Mit außergewöhnlichen Klängen, spiritueller Tiefe und musikalischer Grenzüberschreitung hat das Morgenland Festival in Osnabrück am Freitagabend (29. Mai) seine 22. Ausgabe eröffnet. Bis zum 6. Juni verwandelt das Festival zahlreiche Spielorte in der Osnabrücker Innenstadt in Orte der Begegnung und des kulturellen Austauschs. Das Eröffnungskonzert in der Marienkirche setzte dabei ein deutliches Zeichen für die programmatische Ausrichtung des Festivals: Offenheit, Experimentierfreude und die Verbindung unterschiedlichster musikalischer Traditionen.
Neuer Abschnitt unter neuer Leitung
Erstmals steht das Festival unter der Leitung der iranischen Klarinettistin, Kuratorin und bildenden Künstlerin Shabnam Parvaresh. Sie wird die Geschicke des Festivals bis 2028 verantworten. Geboren in Teheran, studierte Parvaresh zunächst Bildende Kunst im Iran, bevor sie nach privatem Klarinettenunterricht im Umfeld des Teheraner Symphonieorchesters ihre musikalische Laufbahn einschlug. Nach ihrer Ausreise aus dem Iran im Jahr 2013 absolvierte sie ein Studium der Jazzklarinette am Institut für Musik in Osnabrück.
Mit dem Morgenland Festival ist Parvaresh seit beinahe zwei Jahrzehnten eng verbunden. Sie trat dort als Solistin auf, musizierte unter anderem mit dem syrischen Klarinettisten Kinan Azmeh und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Morgenland Chamber Orchestra. Seit 2020 ist sie zudem mit ihrem eigenen Ensemble, dem Sheen Trio, international unterwegs.
„Was dieses Festival besonders macht, ist nicht nur die Vielfalt der Musik, sondern vor allem die Art, wie Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Teilen der Welt miteinander arbeiten und gemeinsam neue künstlerische Formen entwickeln“, sagte Parvaresh vor dem Eröffnungskonzert bei einem Empfang im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses.
Der italienische Posaunist Filippo Vignato. / Foto: Dominik Lapp
Abdullah Miniawy zwischen Sufismus und Protest
Den ersten Teil des Konzertabends gestaltete der ägyptische Sänger, Komponist und Autor Abdullah Miniawy. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem preisgekrönten Projekt „Le Cri du Caire“. Gemeinsam mit den Posaunisten Filippo Vignato und Andrea Andreoli entfaltete er in der Marienkirche dichte, oft theatralisch wirkende Klanglandschaften.
Miniawys Musik bewegt sich zwischen arabischer Tradition, zeitgenössischer Improvisation und spiritueller Poesie. Seine eindringliche Stimme stand dabei stets im Mittelpunkt. Die Kompositionen verbanden Elemente des Sufismus mit gesellschaftlichem Protest und wechselten zwischen meditativen Passagen und kraftvollen Ausbrüchen. Die besondere Akustik der Marienkirche verlieh dem Auftritt zusätzliche Intensität.
Ganavya schafft Raum für Stille und Verbundenheit
Im zweiten Teil des Abends trat die Sängerin, Komponistin und Bandleaderin Ganavya gemeinsam mit der Marienkantorei Osnabrück auf. Die Künstlerin, die zwischen New York und dem südindischen Tamil Nadu aufgewachsen ist, verbindet Einflüsse der hinduistischen Harikatha-Tradition mit spirituellem Jazz und südasiatischer Ritualmusik.
Begleitet wurde sie von ihrer Schwester an der Harfe und ihrem Bruder am Klavier. Zum Ende ihres Auftritts entschuldigte sich die sichtbar schwangere Musikerin beim Publikum für gelegentliche kleine Hustenanfälle. „Mein Körper und meine Stimme haben sich seit der Schwangerschaft verändert“, erklärte sie.
Die indisch-amerikanische Sängerin, Komponistin und Bandleaderin Ganavya gestaltete den zweiten Teil des Abends. / Foto: Dominik Lapp
Ihre Musik wirkte wie ein stilles Ritual. Viele Passagen zeichneten sich durch große Zurückhaltung, lange Spannungsbögen und intensive Konzentration aus. Gemeinsam mit der Marienkantorei entstand ein Klangraum, der auf Intimität und gemeinschaftliche Erfahrung setzte.
Ungewöhnliche Klänge fordern das Publikum
Die musikalische Sprache des Abends war für viele Personen im Publikum sicher ungewohnt. Doch genau dafür steht das Morgenland Festival seit mehr als zwei Jahrzehnten: für die Begegnung mit Klängen und Ausdrucksformen jenseits etablierter Hörgewohnheiten. Während zahlreiche Besucherinnen und Besucher die besondere Atmosphäre aufmerksam verfolgten, verließen im zweiten Teil des Konzerts auch einige Gäste vorzeitig die Kirche. Die sehr experimentellen und spirituell geprägten Klangwelten trafen offenbar nicht jeden Geschmack.
Dennoch zeigte der Eröffnungsabend eindrucksvoll, welchen Weg das Festival auch unter neuer Leitung einschlagen will: Musik als Ort der Begegnung, des Austauschs und der künstlerischen Neugier über kulturelle und stilistische Grenzen hinweg. Das vollständige Programm und Tickets gibt es auf der Festival-Website.
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