Evonik-Chef Christian Kullmann fordert eine Verschiebung des für 2030 geplanten Kohleausstiegs in Nordrhein-Westfalen und warnt vor Risiken für die Energieversorgung der Industrie. Zugleich plädiert er dafür, das Ziel der Klimaneutralität Deutschlands von 2045 auf 2050 zu verlegen, um Wettbewerbsnachteile für die Chemiebranche zu vermeiden.
Evonik-Chef fordert späteren Kohleausstieg
Evonik-Chef Christian Kullmann dringt auf eine spätere Stilllegung der Kohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen. „Den Kohleausstieg 2030 sehe ich nicht“, sagte Kullmann der „Rheinischen Post“ (Freitagsausgabe). Er begründete dies mit einer aus seiner Sicht unzureichenden Absicherung der Energieversorgung.
Es gebe nicht genug Gaskraftwerke, um die Versorgung zu sichern, sagte Kullmann der „Rheinischen Post“. Zudem kritisierte er die bestehende Infrastruktur: Die Netzinfrastruktur sei „wie in Albanien“, und es gebe „weit und breit keinen bezahlbaren Wasserstoff“. Eine Verlängerung für die Kohle sei im Interesse der Industrie.
Nach Einschätzung von Kullmann werde die Industrie die Kohle mindestens bis 2033 benötigen, voraussichtlich länger. Das hänge von den Rahmenbedingungen ab, erklärte er gegenüber der „Rheinischen Post“. Die „Greta-Hörigkeit“ der Politik in Berlin und Brüssel sei zu groß gewesen. Nun sei es „Zeit, auf Wachstum umzusteuern“.
Debatte um Klimaziele und Emissionshandel
Zugleich sprach sich Kullmann dafür aus, das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland zeitlich zu strecken. Er forderte in der „Rheinischen Post“, das bisherige Zieljahr 2045 auf 2050 zu verschieben. Das wäre aus seiner Sicht sinnvoll, um die Industrie nicht weiter zu benachteiligen.
Deutschlands Anteil an den globalen CO2-Emissionen betrage „gerade einmal 1,6 Prozent“, sagte Kullmann der „Rheinischen Post“. „Für das Weltklima sei es unerheblich, wann Deutschland klimaneutral werde, für das Überleben der deutschen Chemie aber nicht.“ Mit Blick auf die Reform des Emissionshandels bekräftigte er, eine Verschärfung dürfe es nicht geben.
Europa habe „das weltweit schärfste CO2-Gebührenregime, aber das Klima kenne keine Grenzen“, sagte Kullmann der „Rheinischen Post“. Es sei „völlig falsch, die europäische Chemie mit zusätzlichen Gebühren im internationalen Wettbewerb weiter zu schädigen“.
Syneqt als mögliche Verkaufskandidatin
Parallel treibt Evonik die Trennung von seinen Chemieparks voran, die in die Einheit Syneqt ausgegliedert wurden. „Mit zwei modernen Gaskraftwerken in Marl, einem großen Leitungsnetz und 200 Millionen Euro Gewinn ist Syneqt eine echte Perle. Im Herbst werden wir den Markt ansprechen“, sagte Kullmann der „Rheinischen Post“. „Danach werden wir entscheiden, welchen Weg wir gehen – der Verkauf ist einer davon. Denkbar ist auch, dass die Syneqt mit einem anderen Chemieparkbetreiber fusioniert.“
Bei möglichen Partnern für Syneqt denkt Kullmann nach eigenen Angaben nicht an die aus Bayer hervorgegangene Currenta. „Ich denke eher an Partner aus den Niederlanden oder Belgien. Rhein-Ruhr, Flandern und Südholland bilden die stärkste Chemieregion in Europa“, sagte er der „Rheinischen Post“. Evonik hat die Chemieparks in Marl und Wesseling mit 3.500 Mitarbeitern in die Einheit Syneqt ausgegliedert.
