„Shit in, shit out“ ist eine alte IT-Weisheit – und sie gilt auch bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI). Eher unfreiwillig liefern die Osnabrücker AfD und die SPD – mithin zwei Parteien an unterschiedlichen Rändern des politischen Spektrums – den Beleg dafür, wie sehr diese Regel auch im Wahlkampf gilt.
Den Anfang machten die Osnabrücker Sozialdemokraten bereits im Mai mit einer als Plakatkampagne angekündigten Motivserie, die dann – vielleicht aus Scham – allerdings nur in den sozialen Medien gezeigt wurde. Dort repräsentierten Menschen mit fehlenden Fingern die angepeilte Wählerzielgruppe, im Hintergrund ragten Kirchtürme einer unbekannten Stadt auf und anstelle des Osnabrücker Stadtwappens war das Wappen des Bistums Mainz zu sehen.
AfD-Oberbürgermeisterkandidat wirbt mit seltsamer Landkarte der Osnabrücker Innenstadt
Es folgte der Oberbürgermeisterkandidat der AfD, Thorsten Wassermann, der – ebenfalls ausschließlich in den sozialen Medien – vor der letzten Ratssitzung vor der Sommerpause für einen Antrag warb, der einen Ideenwettbewerb für den Bereich rund um den Neumarkt vorsah, in der KI-generierten Grafik als „Bermuda-Dreieck“ bezeichnet.
Die gezeigte Landkarte hatte mit den tatsächlichen Gegebenheiten in Osnabrück allerdings rein gar nichts zu tun. Schlossgarten und Johanisstraße (auf der Grafik tatsächlich ohne zweites „n“) waren falsch eingezeichnet – und im Hintergrund erhob sich erneut irgendein seltsamer Kirchturm, den es in Osnabrück schlicht nicht gibt.
Was zeigt denn diese Karte und was soll das für ein Kirchturm im Hintergrund sein? KI-generierte Weahlwerbung von Thorsten Wassermann, AfD (Bildausschnitt)
Auf Nachfrage unserer Redaktion reagierte Thorsten Wassermann umgehend und erklärte, den Prompt gar nicht konkret für die lokalen Verhältnisse definiert zu haben. Zudem räumte er ein: „Ich ringe auch immer noch mit mir, ob KI-Bilder in dieser Art überhaupt angemessen für politische Botschaften sind.“ Kurz darauf ergänzte der AfD-Politiker, unsere Nachfrage habe ihn „nachdenklich“ gemacht.
Ratsmitglied der SPD verteidigt stümperhafte KI-Nutzung als „neues Werkzeug“
So viel Selbstreflexion wie bei der AfD gab und gibt es bei der SPD bislang nicht. SPD-Ratsmitglied André Klekamp, ausgerechnet im Druckgewerbe tätig, verteidigte den KI-Einsatz auf Instagram mit dem Hinweis, KI sei „ein neues Werkzeug“, das „auch und erst recht Mediengestalter nutzen“.
Ein Frauennachttaxi unterwegs zu einer Kirche, von der wohl die KI annimmt, sie könnte in Osnabrück sein, so der so ähnlich / SPD Wahlplakat (Bildausschnitt)
Die allerdings nutzen es in der Regel mit Bedacht und Qualitätskontrolle. Genau die fehlte offensichtlich nicht nur bei den Motiven, die später wieder zurückgezogen werden mussten, weil die SPD darauf ungefragt Logos Osnabrücker Unternehmen verwendet hatte. Auch in dieser aktuellen Bildserie findet sich wieder ein Kirchturm, der so gar nicht nach Osnabrück passen will – ebenso wenig wie das „Frauennachttaxi“ mit seiner überdimensionierten Leuchtreklame auf dem Dach. Was KI eben produziert, wenn der Prompt nicht stimmt.
SPD kommentiert Nachfrage mit interessanter Formulierung
Eine Kennzeichnung als KI-generiert, wie sie ab dem 2. August von der EU bei zahlreichen Nutzungen vorgeschrieben ist und vielfach freiwillig von Werbetreibenden vorgenommen wird, fehlt ebenfalls. Eine Nachfrage an den Wahlkampfmanager der Osnabrücker SPD dazu führte zu folgender Aussage, die wohl für sich spricht: „Wenn eine bestimmte Kennzeichnung also nicht auf Plakaten vorhanden ist, bedeutet dies, dass diese auch nicht vorgeschrieben ist.“
Tipp für die Leserin oder den Leser: Wenn ich also beim Verlassen des Ladengeschäfts nicht bezahle, dann bedeutet dies, das ich das nicht muss. Muss man sich merken!
Splatter-Szene im Wahlkampf: Wie mag wohl der Prompt ausgesehen haben?
Nicht antworten auf eine Nachfrage unserer Redaktion wollte auch SPD-Ratsmitglied, ehemaliger Oberbürgermeisterkandidat und Landtagsabgeordneter Frank Henning, der auf seinem Instagram-Account nun das nächste Glanzstück laienhaften KI-Einsatzes präsentiert.“
Und wieder seltsame Kirchtürme als Landmarke, die wohl Osnabrück repräsentieren solllen? / Wahlwerbung von Frank henning (SPD), Bildausschnitt Instagram
Neben dem inzwischen fast schon obligatorischen „unbekannten Kirchturm“ im Hintergrund und einer ebenfalls fehlenden KI-Kennzeichnung zeigt eines seiner Motive grotesk verstümmelte Menschen auf ebenso grotesk wirkenden Fahrradfragmenten. Shit in, shit out … Wie mag wohl der Prompt ausgesehen haben? Und wird die SPD den sorgsamen Umgang mit KI im Wahlkampf noch lernen?
KI-Nutzung verlangt Kompetenz – meint zumindest die Bundes-SPD
Die Bundes-SPD hat immerhin früh versucht zu formulieren, dass der Einsatz von KI auch Kompetenz verlangt. Bereits im Frühjahr 2023 schrieb die Medienkommission der Partei von „berechtigten Bedenken hinsichtlich der ungeregelten und unreflektierten Nutzung dieser Systeme“.
Treffender lässt sich das Osnabrücker Beispiel kaum zusammenfassen: Den praktischen Beweis lieferten ausgerechnet die AfD und die SPD.
Nachfragen unserer Redaktion an Frank Henning und den Wahlkampfmanager der Osnabrücker SPD blieben unbeantwortet – ebenso die Frage, wie die SPD dazu steht, dass durch derart unprofessionellen KI-Einsatz zugleich die fachlich hochwertige Arbeit von Grafikern entwertet wird.
Kommentare zu diesem Artikel:
Mehr Nachrichten aus der Region?
➡️ Alle aktuellen Artikel zu Osnabrück (Gesamtstadt) finden Sie hier.