Der Staatsbesuch von Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan in Deutschland kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Beziehungen zwischen Berlin und Abu Dhabi neu einordnen. Nach mehreren hochrangigen Kontakten in diesem Jahr geht es längst nicht mehr nur darum, eine seit Jahrzehnten bestehende Partnerschaft zu pflegen. Beide Länder stehen vor wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen, die sich zunehmend überschneiden.
Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate unterhalten seit mehr als 50 Jahren diplomatische Beziehungen, seit 2004 besteht eine strategische Partnerschaft. Doch die Welt, in der diese Partnerschaft entstanden ist, gibt es so nicht mehr. Der Krieg in der Ukraine hat Europa vor Augen geführt, welche Risiken aus einseitigen wirtschaftlichen und energiepolitischen Abhängigkeiten entstehen können. Gleichzeitig haben die Spannungen im Nahen Osten erneut gezeigt, wie schnell Konflikte am Golf Auswirkungen auf Energiepreise, Handelswege und Lieferketten weit über die Region hinaus haben.
Was früher als europäische beziehungsweise nahöstliche Sicherheitsfrage betrachtet werden konnte, lässt sich deshalb heute kaum noch voneinander trennen.
Sicherheit und Wirtschaft gehören zunehmend zusammen
Deutschland ist als exportorientierte Industrienation auf offene Handelswege, stabile Lieferketten und verlässliche internationale Regeln angewiesen. Für die VAE gilt Ähnliches. Ihre Rolle als Handels-, Logistik- und Finanzzentrum hängt wesentlich davon ab, dass die Verkehrswege zwischen Europa und Asien offen und sicher bleiben.
Der deutsche Botschafter in den Emiraten, Tobias Tunkel, hat diesen gemeinsamen Nenner zuletzt deutlich benannt. Deutschland sei als Exportnation auf freie Schifffahrt und offene internationale Gewässer angewiesen und sehe in den VAE einen Partner, der dieses Interesse teile. Zugleich verwies er auf mögliche gemeinesame Interessen bei Luftverteidigung und Drohnenabwehr.
Das ist mehr als eine sicherheitspolitische Randnotiz. Neue Technologien verändern die Bedrohungslage in Europa und im Nahen Osten gleichzeitig. Drohnen können militärische Ziele ebenso treffen wie Flughäfen, Energieanlagen oder andere kritische Infrastruktur. Angriffe auf Schifffahrtswege am Golf können binnen kurzer Zeit Auswirkungen auf Unternehmen und Verbraucher in Europa haben.
Damit wird auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit strategischer.
Zwei unterschiedliche Ausgangspunkte, ähnliche Interessen
Deutschland hat über Jahrzehnte von einer starken industriellen Basis, vergleichsweise günstiger Energie und offenen Weltmärkten profitiert. Seit 2022 ist deutlich geworden, dass dieses Modell angepasst werden muss. Energiequellen wurden diversifiziert, zugleich ist der internationale Wettbewerb um künstliche Intelligenz, Halbleiter, moderne Fertigung und andere Schlüsseltechnologien deutlich härter geworden.
Die VAE stehen an einem anderen Punkt. Sie sind weiterhin einer der bedeutenden Energieproduzenten der Welt, investieren aber seit Jahren gezielt in den Umbau ihrer Wirtschaft. Erneuerbare Energien, Logistik, digitale Infrastruktur, künstliche Intelligenz und moderne Industrie spielen dabei eine immer größere Rolle.
Gerade daraus ergeben sich gemeinsame Interessen. Deutschland verfügt über industrielle Erfahrung, Ingenieurwissen und eine starke Forschungslandschaft. Die Emirate bringen Kapital, Energiekompetenz, digitale Infrastruktur und Zugang zu dynamischen Märkten im Nahen Osten, in Afrika und Asien mit.
Es wäre zu einfach, daraus eine Beziehung zwischen einem kapitalstarken Investor und einer investitionsbedürftigen Industrienation zu machen. Interessanter ist die Frage, wo beide Seiten gemeinsam neue wirtschaftliche Kapazitäten aufbauen können.
Die Zusammenarbeit geht längst über Energie hinaus
Energie ist dafür weiterhin ein wichtiger Ausgangspunkt. Beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Abu Dhabi im Februar vereinbarten Adnoc und RWE unter anderem, Möglichkeiten für langfristige LNG-Lieferungen nach Deutschland und Europa zu prüfen. Masdar und RWE arbeiten zugleich an möglichen Batteriespeicherprojekten in Deutschland. Hinzu kommt das langfristige Engagement der emiratischen XRG bei Covestro.
Doch wer die Beziehungen zwischen Deutschland und den VAE auf Öl, Gas oder erneuerbare Energien reduziert, übersieht inzwischen einen großen Teil des Potenzials.
