„FCK AFD“ stand am vergangenen Wochenende beim Schlossgarten Open Air in Osnabrück auf den Bildschirmen. Man darf die Wortwahl derb finden. Man darf sie für wenig zielführend halten. Aber man darf sie auch als das sehen, was sie ist: eine politische Meinungsäußerung. Und die hat auf einem Konzert genauso Platz wie auf einer Demonstration, in einem Song oder auf einem T-Shirt.
Konzerte waren schließlich noch nie unpolitische Räume. Künstlerinnen und Künstler beziehen Stellung gegen Rassismus, Krieg und Rechtsextremismus, für Menschenrechte, Klimaschutz oder gesellschaftliche Vielfalt. Wer zu einem Konzert geht, kauft keine Eintrittskarte für einen politisch keimfreien Abend.
Der AfD-Oberbürgermeister-Kandidat Thorsten Wassermann kritisiert in einer Pressemitteilung, dass auf den Bildschirmen nach den Sponsorenlogos von Sparkasse, Stadtwerken, AOK und Co. die Botschaft „FCK AFD“ auftauchte. Doch das machte diese Unternehmen nicht automatisch zu den Absendern der Botschaft. Es ist durchaus naheliegend, dass die Sponsoren davon vorher gar nichts wussten. Ein Sponsor finanziert eine Veranstaltung – er unterschreibt damit nicht jede Aussage, die währenddessen über eine LED-Wand läuft.
Aus sechs Buchstaben auf einer Konzertleinwand wird in Wassermanns Pressemitteilung eine Geschichte über „politische Ausgrenzung“, angeblich vereinnahmte Sponsoren und die Frage, ob AfD-Wähler auf einem Musikfestival ungefragt mit einer politischen Botschaft konfrontiert werden dürfen.
Die AfD – ich schreibe hier bewusst von der Partei und nicht nur von ihrem OB-Kandidaten, denn schließlich tritt dieser für die Partei zur Wahl an und schreibt in seiner Pressemitteilung „Wir haben Fragen“ – muss die Opferrolle gar nicht ausdrücklich für sich reklamieren. Sie bekommt sie frei Haus geliefert. Und nimmt sie dankbar an. Das kann sie schließlich besonders gut: Aus Kritik wird Ausgrenzung, aus Widerspruch eine Attacke und aus einer politischen Meinungsäußerung ein Beleg dafür, dass man die Partei und ihre Wählerinnen und Wähler nicht akzeptieren wolle.
Dabei ist das Gegenteil der Fall. Niemand wurde vom Konzert ausgeschlossen. Niemand musste sein Parteibuch abgeben. Niemandem wurde das Wahlrecht entzogen. Auf einer Leinwand standen sechs provokante Buchstaben. Mehr nicht.
Und wer jetzt deshalb Angst um die politische Stabilität seiner AfD-Wahlentscheidung bekommt, darf locker durch die Hose atmen. Wenn die AfD tatsächlich der politische Heilsbringer ist, für den ihre Anhänger sie halten, sollte man die sechs Buchstaben auf einer Konzertleinwand leicht überstehen.
Zumal die Partei selbst keineswegs dafür bekannt ist, Kultur aus der Politik heraushalten zu wollen. In Sachsen-Anhalt fordert sie beispielsweise eine „patriotische Kulturpolitik“ und möchte Kultur stärker an Vorstellungen von deutscher Identität ausrichten.
Kultur darf politisch sein. Auch beim Schlossgarten Open Air. Und manchmal darf sie dabei sogar ziemlich deutlich sagen, was sie von einer Partei hält. Aber Thorsten Wassermann beschwert sich in den sozialen Medien lieber darüber, dass er von Kulturschaffenden in Osnabrück wiederholt nicht zu Podiumsdiskussionen eingeladen wurde. Auch hier zeigt sich: die Opferrolle wird dankend angenommen. Doch beherrscht man bei der AfD noch etwas anderes?
Wie dem auch sei: Die blaue Kommentarspalte wird gleich wieder schäumen.
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„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
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