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Startseite AktuellKommentar: Klappt gut, bringt viel, schaffen wir ab – RIP 9-Euro-Ticket
AktuellKommentarMeinung & Kolumne

Kommentar: Klappt gut, bringt viel, schaffen wir ab – RIP 9-Euro-Ticket

von Maurice Guss 1. September 2022
von Maurice Guss 1. September 2022
Eurobahn im Hauptbahnhof Osnabrück
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Eurobahn im Hauptbahnhof Osnabrück

Liebes 9-Euro-Ticket,

ja, du hast uns mit Sicherheit auch die Grenzen der Deutschen Bahn aufgezeigt und dem ein oder anderen viel Geduld beim Reisen abverlangt. Aber wie viele Menschen konnten dank dir erstmals wieder einen Urlaub antreten, wie viel hast du für die Umwelt getan und wie sehr konntest du uns Fahrgäste im ewigen Tarifdschungel entlasten. Dein Abschied kam viel zu früh, Du wirst uns fehlen.

Deine Millionen treuen Nutzer, Befürworter und Freunde.

Ein Kommentar von Maurice Guss zum Ende des 9-Euro-Tickets

Das war’s, seit dem heutigen Dienstag (1. September) ist das 9-Euro-Ticket Geschichte. Der Beginn des Septembers ist das Ende des erschwinglichen ÖPNV und Bahnfahrens. Zahlreichen Familien bescherte das wohl erfolgreichste Nah- und Regionalverkehrsticket der vergangenen Zeiten den ersten Urlaub seit Jahren, der Umwelt kam die Einsparung von 1,8 Millionen Tonnen CO2 zugute, im elendigen Tarifdschungel hatten plötzlich 18- und 80-Jährige wieder einen Überblick und auf Sylt feierte ein wohl nie dagewesenes Publikum laut grölend und mit Bierchen in der Hand das 9-Euro-Ticket, sich selbst, die Hochzeit von Christian Lindner oder wen und was auch immer.

Auch ganz ohne (bei der aktuellen Politik oft notwendigen) Humor ist die Liste der Vorteile des günstigen ÖPNV und Bahnfahrens – seien es 9 Euro, 19 Euro oder meinetwegen auch 29 Euro – lang, sehr lang. Sie liegen auf der Hand beziehungsweise in der Umwelt oder im Portemonnaie des (bitte die Gasumlage zahlenden) Studenten, Pendlers, Rentners, oder sonst wem und geistern seit drei Monaten täglich durch die Medien, weshalb ich sie nicht erneut im Detail nennen brauche.

Und ja, ich könnte jetzt meckern und kritisieren, dass die Züge und Busse voll waren, die Bahn immer zu spät kam und dass der Bauer aus dem tiefsten Osnabrücker Landkreis, bei dem sonntags alle acht Stunden ein halber Bus lang fährt, nicht profitiert hat – aber das schmälert nicht den Erfolg des Tickets, sondern zeigt eher die katastrophalen Zustände bei der Deutschen Bahn oder verkehrte Verkehrsanbindungen auf. Und mal ehrlich: Kam die Bahn in den vergangenen Monaten jemals zuverlässig pünktlich?

Grund genug für eine Verlängerung des kostengünstigen ÖPNV und Bahnfahrens sind all die Vorteile aber offenbar nicht. Stattdessen heißt es von den Verantwortlichen eher: Klappt gut, bringt viel, schaffen wir ab!

Einer der nun jubelnden Gegner der Fortführung des günstigen Nah- und Regionalverkehrs ist übrigens Bahnchef Richard Lutz. Sein Argument, dass die Infrastruktur mit 9-Euro-Ticket an ihre Grenzen kommt, stimmt mit Sicherheit, zeigt aber auch einen Widerspruch auf, der seit Jahren von der Politik nicht aufgelöst wird: Mehr Öffis und Bahnverkehr – gerne, die Kosten für die Sanierung maroder Infrastruktur zahlen – puh!

Jetzt hat man die Chance, Millionen neuer Fans für Bahn und Bus gewonnen zu haben – und schmeißt sie einfach weg. Kaum einer derjenigen, der in den vergangenen Monaten sein Auto hat stehen lassen, wird nun das Zehnfache im Monat für regelmäßige Bahn- und Busfahrten ausgeben – obwohl auch das Autofahren immer teurer wird. Der unentbehrliche Faktor Bequemlichkeit lässt grüßen. Statt die (wohlgemerkt sprichwörtlich) günstige Gelegenheit zu ergreifen und den Bahnverkehr großflächig und auf mehreren Ebenen attraktiver zu gestalten, folgt nun wieder der Rückschritt. Schade, denn so wie ohne Vor-9-Euro-Ticket-Zeiten und ohne Investitionen hat insbesondere das Bahnfahren keine gute Perspektive.

Dass es diese Investitionen in sich hätten, ist mir übrigens bewusst. Aber ich kann nicht immer irgendwas mit Umwelt und weniger Auto predigen, die Alternativen dann allerdings zunehmend in grausige Zustände gleiten lassen. Fortschritt ist durchaus teuer, aber Fortschritt ist zwingend notwendig!

Zum Abschluss kurz noch ein Wort zum bezüglich des 9-Euro-Tickets immer wieder gerne betriebenen Whataboutism: Ja, es ärgert mich auch, dass für die Bundeswehr scheinbar problemlos 100 Milliarden Euro locker gemacht werden können, während der öffentliche Personenverkehr zunehmend verkommt. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Günstiger Personenverkehr braucht keinen Whataboutism, sondern bietet auch so zahlreiche Vorteile und Chancen. Vorteile und Chancen, die für die Verantwortlichen wiederum scheinbar nicht Grund genug für eine Verlängerung sind – und angemerkt müssen es nicht mal zwingend „nur“ 9 Euro sein. Schade!


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[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie es bis hier ganz unten geschafft haben. Ein paar Zeilen weiter finden Sie noch den obligatorischen Hinweis, dass gekennzeichnete Meinungsbeiträge stets ausschließlich die Meinung des Autors wiedergeben. Aber ich möchte diesem förmlichen Disclaimer noch etwas hinzufügen. Natürlich haben Sie, wie auch ich und jeder andere Leser, eine eigene Meinung. Vielleicht weicht Ihre Meinung fundamental von diesem oder einem anderen bei uns veröffentlichten Kommentar ab, vielleicht stimmen Sie aber auch vollkommen zu oder aber Ihre Meinung ist „irgendwo dazwischen“.
Vielleicht kann ein Kommentar in der Hasepost dabei helfen, neue Gedanken zu denken oder bestehende An- und Einsichten nochmals zu überdenken, dann haben wir und unsere Autoren etwas richtig gemacht und ganz generell zum Denken angeregt.

„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G Jung)
Bitte denken Sie mehr, Ihr Heiko Pohlmann.


Als Kommentar, Kolumne, Meinungsbeitrag oder Satire gekennzeichnete Beiträge geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

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Maurice Guss

Maurice Guss absolvierte im Herbst 2019 ein Praktikum bei der HASEPOST. Im Anschluss berichtete er zunächst als freier Mitarbeiter über spannende Themen in Osnabrück. Seit 2021 arbeitet er fest im Redaktionsteam und absolviert ein Fernstudium in Medien- und Kommunikationsmanagement. Nicht nur weil er selbst mehrfach in der Woche auf dem Fußballfeld steht, berichtet er besonders gerne über den VfL Osnabrück.

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