Parkinson hat viele Gesichter: Früherkennung, moderne Therapien und spezialisierte Hilfe gibt es im Klinikum Osnabrück. Parkinson wird meist mit Händezittern in Verbindung gebracht – es gibt aber noch viele weitere Symptome, die mit der oft „Krankheit der 1000 Gesichter“ genannten neurodegenerativen Erkrankung einhergehen können und den Betroffenen das Leben schwer machen. Dazu gehören etwa Bewegungsstarren, verlangsamte Bewegungen, Muskelsteifheit, das „Einfrieren“ der Mimik sowie Einschränkungen beim Sprechen und Schlucken, auch kognitive Veränderungen
Parkinson steigt brisant
Die Anzahl der Erkrankten steigt, u.a. bedingt durch die demografische Entwicklung. Nach den Angaben von Prof. Dr. Tobias Warnecke vom Klinikum Osnabrück ist Parkinson-Krankheit die am schnellsten zunehmende neurologische Erkrankung – es wird erwartet, dass sich die Anzahl der Patienten bereits bis 2050 verdoppeln könnte. Bereits jetzt sind nach seinen Infos in Deutschland rund 400.000 Menschen daran erkrankt. Nach Alzheimer ist Parkinson die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung.
Klinkum Osnabrück besonders auf Parkinson-Erkrankte ausgelegt
Zum Weltparkinsontag, der dazu genutzt wird, auf die 1817 erstmals vom englischen Arzt James Parkinson beschriebene Erkrankung hinzuweisen, möchte auch das Team des Zentrums für Parkinson-Syndrome und andere Bewegungsstörungen (ZPSB) der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation am Klinikum Osnabrück darüber informieren und zur Aufklärung beitragen.
Das Team wird von dem auf Parkinson-Syndrome spezialisierten Neurologen Prof. Dr. Tobias Warnecke, einem der Chefärzte der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, geleitet. Als Besonderheit umfasst es mit Leonie Frye, Leonie Vennemann und Sina Altvogt (sowie einer vierten Kollegin, die gerade in Elternzeit ist) eigene „Parkinson-Nurses“, also speziell ausgebildete und ausschließlich für die Patientinnen und Patienten des ZPSB eingeteilte Krankenpflegerinnen, die ein wichtiger Bestandteil der hohen Versorgungsqualität in den wenigen auf diese Erkrankung spezialisierten Kliniken sind.
Parkinson meist bei über 60-Jährigen
Wie Warnecke und die Nurses erklären, tritt Parkinson meist bei Menschen im Alter ab etwa 60 Jahren auf. Die Erkrankung wird von einem fortschreitenden Verlust bestimmter Nervenzellen ausgelöst, durch den dem Körper der wichtige Botenstoff Dopamin fehlt, der u.a. Signale zwischen Gehirn und Muskeln überträgt und bei der Bewegungssteuerung eine wichtige Rolle spielt. Die genauen Ursachen sind nach den Angaben von Warnecke nicht geklärt und die Erkrankung lässt sich bislang nicht heilen. Mit aktuellen Therapien ließen sich aber die Symptome lindern, der Verlauf verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen enorm verbessern.
„Parkinsonnetz Osnabrück+“ für bessere Versorgung in Region Osnabrück
Das Therapiespektrum reicht von medikamentösen Behandlungen über Physio- und Ergotherapie bis zur Tiefen Hirnstimulation (THS), die meist kombiniert und je nach individuellem Verlauf angepasst werden. Das ZPSB des Klinikums stellt eine umfassende Versorgung von Erkrankten im stationären und ambulanten Bereich sicher, bei der alle Formen der Behandlung bis hin zu hochspezialisierten Therapien mit Medikamentenpumpen oder der Tiefen Hirnstimulation möglich sind. Auch sogenannte „Parkinson-Komplexbehandlungen“ gehören zum Spektrum, also akute stationäre Krankenhausbehandlungen, bei denen es möglich ist, individuelle Therapien für Erkrankte zu entwickeln und etwa die Medikamente dabei genau anzupassen bzw. einzustellen.
