für die Vorstellungen am 26. und 27. September. Dafür muss bei der Buchung der Code MAP25 verwendet werden. Tickets gibt es unter www.musical-os.de.
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