Wie lassen sich Erinnerungen hörbar machen? Wie wirken Flucht, Emigration und Vertreibung über Generationen hinweg nach? Und welche Geschichten bleiben sichtbar – oder verschwinden aus dem öffentlichen Gedächtnis? Diesen Fragen widmet sich die neue Sonderausstellung der Künstlerin Michaela Melián im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, die vom 5. Juni 2026 bis zum 2. Mai 2027 zu sehen ist.
Räume aus Klang, Geschichte und Erinnerung
Die Ausstellung ist Teil der Reihe „Gegenwärtig. Zeitgenössische Kunst begegnet Felix Nussbaum“ und verbindet historische Spuren mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen. Statt klarer Antworten setzt Michaela Melián auf Offenheit, Vielschichtigkeit und sinnliche Erfahrung.
Bekannt ist Melián für ihre multimedialen Installationen, in denen sie Orte, Objekte und Biografien mit gesellschaftlichen Themen verknüpft. Auch im Felix-Nussbaum-Haus entsteht kein klassischer Ausstellungsrundgang, sondern eine Inszenierung aus Klangskulpturen und Projektionen. Dabei entstehen Räume, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränken und die Besucherinnen und Besucher dazu einladen, Erinnerung nicht nur als historischen Rückblick zu verstehen, sondern als etwas, das bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Kuratorin Dr. Mechthild Achelwilm, Künstlerin Michaela Melián und Museumsdirektor Nils-Arne Kässens beim Pressegespräch im Museum. / Foto: Dominik Lapp
Inspiriert von Hélène Cixous – und einer Geschichte mit Osnabrücker Wurzeln
Ausgangspunkt der neuen Arbeit sind Texte der französischen Schriftstellerin und Philosophin Hélène Cixous, die 1937 in Algerien geboren wurde und deren Familiengeschichte eng mit Osnabrück verbunden ist. Cixous’ Mutter Eve, geboren als Eva Klein, wuchs in Osnabrück auf. Zur Familie gehörte auch die Unternehmerfamilie Jonas, die am Nikolaiort 2 ein Geschäftshaus betrieb. Während Teile der Familie in den 1930er Jahren fliehen konnten, wurden andere Angehörige in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet. Die Erfahrung von Flucht, Exil und Verlust prägt bis heute das Werk von Cixous – und bildet den Resonanzraum für Meliáns Installation.
Ein Gespräch wird zur Klanglandschaft
Für die Ausstellung reiste Michaela Melián nach Paris und traf Hélène Cixous persönlich. Über mehrere Stunden hinweg sprachen die beiden miteinander. Aus diesem Material entstand ein 33-minütiger Ausschnitt, der nun Teil der Klanginstallation ist. Ergänzt wird die Arbeit durch eine mehrstimmige Komposition mit Frauenstimmen. Verschiedene Sprachen und Akzente greifen ineinander und verweisen auf Bewegung, Übergänge und das Überschreiten nationaler Grenzen. Inhaltlich knüpft die Installation an Cixous’ Werke „Osnabrück“ und „Osnabrück Hauptbahnhof nach Jerusalem“ an.

Wer sich in den Kreis aus muschelförmigen Lautsprechern stellt, kann die Klanginstallation in Gänze wahrnehmen. / Foto: Dominik Lapp
Keine einfachen Botschaften
Michaela Meliáns Arbeiten sind bewusst nicht auf Eindeutigkeit angelegt. Statt eindeutiger Aussagen öffnet die Ausstellung Räume für Ambivalenz und unterschiedliche Perspektiven. Fragen nach Erinnerung, Sichtbarkeit und Machtverhältnissen stehen im Mittelpunkt, aber ohne einfache Antworten vorzugeben. Museumsdirektor Nils-Arne Kässens sieht darin einen zentralen Auftrag seines Hauses. Im Pressegespräch am Mittwochmorgen (3. Juni) sagte er: „Es wird hier nie langweilig. Ich verstehe die Rolle unseres Hauses als Ort, an dem Erinnerungskultur gelebt wird“. Die neue Ausstellung lädt dazu ein, genau hinzuhören – auf Stimmen aus der Vergangenheit und auf die Fragen, die sie in der Gegenwart stellen.
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