Besonders interessant wird die Partnerschaft dort, wo deutsche Industriekompetenz und die Technologieambitionen der Emirate zusammentreffen. Die VAE investieren massiv in künstliche Intelligenz und digitale Infrastruktur. Deutschland besitzt weiterhin eine starke Basis in Maschinenbau, industrieller Fertigung und angewandter Forschung. Industrielle KI, Robotik, Cybersicherheit oder automatisierte Fertigung bieten deshalb naheliegende Felder für eine vertiefte Zusammenarbeit.
Tunkel hat bereits auf die Möglichkeit hingewiesen, die KI-Kompetenzen der Emirate stärker mit dem deutschen Industriesektor zu verbinden. Genau darin könnte eine der interessantesten Perspektiven der kommenden Jahre liegen: nicht nur Kapital oder Technologie auszutauschen, sondern gemeinsam industrielle Anwendungen zu entwickeln.
Auch die Wirtschaftsbeziehungen verändern ihren Charakter
Das Fundament dafür ist vorhanden. Das bilaterale Handelsvolumen lag 2025 bei mehr als 15,5 Milliarden US-Dollar. Rund 2.000 deutsche Unternehmen sind heute in den Emiraten vertreten. Viele nutzen das Land längst nicht mehr ausschließlich als Absatzmarkt, sondern als Ausgangspunkt für Geschäfte im weiteren Nahen Osten, in Afrika und Asien.
Mit dem Germany-UAE Business Council ist im vergangenen Jahr zudem eine weitere Plattform für Unternehmen und Investoren beider Länder entstanden.
Entscheidender als die reinen Handelszahlen ist jedoch, dass sich das Muster der Beziehungen verändert. Über Jahrzehnte war das Verhältnis zwischen Europa und den Golfstaaten vergleichsweise einfach: Europa importierte Energie und exportierte Industriegüter, Technologie und Know-how.
Dieses Modell gehört zunehmend der Vergangenheit an.
Kapital aus den Emiraten fließt heute in deutsche Industrie-, Technologie- und Infrastrukturunternehmen. Gleichzeitig beteiligen sich deutsche Unternehmen stärker an der wirtschaftlichen Diversifizierung der VAE. Aus einem klassischen Handelsverhältnis kann so schrittweise eine Investitions- und Industriepartnerschaft entstehen.
Eine Partnerschaft, die nicht auf Einigkeit in allen Fragen angewiesen ist
Deutschland und die VAE verfolgen dabei keineswegs immer dieselben außenpolitischen Ansätze. Deutschland ist fest in EU und Nato verankert. Abu Dhabi setzt stärker auf Beziehungen zu unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Machtzentren.
Eine strategische Partnerschaft setzt jedoch keine vollständige politische Übereinstimmung voraus. Entscheidend ist, ob genügend konkrete gemeinsame Interessen vorhanden sind. Bei Energiesicherheit, offenen Handelswegen, Investitionen, technologischer Entwicklung und regionaler Stabilität ist das eindeutig der Fall.
Auch deshalb hat die Beziehung eine europäische Dimension. Die EU und die VAE wollen ihre Wirtschaftsbeziehungen weiter vertiefen und verhandeln über engere Handels- und Investitionsbeziehungen. Als größte Volkswirtschaft Europas und einer der wichtigsten Partner der Emirate innerhalb der EU hat Deutschland ein besonderes Interesse daran, diesen Prozess mitzugestalten.
Der Staatsbesuch bietet nun die Gelegenheit, all diese Entwicklungen zusammenzuführen. Als Scheich Mohamed Deutschland 2019 offiziell besuchte, bezeichnete er Deutschland und die VAE als Anker für Frieden und Stabilität in ihren jeweiligen Regionen. Seitdem hat sich das internationale Umfeld grundlegend verändert.
Gerade deshalb wirkt diese Aussage heute weniger wie diplomatische Höflichkeit als damals.
Für Deutschland geht es darum, industrielle Stärke zu sichern, Abhängigkeiten zu reduzieren und verlässliche wirtschaftliche Partner zu gewinnen. Die VAE wollen ihre Wirtschaft weiter diversifizieren, technologische Kompetenzen aufbauen und ihre Rolle als globales Handelszentrum festigen.
Die entscheidende Frage nach dem Staatsbesuch wird daher nicht sein, wie viele Vereinbarungen unterzeichnet wurden. Entscheidend ist, ob Berlin und Abu Dhabi aus einer über Jahrzehnte gewachsenen Beziehung eine Partnerschaft entwickeln können, die zu den wirtschaftlichen und geopolitischen Bedingungen der kommenden Jahre passt.