In der Region ist außerdem das von Prof. Dr. Tobias Warnecke initiierte „Parkinsonnetz Osnabrück+“ vorhanden, in dem eine erweiterte interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Therapeuten, Apothekern und Pflegenden besteht, die so eine besonders gute Versorgung von Parkinson-Erkrankten sicherstellen. Bundesweit bestehen erst etwa 20 dieser Netzwerke – wie Leonie Vennemann und Sina Altvogt schildern, erweist sich die Zusammenarbeit immer wieder beispielsweise bei der Nachsorge nach Entlassungen als besonders nützlich. Parkinson-Nurses kümmern sich um diesen Übergang und bleiben im Anschluss auch u.a. in Telefonsprechstunden für Erkrankte erreichbar.
Symptome sollten frühzeitig abgeklärt werden
Parkinson ist eine Erkrankung mit einem schleichenden Verlauf: Nach den Worten von Vennemann und Altvogt berichten Erkrankte oft davon, dass sich bei ihnen als erste Anzeichen etwa ein steifes Gefühl in Schultern oder Beinen eingestellt habe, meist lange vor dem typischen Zittern. Je früher die die Krankheit erkannt werde, desto besser könne sie behandelt und ihr Verlauf gebremst werden – deswegen sollte es nach ihrem Rat nicht vernachlässigt werden, aufmerksam auf solche Symptome zu reagieren und sie medizinisch abklären zu lassen, am besten bei einem Facharzt, also einer Neurologin oder einem Neurologen. Weitere Anzeichen könnten Schwierigkeiten beim Sprechen, Schlucken oder Riechen, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder Depressionen oder Veränderungen der Handschrift und im weiteren Verlauf verlangsamte Bewegungen oder Muskelstarren sein.
Auch „Freezing“, also unvorhergesehene Bewegungsblockaden, gehört zu den typischen Parkinson-Symptomen. Nach den Worten von Altvogt und Vennemann kann es dagegen helfen, sich spontan einen Richtungswechsel vorzunehmen oder laut zu sprechen. Auch bei den Parkinson-Komplexbehandlungen gehe es u.a. darum, Erkrankten zum Überwinden solcher Blockaden zu verhelfen. Im Zusammenspiel aus Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie sei es möglich, Behandlungspläne für sie zu entwickeln, die ihre oft sehr unterschiedlichen Beschwerden genau berücksichtigten. Vorteil sei es, dass auch Schluckstörungen in der Klinik besonders kompetent behandelt werden könnten.
Mit Tischtennis, Tanz und Boxen gegen die Symptome
Neben Singen als Sprech-/Sprachtraining haben sich zum Verbessern/Erhalten der Bewegungsfähigkeiten bei Parkinson gerade Tanzen und Tischtennis und andere sportliche Übungen als sinnvolle therapeutische Aktivitäten erweisen. Deswegen ist die 19-Betten-Station nicht nur gleich mit zwei Trainingsräumen mit Sport-/Fitnessgeräten ausgestattet, in denen Bewegungsübungen gemacht werden bzw. die für die Mobilisierung genutzt werden – sondern es wird jeden Vormittag Ping-Pong gespielt und es steht auch „Neurotango“ auf dem Therapieplan. Regelmäßig trifft sich daneben eine Gruppe von ehemaligen Patientinnen und Patienten zum Tischtennis auf der Station. „Bei uns wird aber nicht nur getanzt und Tischtennis gespielt“, schmunzelt Leonie Vennemann, „sondern als Neuestes wird jetzt auch geboxt.“ Dabei müssen aufleuchtende Stellen auf einer Scheibe getroffen werden. „Das ist ein sehr gutes Training für die Koordination und die Bewegungsfähigkeit – und es macht den Erkrankten Spaß“, sagt Altvogt.
Mehr Nachrichten aus der Region?
➡️ Alle aktuellen Artikel zu Osnabrück (Gesamtstadt) finden Sie hier.