Wer ab diesem Freitag mit der Bahn von Osnabrück nach Berlin fahren will, muss deutlich mehr Zeit einplanen. Am 2. Oktober beginnt die Deutsche Bahn mit umfangreichen Bauarbeiten auf der wichtigen Ost-West-Verbindung zwischen Hannover und Berlin. Für Osnabrücker Reisende bedeutet das deutlich längere Fahrzeiten, weniger direkte Verbindungen und eine ungewöhnliche Premiere: ICE-Züge nach Berlin halten während der Bauphase am Bahnhof Osnabrück Altstadt.
Der Vergleich mit den Interzonenzügen zu DDR-Zeiten drängt sich auf. Damals dauerte eine Fahrt von Osnabrück in die „Inselstadt“ Berlin (West) sogar noch gut eine Stunde länger. Dafür bekam der Reisende allerdings auch einiges geboten in der zusätzlichen Stunde, in der die Züge überwiegend an den Grenzübergängen standen: Kontrollen durch DDR-Grenzorgane und Stasi-Offiziere, Lokwechsel – nicht selten hing auf der vermeintlich überlegenen sozialistischen Seite Deutschlands plötzlich eine Dampflok vor dem Zug – und allerlei weitere Kuriositäten des Transitverkehrs. Heute sind es immerhin moderne ICE, die bis Ende Dezember gemächlich teils über Streckenabschnitte rollen, die längst aus dem Bewusstsein verschwunden waren und auf denen einst die Interzonenzüge durch die DDR bummelten.
Hannover–Berlin: Ab 2. Oktober beginnt die Großbaustelle
Die Deutsche Bahn startet am Freitag, 2. Oktober, mit umfangreichen Arbeiten auf der Strecke zwischen Lehrte bei Hannover und Berlin. Besonders betroffen ist zunächst der Abschnitt zwischen Fallersleben bei Wolfsburg und Berlin-Spandau. Die erste große Sperrphase dauert bis zum 12. Dezember 2026.
Damit ist das Thema allerdings längst nicht erledigt: Die Arbeiten auf der insgesamt 221 Kilometer langen Ost-West-Achse ziehen sich bis Ende 2027. Unter anderem werden Gleise, Weichen, Oberleitungen und die Feste Fahrbahn der Schnellfahrstrecke erneuert. Für den Fernverkehr bedeutet das: Die gewohnte schnelle Verbindung über Hannover, Wolfsburg und Stendal steht zeitweise nicht zur Verfügung.
Osnabrück–Berlin braucht plötzlich rund vier Stunden
Bislang dauert eine schnelle ICE-Fahrt von Osnabrück nach Berlin typischerweise rund 2 Stunden und 45 bis 2 Stunden und 55 Minuten. Ab Freitag bewegen sich viele Verbindungen dagegen in einer Größenordnung von knapp vier Stunden – immerhin inzwischen ohne Lokwechsel und Grenzkontrollen zwischen Braunschweig und Magdeburg.
Die Bahn rechnet allein zwischen Hannover und Berlin mit rund 60 bis 80 Minuten zusätzlicher Fahrzeit. Für Osnabrück ergibt sich damit bei vielen Verbindungen ebenfalls ein Zeitverlust von ungefähr einer Stunde bis 70 Minuten.
So weist die Fahrplanauskunft beispielsweise Verbindungen von Osnabrück Hauptbahnhof nach Berlin mit etwa 3:57 bis 3:59 Stunden und einem Umstieg aus. Aus der bislang komfortablen Strecke, auf der mehrere ICE ohne Umstieg nach Berlin fuhren, wird damit häufig eine Vier-Stunden-Reise.
Kurios: ICE hält jetzt am Osnabrücker Altstadtbahnhof
Es gibt allerdings weiterhin Direktzüge nach Berlin – und die sorgen in Osnabrück für eine Besonderheit. Mehrere ICE der Linie Amsterdam–Osnabrück–Berlin werden großräumig über Hamburg umgeleitet. Von Rheine kommend fahren sie dabei über eine Verbindungskurve auf die Nord-Süd-Strecke Richtung Bremen und Hamburg. Den Osnabrücker Hauptbahnhof können diese Züge dadurch nicht anfahren. Stattdessen halten sie am ehemaligen Hasetor-Bahnhof am Erich-Maria-Remarque-Ring.
Vom ICE-Halt Osnabrück-Altstadt geht es über Hamburg-Harburg, Hamburg-Bergedorf und je nach Zug über Ludwigslust oder Wittenberge weiter nach Berlin. Ein Beispiel aus dem neuen Fahrplan: Der ICE 141 verlässt Osnabrück Altstadt um 8:49 Uhr und erreicht Berlin Hauptbahnhof planmäßig um 12:54 Uhr. Das sind gut vier Stunden Fahrzeit – dafür entfällt das Umsteigen.
Enden einige ICE schon in Hannover statt in Berlin?
Nicht alle bisherigen Amsterdam-Berlin-Züge nehmen allerdings den Umweg über Hamburg. Ein Teil der ICE aus den Niederlanden fährt weiterhin über Osnabrück Hauptbahnhof und Bünde nach Hannover – endet dort aber.
