Es gibt wohl kaum ein Auto, das so sehr für ein Unternehmen und damit auch für eine ganze Stadt steht wie der Karmann Ghia für Karmann und Osnabrück. In dieser Liga spielen sonst nur wenige Modelle: der VW Käfer für Wolfsburg oder der Porsche 911 für Stuttgart-Zuffenhausen. Auch Mini und Oxford, Fiat 500 und Turin oder Trabant und Zwickau gehören in diese Reihe.
Viele Ikonen kamen zurück – nur der Karmann Ghia nicht
Es verwundert daher kaum, dass viele dieser automobilen Ikonen inzwischen wiederauferstanden sind – oder, wie der Mini und der Porsche 911, schlicht weitergebaut wurden. Nur der Karmann Ghia erlebte bislang keine echte Wiedergeburt. Und auch der New Beetle von Volkswagen, der als moderne Neuinterpretation des Käfers gedacht war, ist längst wieder vom Markt verschwunden.
Dem New Beetle haftet hierzulande bis heute das Stigma eines Verkaufsflops an. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Zwar blieben die Verkaufszahlen in Deutschland gegenüber dem technisch nah verwandten Golf eher überschaubar, doch in den USA gilt der New Beetle als eines der Autos, mit denen Volkswagen wieder deutlich stärker wahrgenommen wurde – Abstrahleffekte auf die gesamte Marke inklusive. Auch in manchen asiatischen Märkten war der New Beetle ein Lifestyle-Fahrzeug, das zur um die Jahrtausendwende gestarteten Neupositionierung der Marke passte – mit Modellen wie dem Touareg und vor allem der Oberklasselimousine Phaeton, die außerhalb Deutschlands durchaus die gebührende Aufmerksamkeit und in der Folge Umsatzerfolge erzielte.
ein alter Karmann Ghia in „Hase“ (wirklich!) einem Stadtteil der Küstenstadt Kamakura (südlich von Tokio) / Foto: Pohlmann
Zurück nach Osnabrück – und zurück in die Zeit um 2000
Zurück nach Osnabrück, aber auch zurück in eine Zeit, in der in Wolfsburg noch andere automobile Träume möglich schienen. Um das Jahr 2000 wurde bei Volkswagen intensiv an der zweiten Neuauflage des Käfers gearbeitet. Die automobile Welt war aus Sicht der Konzernzentrale noch in Ordnung, weltweit wurde gutes Geld verdient. Warum also dem New Beetle, der mit seinen zwei Türen faktisch bereits ein Coupé war, nicht noch eine sportlichere Variante zur Seite stellen?
Die Modellgeschichte bot ein naheliegendes Vorbild: den Karmann Ghia.
Doch es gab Hindernisse. Ein offensichtliches betraf die Markenrechte. Ein weniger offensichtliches, aber womöglich entscheidendes Hindernis betraf Karmann selbst – und das Verhältnis zwischen der Osnabrücker Karosserieschmiede, Porsche und dem damaligen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch.
Karmann Roadster Coupé – Entwurf mit ✨ mit KI entwickelt
Der Name war nur das erste Problem
Bei den Markenrechten war – und ist – die Lage kompliziert. „Ghia“, also das italienische Designstudio Carrozzeria Ghia, das in den 1950er-Jahren für das Styling des werksintern als Typ 14 bezeichneten Sportcoupés verantwortlich war, gehört seit Anfang der 1970er-Jahre zum Ford-Konzern. Dort wurde der Name über viele Jahre vor allem als Modellbezeichnung für besonders plüschige Ausstattungsvarianten verwendet.
Und auch „Karmann“ lag selbstverständlich nicht bei Volkswagen, sondern in Osnabrück. Während Karmann Anfang der 1950er-Jahre den späteren Karmann Ghia zunächst ohne offiziellen Auftrag aus Wolfsburg auf den Weg gebracht hatte, wollte man Jahrzehnte später in Wolfsburg selbst ein Auto entwickeln, das irgendwie an den Erfolg und das Erbe dieses Klassikers anknüpfen sollte – allerdings ohne Zugriff auf beide prägenden Namensbestandteile.
Doch das war nicht alles.
Karmann, Porsche und ein alter Konflikt
Um die Jahrtausendwende war Karmann im Volkswagen-Kosmos nicht mehr der bevorzugte Partner früherer Jahrzehnte. In Branchenkreisen gilt als gesetzt, dass Karmann insbesondere bei Ferdinand Piëch in Ungnade gefallen war – das weitere VW-Management folgte dem Chef, der keine Abweichler tolerierte. Der damalige VW-Lenker soll es der Osnabrücker Firma übel genommen haben, dass sie sich in den 1990er-Jahren juristisch gegen Porsche zur Wehr gesetzt hatte. Ferdinand Piëch trug zwar nicht den Namen Porsche, aber seine Mutter war die Tochter von Ferdinand Porsche – Blut ist manchmal dicker als wirtschaftliche Vernunft.
Im Kern des Zerwürfnisses ging es um die Karmann-Studie „Idea“ und den späteren Porsche Boxster. Karmann reklamierte, dass Porsche bei dem Roadster nicht nur optisch nahe an der eigenen Studie gewesen sei, sondern auch wesentliche Elemente eines von Karmann entwickelten Dachsystems übernommen habe. Porsche – damals wirtschaftlich ohnehin schwer angeschlagen – musste Karmann schließlich finanziell entschädigen.
