Kriege, Verteidigung, Demokratie und die Zukunft des Osnabrücker Volkswagen-Werks: Bei einem mehr als zweistündigen Diskussionsabend mit dem Thema „Welt aus den Fugen – Gedanken aus der Friedensstadt Osnabrück“ spannte der ehemalige Bundesminister und Ex-SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel gemeinsam mit Osnabrücks SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Robert Alferink am Mittwoch (24. Juni) einen weiten Bogen. Etwas mehr als 60 Besucherinnen und Besucher kamen ins Gewerkschaftshaus neben dem Hauptbahnhof, um über internationale Krisen und ihre Auswirkungen auf die Friedensstadt zu diskutieren. Moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Vaupel.
Globale Krisen treffen auch Osnabrück
Robert Alferink machte deutlich, dass internationale Konflikte längst nicht mehr weit entfernt seien. Entwicklungen wie der Krieg im Nahen Osten wirkten sich auch auf das Zusammenleben in Osnabrück aus. Gleichzeitig sieht er in der Integration vieler Menschen Chancen für die Stadt. Dass Syrer eingebürgert würden und den deutschen Pass annähmen, verändere die Stadtgesellschaft – aus seiner Sicht zum Positiven. Mit Blick auf den Titel „Friedensstadt“ auf den Ortsschildern sagte er, dieser Anspruch müsse auch gelebt werden. Zugleich verwies er darauf, dass es trotz des guten interreligiösen Miteinanders auch in Osnabrück Angriffe auf jüdisches Leben gebe.
Robert Alferink nutzte den Gesprächsabend auch, um für die Kommunalwahl am 13. September 2026 zu werben. / Foto: Dominik Lapp
Gabriel: Europa muss enger zusammenarbeiten
Sigmar Gabriel warb für eine stärkere Zusammenarbeit der europäischen Staaten. „Wir machen alle viel, aber wenig zusammen.“ Mit Blick auf den Krieg im Gazastreifen sagte er: „Man darf die israelische Regierung kritisieren. Das ist nicht antisemitisch. Was die Israelis in Gaza machen, ist völkerrechtswidrig.“
Weiter machte er deutlich, dass für ihn Verteidigungsfähigkeit und Diplomatie zusammengehören. Deutschland müsse „so stark sein, dass andere dich nicht angreifen. Und verhandlungsbereit sein“. Auch über US-Präsident Donald Trump, US-Vizepräsident JD Vance und US-Außenminister Marco Rubio fand er deutliche Wort: „Die spielen ‚Herr der Ringe‘, und die EU ist für sie Mordor. Die haben ein Rad ab.“
Thomas Vaupel (rechts) führte als Moderator durch den Abend. / Foto: Dominik Lapp
Kontroverse um Rüstungsproduktion
Auch die Zukunft des Volkswagen-Standorts Osnabrück spielte eine wichtige Rolle. Alferink betonte, dass das Werk mit seinen rund 2.500 Arbeitsplätzen erhalten bleiben müsse. Sein Ziel sei es, Volkswagen in Osnabrück zu halten. Sollte das nicht gelingen, müsse zunächst nach anderer ziviler Produktion gesucht werden. Erst wenn auch das nicht möglich sei, könne er sich Rüstungsproduktion vorstellen.
Gabriel, der selbst im Aufsichtsrat von Rheinmetall sitzt, verteidigte diese Position. Wer Rüstungsproduktion in Osnabrück grundsätzlich ausschließe, stelle sich letztlich gegen Verteidigung und jede Armee. Es sei „schräg“, einerseits Sicherheit zu fordern, andererseits aber keine entsprechende Produktion vor Ort zu wollen.
Sigmar Gabriel nahm kein Blatt vor den Mund. / Foto: Dominik Lapp
Sorge um die Demokratie
Mit deutlichen Worten äußerte sich der ehemalige Umwelt-, Wirtschafts- und Außenminister auch zur politischen Entwicklung in Deutschland. „Wir sind bei unserer Demokratie an einem gefährlichen Kipppunkt.“ Die demokratischen Parteien hätten sich aus seiner Sicht zu lange mit der Debatte über die Brandmauer zur AfD beschäftigt. „Die Parteien haben zu lange über diese bescheuerte Brandmauer geredet. Die haben sich nicht mit den Forderungen der AfD beschäftigt. Sie als Neonazis zu brandmarken, ist schiefgegangen. Wir müssen uns inhaltlich mit denen auseinandersetzen. Die wollen ein Rentenniveau von 70 Prozent. Klasse Idee. Aber wir müssen sie fragen, wie sie das bezahlen wollen. So kann man sie inhaltlich stellen.“
Alferink: Wirtschaft und Arbeit gehören zusammen
Robert Alferink schlug den Bogen zur Kommunalpolitik. Er berichtete von inzwischen 17.000 Haustürbesuchen im Wahlkampf. Nur dreimal habe er dabei kein respektvolles Gespräch erlebt. Doch die positiven Gespräche würden überwiegen: „Osnabrücker sind ein besonderer Schlag Mensch. Darauf können wir stolz sein.“ Außerdem warb der OB-Kandidat dafür, am 13. September an der Kommunalwahl teilzunehmen. Zugleich zeigte er sich unverständlich darüber, dass ausgerechnet die Kommunalwahl regelmäßig die niedrigste Wahlbeteiligung verzeichnet.
Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik formulierte er einen Anspruch an seine Partei: „Die SPD muss nicht nur Partei der Arbeit, sondern auch Partei der Wirtschaft sein. Denn Arbeit geht nicht ohne Wirtschaft, und Wirtschaft geht nicht ohne Arbeit.“ Damit knüpfte er an seine Forderung an, den Industriestandort Osnabrück und insbesondere die Arbeitsplätze bei Volkswagen langfristig zu sichern sowie Start-ups besser zu unterstützen, um sie in der Hasestadt zu halten.
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