Gewerbetreibende schließen Läden als Zeichen für Zusammenhalt vor Landtagswahl.
In Magdeburg haben am Mittwoch zahlreiche Gewerbetreibende mit Migrationshintergrund ihre Läden für fünf Stunden geschlossen. Die Aktion, die unter dem Namen „Migra-Streik“ stattfand, sollte ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung setzen, wie der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt mitteilte. Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat betonte, viele Beteiligte hätten zunehmend Angst vor Anfeindungen und fragten sich, ob sie nach der Landtagswahl am 6. September noch sicher in Deutschland leben könnten. Die AfD liegt in Umfragen deutlich vorne und fordert eine „migrationspolitische Kehrtwende um 180 Grad“ sowie eine „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“. Der Landesverband der Partei wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, wie die tagesschau berichtet.
Migrantenläden schließen für Demokratie
An der Aktion beteiligten sich nach Angaben der Organisatoren über 150 Geschäfte, darunter Dönerläden, Gemüsemärkte, Barbershops und Kioske. Einige Gewerbetreibende ohne Migrationshintergrund schlossen sich ebenfalls an, wie der MDR berichtet. In den Schaufenstern hingen Plakate mit Aufrufen wie „Wir schließen heute unsere Läden, damit sich morgen nicht die Türen zu einer freien und demokratischen Gesellschaft schließen“. Am Mittag versammelten sich rund 220 Menschen zu einer Kundgebung vor dem Landtag, bei der Betroffene von ihren Erfahrungen berichteten. Ein Inhaber eines Kebab-Restaurants, der anonym bleiben wollte, erklärte der Welt, dass viele Migranten fürchteten, abgeschoben zu werden. Gleichzeitig betonte er, dass ohne sie viele Branchen in Sachsen-Anhalt nicht mehr funktionieren würden.
Migration sichert Sachsens Wirtschaftswachstum
Wissenschaftliche Studien unterstreichen die Bedeutung von Migration für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt. Reint Gropp, Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sagte der Süddeutschen Zeitung, das aktuelle Wachstum in dem Bundesland gebe es durch Zuwanderung. Ohne Migration würde die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte bis 2035 um mehr als ein Achtel sinken, warnt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Besonders betroffen wären Branchen wie Lebensmittelherstellung, Baugewerbe, Gastronomie und Logistik, in denen der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei 33 bis 40 Prozent liegt. Auch im medizinischen Bereich sind rund 20 Prozent der Ärzte Zuwanderer.
Migranten fordern volle gesellschaftliche Teilhabe
Die Organisatoren des Streiks betonten, sie wollten nicht nur als Arbeitskräfte wahrgenommen werden, sondern als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Dilek Toy, eine der Mitorganisatorinnen, fragte bei der Kundgebung rhetorisch, ob Migranten für die hohen Lebenshaltungskosten oder die Inflation verantwortlich seien. Die AfD versuche, sie zu Sündenböcken zu machen, so Toy. Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat ergänzte, man wolle zeigen, dass Menschen mit Migrationsgeschichte zur Gesellschaft gehörten und ein unverzichtbarer Teil davon seien. Die Solidarität, die während der Aktion aus verschiedenen Städten gemeldet wurde, sei beispiellos, so Saaeid.
Leere Straßen zeigen Bedeutung migrantischer Geschäfte
Die Schließungen der Läden waren für viele Passanten spürbar. Einige zeigten sich überrascht und sprachen von einer „Geisterstimmung“ oder einer „kulinarischen Katastrophe“, wie der MDR berichtet. Die Organisatoren wollten damit verdeutlichen, was fehlen würde, wenn es die von Migranten geführten Geschäfte nicht mehr gäbe. Gleichzeitig betonten sie, dass es nicht um wirtschaftliche Leistung, sondern um Menschenwürde und gesellschaftliche Zugehörigkeit gehe.