Für Karmann mag das ein berechtigter Erfolg gewesen sein. Politisch im Geflecht zwischen Volkswagen, Porsche und der Familie Piëch/Porsche dürfte der Vorgang jedoch Spuren hinterlassen haben – mit Folgen.
Ein Projekt ohne Namen – und ohne Rückenwind
Vor diesem Hintergrund – fehlende Markenrechte, ein kompliziertes Verhältnis zu Karmann und ein Konzernchef, der dem Osnabrücker Unternehmen offenbar nicht besonders wohlgesonnen war – wurde das intern als „New Karmann“ gehandelte Projekt nicht weiterverfolgt.
In Wolfsburg wurde zwar weiterhin mit Ideen gespielt. In der Forschungs- und Entwicklungsabteilung gab es um diese Zeit auch deutlich radikalere Konzepte, darunter Überlegungen für einen kleinen Sportroadster auf einer umgedrehten Polo-Basis mit Motor und Antrieb im Heck. Doch eine echte moderne Wiedergeburt des Karmann Ghia kam nicht auf die Straße.
Karmann Roadster Cabriolet im Vergleich (hier noch als („Ghia“ bezeichnet) – Entwurf mit ✨ mit KI entwickelt
Nach der Karmann-Pleite war der Moment vorbei
Spätestens nach der Insolvenz von Karmann und der Übernahme wesentlicher Teile des Osnabrücker Standorts durch Volkswagen war der historische Kreis zwar formal wieder geschlossen. Doch der richtige Moment für eine Neuinterpretation des Karmann Ghia war da wohl bereits vorbei.
Der automobile Zeitgeist hatte sich verändert. Statt kleiner Sportcoupés und eleganter Cabriolets verlangte der Markt zunehmend nach immer schwereren SUVs. Ob in Voxtrup oder Beverly Hills: Hochbeinige Freizeitfahrzeuge im Geländewagen-Look wurden zum neuen automobilen Statusversprechen vor dem Kindergarten und dem Tennisplatz.
Das später wieder in Osnabrück gebaute Golf Cabriolet wirkte entsprechend ambitionslos. Es war solide, aber kaum ein großer Wurf. In manchen Fachkreisen wird die zurückhaltende, sehr sichere Designsprache aus Wolfsburg spöttisch als „Heide-Design“ bezeichnet – ordentlich, unaufgeregt, aber selten aufregend.
Vom eleganten Coupé zum kuriosen SUV-Cabrio
Auch das T-Roc Cabriolet, das zuletzt in Osnabrück gebaut wurde, konnte die Tradition offener Volkswagen nur bedingt mit neuer Strahlkraft aufladen. Es war eher ein SUV-Cabrio-Zwitterwesen als ein eleganter Nachfolger großer Karmann-Linien. Am Markt fand es seine Käufer, doch als emotionale Ikone taugte es kaum.
Ausgerechnet mit diesem Modell soll nun das Kapitel Automobilbau im Osnabrücker Fledder enden – dort, wo einst eines der schönsten Volkswagen-Modelle überhaupt entstand. Die Zukunft? Gepanzerte Fahrzeuge oder Teile für ein israelisches Raketensystem.
Karmann Roadster Coupé im Vergleich (hier noch als („Ghia“ bezeichnet) – Entwurf mit ✨ mit KI entwickelt
Wie könnte ein neuer Karmann Ghia heute aussehen?
Was Volkswagen selbst nie umgesetzt hat, haben wir nun zumindest als Gedankenspiel ausprobiert: Wir haben mehrere KI-Systeme – darunter Grok, ChatGPT und Gemini – gebeten, einen modernen Karmann Ghia zu entwerfen. Die Aufgabe war nicht, einfach ein Retro-Auto zu zeichnen, sondern die stilistischen Grundideen des historischen Coupés neu zu interpretieren: flache Silhouette, weiche Linien, elegante Proportionen und eine gewisse Zurückhaltung, die gerade deshalb auffällt. Der Designprozess war iterativ, was bedeutet, dass mehrere KI-Systeme die gleichen Aufgaben gestellt bekommen haben – etwa: „Identifiziere die besonderen Designmerkmale des Karmann Ghia“ – und dann auf Basis dieser Ideen und der Design- und Formensprache des VW-Konzerns ein neues Modell entwickelt wurde.
Das Ergebnis zeigt, wie viel Potenzial noch immer in dieser Idee steckt. Ein moderner Karmann Ghia müsste kein nostalgischer Aufguss sein. Er könnte ein Gegenentwurf zum immer gleichen SUV-Einerlei sein – elegant, elektrisch, flach und eng verbunden mit einer Stadt, die ihren vielleicht schönsten automobilen Botschafter längst verloren glaubte.
Karmann Roadster Marke – Entwurf mit ✨ mit KI entwickelt
Es bliebe das Markenproblem, aber auch da haben die künstlichen Intelligenzen eine klare Meinung: Die Marke Ghia wurde durch Ford verbraucht und verbrannt und stünde ohnehin nicht zur Verfügung, es wäre der „Karmann Roadster“ – selbstbewusst und ohne Zusatz „New“ im Namen, eine Fortführung einer vor mehr als 70 Jahren gestarteten Automobilgeschichte.
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Hinweis: Der Autor war bis 2007 selbst im internationalen Marketing der Volkswagen AG tätig, jedoch nicht im Produktmarketing und nicht mit dem Projekt „New Karmann“ verbunden. Alle Informationen zur Projektgeschichte beziehen sich auf öffentliche Quellen.
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