Viel schwieriger kann eine Aufgabe kaum werden. Der VfL Osnabrück empfängt am Mittwochabend den FC Bayern München an der Bremer Brücke – den Deutschen Meister, DFB-Pokalsieger und eine Mannschaft, die in der vergangenen Bundesliga-Saison 122 Tore erzielte. Zum Start in die neue Spielzeit folgten ein 2:1 im Supercup bei Borussia Dortmund und ein 5:1 gegen den VfB Stuttgart. Die Rollen sind damit eindeutig verteilt. Bayern ist haushoher Favorit. Trotzdem wäre es falsch, den VfL schon vor dem Anpfiff abzuschreiben. Dafür kennt der DFB-Pokal zu viele Gegenbeispiele. Und einige der besten lieferte ausgerechnet Osnabrück selbst – und auch die Bayern dürften gewarnt sein.
Bayern ist derzeit eine andere Hausnummer
Kaum einer verkörpert die Münchner Stärke so sehr wie Harry Kane, sie allerdings nur am Kapitän der englischen Nationalmannschaft festzumachen würde dieser Bayrischen Mannschaft nicht gerecht. Der Engländer erzielte in der vergangenen Bundesliga-Saison zwar 36 Tore und schoss Bayern mit drei Treffern im Pokalfinale gegen Stuttgart zum Titel. Daneben kommen aber sein kongenialen Offensivpartner Michael Olise und Luis Díaz, der extrem formstarke Aleksandar Pavlovic neben dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Joshua Kimmich, im Zentrum und zahlreiche weitere Nationalspieler.
Wie schwer diese Mannschaft deshalb auszurechnen ist, zeigte gerade das jüngste 5:1 gegen Stuttgart. Kane blieb ohne Tor, trotzdem traf Bayern fünfmal. Olise und Díaz waren erfolgreich, ebenso Dayot Upamecano und Aleksandar Pavlović. Von der Bank kam Ismael Saibari und bereitete zwei Treffer vor. Superstars wie Jamal Musiala kamen nicht einmal zum Zug.
Der VfL trifft also nicht auf einen Gegner, bei dem es reicht, einen Schlüsselspieler aus dem Spiel zu nehmen. Bayern kann Spiele auf sehr unterschiedliche Weise entscheiden und besitzt auch in der Breite eine Qualität, die mit Osnabrücks Möglichkeiten kaum vergleichbar ist. Genau das macht die Ausgangslage vermeintlich so klar – und eine mögliche Überraschung so groß.
Auch Bayern kennt diese Pokalabende
Unmöglich ist sie trotzdem nicht. Das weiß Bayern selbst. 2021 führte der damalige Titelverteidiger bei Zweitligist Holstein Kiel zweimal. Erst in der Nachspielzeit fiel das 2:2, nach der Verlängerung gewann Kiel im Elfmeterschießen. Zwei Jahre später erwischte es die Münchner bei einem Drittligisten: Der 1. FC Saarbrücken gewann 2023 durch ein Tor in der sechsten Minute der Nachspielzeit mit 2:1.
Auch andere Pokalspiele zeigen, teils noch deutlicher, wie weit sich ein Abend von den vorher verteilten Rollen entfernen kann. Der damalige Viertligist Berliner AK schlug Bundesligist Hoffenheim 2012 mit 4:0. Erst am vergangenen Wochenende gewann SSV Jeddeloh II nach frühem Rückstand mit 5:2 gegen Zweitligist 1. FC Heidenheim. Den Regionalligisten kennt der VfL Osnabrück selbst gut aus seiner Historie im Niedersachsenpokal – vielleicht haben sich die Lila-Weißen ja schon Tipps für Sensationssiege abgeholt.
Am Ende macht natürlich keiner dieser überraschenden Siege den VfL gegen Bayern stärker. Aber sie zeigen, was den Pokal von einer langen Meisterschaft unterscheidet: Es geht nicht darum, über Monate die bessere Mannschaft zu sein. Ein einziger Abend reicht. Und genau für solche Abende hat auch der VfL seine eigenen Belege.
Osnabrück hat diese Geschichten selbst geschrieben
Am 23. September 1978 spielte der VfL im Münchner Olympiastadion. Bei Bayern standen unter anderem Sepp Maier, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge und Gerd Müller auf dem Platz. Müller traf dreimal vom Elfmeterpunkt, Bayern führte nach 51 Minuten mit 4:3. Gewonnen hat trotzdem Osnabrück.
Michael Strunck erzielte das 4:4, zwei Minuten später traf Andreas Wagner mit seinem dritten Tor des Tages zum 5:4. Bis heute ist es der einzige VfL-Sieg gegen Bayern – aber eben auch der Beweis, dass dieses Duell schon einmal völlig anders endete als erwartet.
Noch näher ist die Erinnerung an die Pokalsaison 2009/10. Damals spielte Osnabrück in der 3. Liga und warf innerhalb weniger Wochen zwei Bundesligisten aus dem Wettbewerb. Gegen den Hamburger SV gewann der VfL nach einem 3:3 im Elfmeterschießen. Anschließend kam Borussia Dortmund an die Bremer Brücke und verlor mit 2:3. Erst im Viertelfinale war gegen Schalke 04 Schluss. Der VfL muss sich also nicht erst einreden, dass große Pokalüberraschungen möglich sind. Der Verein hat sie selbst erlebt.
Und trotzdem spricht alles für die Bayern
Am Mittwoch wird dafür sehr viel zusammenkommen müssen. Osnabrück darf sich quasi keine Fehler erlauben, muss seine Chancen nutzen und wahrscheinlich auch Phasen überstehen, in denen Bayern das Spiel klar bestimmt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit braucht es zusätzlich große Paraden, einen Standard oder einfach das nötige Glück.
Alles spricht für Bayern. Kader, Form, individuelle Qualität und die jüngsten Ergebnisse. Aber der VfL muss nicht beweisen, dass er die bessere Mannschaft ist. Er braucht nur an diesem einen Abend das bessere Ergebnis. 1978 hat das schon einmal funktioniert. Und genau deshalb darf an der Bremer Brücke, die mit ihren frenetischen Fans sicher das stärkste Argument für einen VfL-Erfolg ist, trotz aller Aussichtslosigkeit zumindest eines bleiben: Hoffnung.