Wer einen solchen Zug nutzt und weiter nach Berlin möchte, muss in Hannover umsteigen. Von dort fahren Fernzüge über die Ausweichstrecke Braunschweig und Magdeburg in die Hauptstadt.
Die Bahn bietet zwischen Hannover und Berlin drei Fernverkehrszüge innerhalb von zwei Stunden sowie zusätzliche Einzelverbindungen an.
Für Osnabrücker Reisende heißt das deshalb mehr denn je: Vor der Abfahrt genau hinschauen, von welchem Osnabrücker Bahnhof der ICE fährt. Je nach Verbindung steht im Navigator entweder „Osnabrück Hbf“ oder „Osnabrück Altstadt“.
Ändert sich die früheste und späteste Verbindung von Osnabrück nach Berlin?
Auch Fahrten am Tagesrand bleiben grundsätzlich möglich. Allerdings verändert die Baustelle die Abfahrtszeiten und vor allem die Zahl der schnellen Direktverbindungen.
Eine für jeden Wochentag identische „erste“ und „letzte“ Verbindung gibt es ohnehin nicht. Je nach Wochentag und konkretem Reisetag unterscheiden sich die Fahrpläne. Gerade am frühen Morgen oder späten Abend müssen Reisende während der Bauphase häufiger mit Umstiegen oder deutlich längeren Fahrzeiten rechnen.
Wer beispielsweise einen Termin früh morgens in Berlin hat oder erst spät zurückfahren möchte, sollte deshalb nicht mehr von den gewohnten Fahrzeiten ausgehen. Die knapp dreistündige Verbindung zwischen Osnabrück und Berlin ist vorerst eher die Ausnahme als die Regel.
Wird das Bahnticket nach Berlin durch den Umweg teurer?
Einen besonderen „Baustellenzuschlag“ für den Umweg über Hamburg oder Magdeburg gibt es nicht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass für zwei Fahrten automatisch derselbe Preis angezeigt wird. Sparpreise und Super-Sparpreise der Bahn sind abhängig von Zugauslastung, Buchungszeitpunkt und verfügbaren Kontingenten. Deshalb können Verbindungen über Hamburg oder mit Umstieg durchaus andere Preise haben als die bisherige Direktverbindung.
Die zusätzlichen Kilometer einer baustellenbedingten Umleitung werden dem Fahrgast aber nicht einfach nachträglich als Mehrpreis berechnet. Wer ein zuggebundenes Sparpreis-Ticket kauft, bucht die im Fahrplan angebotene Verbindung zu dem dort ausgewiesenen Preis.
Warum das Auto nach Berlin plötzlich zeitlich konkurrenzfähig ist?
Durch die verlängerten Bahnfahrzeiten rückt für Reisende aus Osnabrück auch das Auto wieder näher an den ICE heran.
Der ADAC berechnet für die gut 420 Kilometer lange Strecke von Osnabrück nach Berlin über A30, A2 und A115 ohne größere Verkehrsbehinderungen eine reine Fahrzeit von ungefähr vier Stunden. Je nach genauer Start- und Zieladresse, Baustellen und Verkehr sind etwa vier bis viereinhalb Stunden realistischer.
Damit liegt das Auto während der Bahnsperrung zeitlich ungefähr auf Augenhöhe mit vielen Zugverbindungen. Vor der Sperrung hatte der ICE mit rund 2:50 Stunden dagegen einen deutlichen Vorsprung.
Natürlich gilt auch auf der Autobahn: Stau rund um Hannover, Braunschweig oder beim Berliner Ring kann die Rechnung schnell verändern.
Kommt 2027 die nächste Vollsperrung auf der Strecke nach Berlin?
Nach derzeitiger Planung folgt vom 15. Oktober bis 11. Dezember 2027 erneut eine große Vollsperrung zwischen Berlin-Spandau und Stendal beziehungsweise weiter Richtung Fallersleben. Auch dann müssen Fernzüge wieder weiträumig umgeleitet werden.
Kommt 2028 dann noch eine Vollsperrung bei Berlin Spandau?
Noch unangenehmer könnte es möglicherweise 2028 werden. Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ ist die Erneuerung der Leit- und Sicherungstechnik im Bahnhof Berlin-Spandau noch nicht endgültig terminlich abgesichert. Sollte es nicht gelingen, diese Arbeiten innerhalb der ohnehin geplanten Sperrphasen 2027 zu erledigen, steht für 2028 eine weitere Vollsperrung im Raum – möglicherweise für bis zu 16 Wochen. Dann könnten Fernzüge Richtung Westen einen noch größeren Bogen über Potsdam fahren müssen. Auch Arbeiten im Bahnhof Wustermark spielen bei diesen Planungen eine Rolle.
Fest beschlossen ist diese zusätzliche Sperrung für 2028 bislang allerdings nicht. Die Bahn versucht weiterhin, die Arbeiten in Spandau und Wustermark mit den bereits geplanten Baustellen zu bündeln.
Für Osnabrücker Bahnreisende bleibt damit erst einmal die wichtigste Zahl: Statt bisher knapp drei Stunden dauert die Fahrt nach Berlin ab Freitag häufig rund vier Stunden – und manchmal beginnt die ICE-Reise in die Hauptstadt nicht mehr am Hauptbahnhof, sondern mitten in der Altstadt.
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