Sexualisierte Gewalt gegen Kinder findet nicht nur an vermeintlich gefährlichen Orten statt. Häufig geschieht sie dort, wo Kinder Vertrauen haben: in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, in Bildungseinrichtungen oder im Sport- und Freizeitbereich. Die Stadt Osnabrück will deshalb den Schutz von Kindern bereits in der Grundschule stärken. Gemeinsam mit Fachkräften aus Osnabrück setzt sie seit dem Schuljahr 2024/2025 ein Präventionsprogramm an Grund- und Förderschulen um.
Rund 30 Interessierte beim Infoabend im Haus der Jugend
Bei einem Informationsabend im Haus der Jugend stellten das Gleichstellungsbüro und der Fachdienst Bildung der Stadt gemeinsam mit Fachkräften die Angebote am Dienstagabend (8. September) vor und erklärten, wie Kinder, Eltern und Schulen für das Thema sensibilisiert werden können. Rund 30 Personen waren erschienen, um sich zu informieren.
„Ein gewaltfreies Leben für Kinder muss immer unser oberster Anspruch sein. Es braucht die aktive Beteiligung der gesamten Gesellschaft, um Kinder zu schützen und ihnen die Stärke und das Wissen zu geben, ihre Rechte wahrzunehmen“, erklärte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter vorab in einer Mitteilung.
Das große Dunkelfeld
Wie groß die Herausforderung ist, zeigen Zahlen des Deutschen Kinderschutzbundes: Für das vergangene Jahr wurden bundesweit 17.126 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und 1.239 Fälle an Jugendlichen registriert, wobei von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Weit mehr als die Hälfte der Fälle ereignet sich im sozialen Nahbereich der Betroffenen.
Dabei gibt es den typischen Täter nicht. Die Fachkräfte betonen, dass sexualisierte Gewalt unabhängig von Religion, Alter, Hautfarbe oder Einkommen vorkommt. In den registrierten Fällen sind etwa 80 Prozent der Tatverdächtigen männlich und 20 Prozent weiblich. Besonders groß ist das Dunkelfeld bei Kindern mit Beeinträchtigungen. Auch bei Jungen wird von einer hohen Zahl nicht bekannt werdender Fälle ausgegangen, unter anderem weil sie seltener über Erlebtes sprechen.
Täter bauen Vertrauen auf
Für die Prävention ist deshalb entscheidend zu verstehen, wie Täter vorgehen. Häufig geht es zunächst darum, Zugang zu einem Kind zu bekommen und Vertrauen aufzubauen. Anschließend können Geheimhaltung, Druck oder Drohungen eingesetzt werden. Gleichzeitig wird versucht, das Umfeld des Kindes zu verunsichern oder die Wahrnehmung möglicher Warnzeichen zu verschleiern.
Für Kinder wird es dadurch besonders schwer, über Erlebtes zu sprechen. Scham, Schuldgefühle und das Gefühl, ein Geheimnis bewahren zu müssen, können dazu führen, dass sie schweigen.
Genau hier setzt das Osnabrücker Präventionsprogramm an. Kinder sollen ihre Rechte kennen, ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und wissen, dass sie über ihren Körper selbst bestimmen dürfen. Ein zentraler Bestandteil ist deshalb auch die sexuelle Bildung.

Im Haus der Jugend wurde über das Präventionsprogramm informiert. / Foto: Dominik Lapp
Ein Nein gilt auch bei Oma
Ein Beispiel für die praktische Arbeit liefert das Angebot „Ziggy zeigt Zähne“ von pro familia. Das Projekt richtet sich an Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse. Spielerisch beschäftigen sich die Kinder mit Gefühlen, ihrem Körper und persönlichen Grenzen. Sie sollen Wissen und Kompetenzen erwerben – und gleichzeitig erfahren, was sie tun können, wenn sie in eine schwierige oder bedrohliche Situation geraten.
Eine Botschaft ist dabei besonders einfach und zugleich wichtig: Kinder dürfen Nein sagen. Das gilt auch in scheinbar harmlosen Alltagssituationen. So muss beispielsweise auch ein Küsschen für die Oma nicht erzwungen werden. Kinder sollen lernen, dass ihre körperlichen Grenzen respektiert werden müssen.
Präventionsangebot „Mein Körper gehört mir!“
Ein weiterer Baustein des Osnabrücker Präventionsangebots ist das theaterpädagogische Programm „Mein Körper gehört mir!“ der Theaterpädagogischen Werkstatt (tpw). Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klassen und vermittelt anhand alltagsnaher Spielszenen, wie Kinder ihre eigenen Grenzen wahrnehmen, „Nein-Gefühle“ ernst nehmen und sich Hilfe holen können. Das Programm kommt an drei Terminen in die Schule und setzt auf den direkten Austausch mit den Kindern: Sie werden gefragt, wie sich Figuren in den dargestellten Situationen fühlen und was sie selbst tun würden. Die zentrale Botschaft lautet auch hier: Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, darf ein Kind Nein sagen und sollte sich einer vertrauten Person anvertrauen.
Schulen als wichtiger Schutzraum
Die Stadt sieht die Schulen als einen zentralen Ort der Prävention. Dort können nahezu alle Kinder erreicht werden. Das Programm verfolgt deshalb drei wesentliche Ziele: Kinder sollen informiert und in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden. Lehrkräfte und weitere Beschäftigte an Schulen sollen für sexualisierte Gewalt sensibilisiert und entsprechend geschult werden. Außerdem sollen praktische Hilfen und Materialien zur Verfügung stehen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um die Kinder. Auch Eltern und Erziehungsberechtigte sollen Unterstützung erhalten und erfahren, wie sie ihre Kinder im Alltag stärken können. Die Fachkräfte stehen zudem für Fragen und persönlichen Austausch zur Verfügung.
Die Stadt übernimmt die Kosten
Für die Osnabrücker Schulen entstehen durch das Präventionsprojekt keine Kosten. Die Stadt finanziert das Programm vollständig. „Dafür stehen jährlich 50.000 Euro zur Verfügung“, erläuterte die Gleichstellungsbeauftragte Patricia Heller im Haus der Jugend. Gleichzeitig versteht die Stadt das Engagement als Beitrag zur Umsetzung der Istanbul-Konvention, die den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt stärken soll.
Das Ziel ist dabei größer als die Vermittlung einzelner Verhaltensregeln: Kinder sollen ihre eigenen Rechte kennen, Vertrauen in die eigenen Gefühle entwickeln und wissen, an wen sie sich wenden können. Prävention beginnt damit nicht erst dann, wenn etwas passiert ist, sondern mit der Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen – und mit Erwachsenen, die bereit sind, diese Grenzen ernst zu nehmen.
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