Kalla Wefel weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn andere darüber entscheiden, ob ein Kandidat überhaupt mitmachen darf. Als ihm 2017 die Kandidatur für das Präsidentenamt des VfL Osnabrück verwehrt wurde, sprach er öffentlich von einem „Gesinnungsausschuss“.
Am heutigen Sonntag (6. September) sitzt Wefel nun auf der anderen Seite: Bei seinem nach mehr als sechs Jahren Pause wiederbelebten Heimatabend diskutieren fünf Bewerber um das Amt des Osnabrücker Oberbürgermeisters. Ein sechster, der ebenfalls zugelassene AfD-Kandidat Thorsten Wassermann, wurde von den Veranstaltern ausdrücklich nicht eingeladen. Ein Blick zurück zeigt: Als Wefel selbst politischer Außenseiter und OB-Kandidat war, wurde mit ihm deutlich großzügiger umgegangen.
2013 war Kalla Wefel selbst OB-Kandidat
Kalla Wefel kennt die Rolle des Außenseiters im Oberbürgermeisterwahlkampf aus eigener Erfahrung. 2013 trat der Kabarettist parteilos für das höchste Amt der Stadt an – mit einem Wahlkampf, bei dem die Grenze zwischen Satire und ernst gemeinter Kandidatur bewusst verschwamm. Am Ende erhielt Wefel 2.153 Stimmen beziehungsweise 2,5 Prozent und ließ damit sogar den FDP-Kandidaten hinter sich.
Dass seine Kandidatur ungewöhnlich war, hinderte andere Veranstalter nicht daran, ihn als Bewerber um das Amt zu behandeln. So lud unter anderem der LSVD Niedersachsen-Bremen damals ausdrücklich alle Oberbürgermeister-Kandidaten der Stadt Osnabrück zu einer Veranstaltung ein; Wefel gehörte selbstverständlich zu den Kandidaten, die ihre Teilnahme zugesagt hatten.
Auch überregional bekam der Osnabrücker Spaßkandidat eine Bühne. Das Politikmagazin Cicero führte im August 2013 ein ausführliches Interview mit Wefel über seine Kandidatur, sein schmales Wahlprogramm und seine politischen Vorstellungen. Berührungsängste gegenüber einem liberal-konservativen Medium hatte Wefel damals offensichtlich nicht. Bemerkenswert aus heutiger Perspektive: Dem Cicero attestierten Kritiker in späteren Jahren einen „Rechtsruck“ beziehungsweise „rechte Tendenzen“. Das macht das damalige Gespräch weder anrüchig noch problematisch – zeigt aber, dass Wefel selbst durchaus davon profitierte, wenn Medien politische Gesprächsbereitschaft nicht davon abhängig machten, ob sie jede Position ihres Gegenübers teilten.
Als Wefel selbst nicht kandidieren durfte, wurde es zum „Gesinnungsausschuss“
Interessant und unvergessen ist ein Vorgang aus dem Jahr 2017. Damals wollte Wefel Präsident des VfL Osnabrück werden. Doch bevor die Vereinsmitglieder überhaupt über ihn abstimmen konnten, musste ein vorgelagerter Wahlausschuss entscheiden, ob er als Kandidat zugelassen würde.
Wefel störte sich schon am Verfahren – und insbesondere daran, dass von ihm ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt wurde. Beim Heimatabend kündigte er damals öffentlich an, dieses nur vorzulegen, wenn auch die Mitglieder des von ihm so bezeichneten „Gesinnungsausschusses“ ihre Führungszeugnisse präsentierten. Wenig später stand fest: Wefel durfte nicht zur Wahl antreten.
Neun Jahre später ist die Rollenverteilung umgekehrt. Nun gehört Wefel selbst zu den Veranstaltern und Moderatoren einer Kandidatendiskussion – und ein anderer zugelassener Bewerber bleibt draußen. Ein Bewerber – obwohl von der AfD –, bei dem die Stadt Osnabrück im Zuge der Zulassung zur Wahl ausdrücklich auch mögliche Zweifel an seiner persönlichen Verfassungstreue prüfte. Das vom Wahlamt im Wahlausschuss mitgeteilte Ergebnis: „ohne Befunde“.
Fünf fürs Rathaus – obwohl sechs Kandidaten zugelassen sind
Unter dem Titel „Fünf fürs Rathaus“ beginnt am heutigen Sonntag um 19 Uhr im Foyer der Lagerhalle die Diskussion zur Osnabrücker Oberbürgermeisterwahl. Auf dem Podium sitzen Amtsinhaberin Katharina Pötter (CDU), Volker Bajus (Grüne), Robert Alferink (SPD), Oliver Hasskamp (FDP) und Thomas Groß (Linke). Moderiert wird der Abend von Anna Louisa Asbrock, Heiko Schulze und Kalla Wefel.
