Die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Marianne Birthler, betont vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, dass demokratisch gesinnte Menschen in Ostdeutschland in der Überzahl sind. Gleichzeitig warnt sie vor den Risiken durch die AfD und erklärt strukturelle Gründe für deren Erfolg.
Sorge über Umfragen, aber Mehrheitsbewusstsein
Marianne Birthler räumt ein: "Natürlich besorgen die Umfragen auch mich sehr", wie sie dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" sagte. "Diejenigen, die die Demokratie erhalten wollen, sind auch im Osten nach wie vor in der Mehrheit. Wer sich dieser Tage in Sachsen-Anhalt umschaut, kann dort eine vielgestaltige und lebendige Zivilgesellschaft erleben. Vielleicht hat jetzt auch die Gefahr, die durch die AfD droht, viele Menschen mobilisiert."
Gründe für den AfD-Erfolg in Ostdeutschland
"Viele Menschen waren nach den 90er-Jahren froh, die Umstellungsprobleme in Beruf und Leben einigermaßen überwunden zu haben. Jetzt haben viele Angst, ihren Wohlstand wieder zu verlieren – und sehen dabei nicht, dass die Wahl der AfD dahin der sicherste Weg ist."
Als weiteren Grund führt Birthler an: "So wurde der Nationalsozialismus in der DDR nie wirklich aufgearbeitet. Wir lebten in einem offiziell antifaschistischen Staat. Wir waren die Erben der Widerstandskämpfer und der Opfer. Wir waren also `die Guten`. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung und Schuld für den Nationalsozialismus schien gar nicht nötig zu sein und ist deshalb nicht geführt worden."
Demografische und kulturelle Faktoren
Zudem hätten viele frühere DDR-Bürger erst lernen müssen: "dass es zu fast jedem Thema drei oder vier verschiedene Meinungen gibt, die allesamt berechtigt sind. Eine Kultur des respektvollen Streitens ist im Osten ziemlich unterentwickelt." Auch die Abwanderung spiele eine Rolle: "Die fehlen hier natürlich."
Birthler betont jedoch auch: "dass viele Ost-West-Unterschiede gradueller und nicht prinzipieller Natur sind. In vielen Regionen des Westens gibt es auch Probleme – und Menschen, die meinen, die AfD würde sie lösen. In Pforzheim kam die AfD auf fast 27, in Karlsruhe auf 11 Prozent." Umgekehrt gebe es aus Ostdeutschland "schöne, teils wunderbare Geschichten" zu erzählen.