Osnabrück hat für Carsten Adler bis heute eine besondere Bedeutung. Hier studierte er zeitweise Philosophie und Religionswissenschaften, noch immer verbringt er regelmäßig Zeit in der Stadt. Mit seinem Buch „Pepe Poseidonios – der kleine Stoiker aus dem Atlantik“ hat er persönliche Erfahrungen und seine Beschäftigung mit dem Stoizismus miteinander verbunden. Die HASEPOST hat mit ihm über sein Buch, queere Philosophie und die Frage gesprochen, wie stoisches Denken in gesellschaftlich unsicheren Zeiten helfen kann.
Aus einem Mutmacher für ein Kind wurde ein philosophisches Buch
Die Idee zu „Pepe Poseidonios“ entstand zunächst ganz persönlich. Für den Sohn seiner besten Freundin schrieb Carsten Adler eine Geschichte, die ihm zum Schulstart Mut machen sollte. „Ich habe erst hinterher gemerkt, wie viel persönliche Erfahrung auch in der Geschichte steckt“, erzählt Adler im Gespräch mit der HASEPOST.
Aus der ursprünglich als Kindergeschichte gedachten Erzählung entwickelte sich so ein Buch, das sich auch an Jugendliche und Erwachsene richtet. Vor allem im philosophischeren zweiten Teil geht es um Selbstfindung, den Umgang mit schwierigen Situationen und die Frage, welchen Einfluss Menschen auf ihr eigenes Glück haben.

„Pepe Poseidonios“ schrieb Carsten Adler für den Sohn seiner besten Freundin. Beim Schreiben hatte er diesen Ort an der Küste Portugals im Kopf. / Foto: Carsten Adler
Was Stoizismus für Carsten Adler bedeutet
Mit dem Stoizismus beschäftigt sich Adler bereits seit seinem Studium in Osnabrück. Die antike philosophische Strömung stellt unter anderem Vernunft, Selbstbeherrschung und einen bewussten Umgang mit Dingen in den Mittelpunkt, die sich nicht unmittelbar beeinflussen lassen.
Für Adler ist das längst mehr als ein theoretisches Konzept. Stoisches Denken habe ihm auch geholfen, private und berufliche Krisen zu bewältigen.
Von der Frosch- in die Taubenperspektive
Er beschreibt das mit einem Bild aus seinem Buch: „Der Stoizismus erlaubt es, raus aus der Froschperspektive und rein in die Taubenperspektive zu wechseln. Man sieht mehr und nimmt Abstand.“
Dabei versteht Adler Stoizismus nicht als völlige Gefühllosigkeit. Vielmehr gehe es für ihn darum, Abstand zu den eigenen Emotionen zu gewinnen und Situationen dadurch klarer betrachten zu können.
Adler verbindet Stoizismus mit queerer Lebenserfahrung
Diese Haltung beschäftigt Adler auch mit Blick auf seine eigene queere Identität. Er selbst bezeichnet seinen Ansatz als „queere Philosophie“ und sieht Verbindungen zwischen stoischem Denken und den Erfahrungen schwuler Männer.
Resilienz als wichtiger Teil queerer Lebenserfahrung
„Der Stoizismus hat schon immer schwule Männer angesprochen und kann eine gewisse Resilienz lehren, die man als schwuler Mann lange brauchte und aktuell wieder mehr braucht“, sagt Adler.
Für ihn bedeutet Stoizismus dabei auch, gesellschaftliche und politische Debatten zunächst mit Abstand zu betrachten. Statt Situationen ausschließlich entlang politischer Lager zu bewerten, gehe es ihm darum, einen größeren Blick auf gemeinsame Bedürfnisse zu entwickeln.
Resilienz spielt dabei für Adler eine zentrale Rolle. Gerade Menschen, die Diskriminierung erleben, müssten Wege finden, mit Unsicherheit, Ablehnung und gesellschaftlichen Spannungen umzugehen.
Anschlag auf Berliner CSD beschäftigt die queere Community
Wie aktuell diese Fragen sind, zeigte sich für Adler auch nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day im Juli 2026. Am Abend des 25. Juli fuhr ein Attentäter mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge. Eine Frau wurde getötet, 31 weitere Menschen wurden verletzt. Der Anschlag sorgte innerhalb der queeren Community für große Verunsicherung.
Interesse am Thema Resilienz wächst
Auch Adler nahm anschließend ein verstärktes Interesse am Thema Resilienz wahr. „Zu der Zeit sind viele queere Magazine auf mich zugekommen. Resilienz ist wieder ein größeres Thema, da die Angst steigt“, berichtet er.
Die gesellschaftliche Entwicklung betrachtet er dabei mit Sorge. Seiner Ansicht nach lasse sich nicht jede politische Veränderung unmittelbar beeinflussen. Umso wichtiger sei es, einen persönlichen Umgang damit zu entwickeln.
Stoizismus bedeutet für Adler nicht, alles hinzunehmen
Stoizismus bedeute für ihn deshalb nicht, Probleme einfach hinzunehmen. „Der Stoiker nimmt nicht hin, er macht sich nicht zum Opfer. Er beobachtet und wartet, bis er einen klaren Fokus hat und präzise und genau Kritik üben kann.“
„Pepe Poseidonios“ auch in Osnabrück erhältlich
Pepe Poseidonios ist bereits seit Juli 2025 auf dem Markt und in den Osnabrücker Buchhandlungen bereits in der zweiten Auflage erhältlich. Die Illustrationen kommen von Adlers Mutter. Sein nächstes Ziel: Das Buch soll in weitere Sprachen übersetzt werden. Resilienz und die Philosophie des Stoizismus sind für Menschen in jeglicher schweren Lebenssituation eine hilfreiche Strategie, findet Adler – ob als queere Person, bei Herkunfts- oder Religionskonflikten, Trauer oder psychischem Leid.
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