Michel Friedman spricht Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Eignung für das Amt ab. Im Gespräch mit dem Spiegel begründet der Publizist seine Kritik mit mangelnder Empathie und politischen Fehlentscheidungen. Zudem warnt er eindringlich vor der AfD.
Kritik an Merz und CDU
Das frühere CDU-Mitglied Michel Friedman hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Eignung für sein Amt abgesprochen. Dem Spiegel sagte er: "Ich glaube nicht, dass dieser Mann der Jobbeschreibung eines Bundeskanzlers entspricht." Die CDU werde unter Merz "zu Recht abgestraft".
Friedman begründet seine Kritik mit Anforderungen an politische Führung: Ein Bundeskanzler müsse lernen, mit Verwaltung umzugehen, Entscheidungen zu organisieren und Kompromisse zu schließen. Voraussetzung dafür sei Empathie, die dem amtierenden Bundeskanzler offenbar fehle: "Ich würde nicht sagen, das ist ein Vorbild, an dem ich noch viel über Empathie lernen kann."
Austritt aus der CDU und Warnung vor der AfD
Friedman bereut seinen Austritt aus der CDU vor eineinhalb Jahren nicht. Der Schritt habe ihm "innere Glaubwürdigkeit" gegeben und ihn freier gemacht. Anlass war die gemeinsame Mehrheit von Union und AfD bei einem migrationspolitischen Antrag im Bundestag im Januar 2025. Beim ersten Wahlgang glaubte er noch an einen Kontrollverlust von Merz, doch nach erneuter Mehrheit mit AfD-Stimmen wurde ihm der politische Schaden bewusst: "Dann hat man aber 48 Stunden Zeit, um zu lernen. Aber als er das wieder getan hat, ist mir der politische Schaden für die Glaubwürdigkeit bewusst geworden." Demokratische Parteien dürften keine Berührung mit einer Partei riskieren, "die die Demokratie zerstören will".
Nach dem Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt warnte Friedman vor der Partei und verwies auf die Geschichte seiner Familie. Die AfD wolle nicht einfach nur politische Mehrheiten gewinnen, sondern "eine andere Republik". "Diese Partei will die Demokratie zerstören. Sie will eine andere Republik. Sie steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Sie respektiert nicht die Gründungsgeschichte der Bundesrepublik."
Persönliche Motivation und Grenzen
Friedman, dessen Eltern den Holocaust nur mit Glück überlebten, betonte: "Ich komme aus einer Familie, die es nicht mehr gibt. 50 Menschen sind Schatten, ich habe nicht mal Bilder von ihnen. Meine Eltern haben überlebt und ich bin deren Kind". Mit 18 Jahren habe er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, obwohl er als Franzose geboren wurde. "Warum habe ich mich einbürgern lassen? Weil ich meiner Generation geglaubt habe, die mir versprochen hat: Wir machen es anders. Und weil ich dieser Verfassung geglaubt habe – als Grundlage dessen, wo ich lebe und wie ich lebe."
Er will sich weiter in Deutschland einbringen: "Ich habe den deutschen Pass genommen, weil ich mich auch einmischen wollte, aktiv, passiv, wie auch immer. Ich lasse der nächsten Generation, solange ich kann, keinen Trümmerhaufen zurück". Sollte die AfD Teil einer Bundesregierung werden, wäre für ihn jedoch eine Grenze erreicht: "In dem Moment, wo die AfD ein Teil einer Bundesregierung wäre und damit in der Exekutive, ist für mich das Fundament von Sicherheit in diesem Land nicht mehr gegeben". Seine Sorge gelte nicht allein ihm als Jude: "Ich bin auch Journalist, ich arbeite in Kulturinstitutionen und ich kann die Klappe nicht halten. Und ich finde, ich werde nie Angst haben wollen, die Klappe zu halten."