Die Veranstalter erklären in ihrer aktuellen Ankündigung ausdrücklich, der Heimatabend lade ausschließlich Vertreter „demokratischer Parteien“ zu seinen Podiumsdiskussionen ein. Für den AfD-Kandidaten Thorsten Wassermann gelte deshalb: „Wir müssen leider draußen bleiben!“
Wer eine private Veranstaltung organisiert, kann selbstverständlich selbst entscheiden, wen er auf sein Podium einlädt. Die Frage nach den Maßstäben drängt sich bei Wefel dennoch auf: 2017 empfand er bereits ein vorgelagertes Auswahlverfahren für seine eigene VfL-Kandidatur als Anlass, von einem „Gesinnungsausschuss“ zu sprechen. 2026 gehört er nun selbst zu denjenigen, die einen amtlich zugelassenen und von der Stadt zusätzlich auf mögliche Zweifel an seiner persönlichen Verfassungstreue überprüften Wahlbewerber gar nicht erst zur Diskussion einladen.
Auch Wefels eigene Ratsbilanz zeigt persönliche Maßstäbe
Dass Wefel politische Auseinandersetzungen mitunter ausgesprochen persönlich führt, dokumentiert inzwischen auch der scheidende Ratsherr selbst. Anlässlich seines Ausscheidens aus dem Osnabrücker Stadtrat hat er eine 14-seitige Bilanz seiner fünfjährigen Ratszeit verschickt, die der HASEPOST vorliegt.
Bemerkenswert ist dabei weniger, dass Wefel zum Ende seiner Ratszeit noch einmal politische Weggefährten, Gegner und Entscheidungen Revue passieren lässt. Auffällig ist vielmehr, welchen Raum er darin der persönlichen Abrechnung mit der HASEPOST und ihrem Herausgeber einräumt. Zugleich bestätigt Wefel selbst, dass die seit Jahren in der Osnabrücker Rundschau erscheinende „Igelpost“ gemeinsam mit OR-Mitherausgeber Heiko Schulze gezielt als Reaktion auf die HASEPOST geschaffen wurde und auch künftig fortgeführt werden soll.
Auf eine Wiedergabe der dabei von Wefel verwendeten persönlichen und politischen Zuschreibungen verzichten wir an dieser Stelle bewusst. Die HASEPOST hat bereits in der Vergangenheit nicht jede persönliche Attacke beantwortet – erst recht nicht, wenn Anlass, Vorgeschichte und mögliche Beweggründe für informierte Beobachter ohnehin erkennbar sind. Daran wollen wir auch im Fall Kalla Wefel festhalten. Ob einzelne der nun in seiner Abschiedsschrift verbreiteten Äußerungen rechtlich zulässig sind und welche Schritte daraus gegebenenfalls folgen, lässt die HASEPOST derzeit juristisch prüfen.
Entscheidungen als Ratsherr aus familiären Gründen getroffen
Bemerkenswert offen beschreibt Wefel in seiner Abschiedsschrift auch die eigenen Motive bei zwei Entscheidungen zugunsten des VfL Osnabrück. Beim rund 14,5 Millionen Euro umfassenden Paket für Trainingszentrum und Nachwuchsleistungszentrum stimmte Wefel 2022 gegen die Haltung seiner damaligen Partei Die PARTEI für das Vorhaben.
Als Erklärung führt er in seiner Rückschau ausdrücklich seine familiäre Verbindung zum Verein an. Sein Vater sei 35 Jahre Mannschaftsarzt gewesen und habe häufig im Vorstand gesessen. Der VfL sei für ihn deshalb „von Geburt an eine Art Familienmitglied“. Wefels eigene Begründung: „Familienmitglieder lässt man nun mal nicht verhungern.“
Auch bei der späteren, deutlich umstritteneren Sanierung der Bremer Brücke stimmte Wefel nach eigener Darstellung für den VfL und bemüht erneut das Familienbild: Wenn es ernst werde, lasse man ein Familienmitglied eben nicht vor der Tür stehen.
Eine ungewöhnlich offene Beschreibung dafür, welchen Stellenwert persönliche und familiäre Verbundenheit in seiner eigenen rückblickenden Begründung politischer Entscheidungen einnimmt. Menschlich mag familiäre Loyalität nachvollziehbar sein – als Maßstab für die Entscheidungen eines gewählten Mandatsträgers wird sie allerdings schnell problematisch. Konsequent weitergedacht dürfte schließlich auch der Sohn eines Finanzbetrügers dessen Geschäfte nicht „aus familiären Gründen“ begünstigen. Gerade deshalb sollten persönliche Bindungen und das öffentliche Interesse bei politischen Entscheidungen sauber voneinander getrennt bleiben.
Wefel stand früher gemeinsam mit HASEPOST-Herausgeber auf der Bühne
Der Heimatabend und die HASEPOST standen übrigens nicht immer auf gegenüberliegenden Seiten. HASEPOST-Herausgeber Heiko Pohlmann war in der Vergangenheit selbst mehrfach gemeinsam mit Kalla Wefel auf der Bühne der Lagerhalle und moderierte mit ihm und dem heutigen OR-Mitherausgeber Heiko Schulze kommunalpolitische Diskussionen, unter anderem zu Neumarkt und Güterbahnhof und zum Thema Fremdenfeindlichkeit.
Auch zahlreiche Texte, die Wefel später in seinem eigenen Blog erneut veröffentlichte, waren ursprünglich von ihm als freiem Autor für die HASEPOST verfasst und dort erstmals online veröffentlicht worden.
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