Die neue Klimaoase am Nikolaiort soll ein Ort für alle sein. Ein Ort zum Abkühlen, Verweilen und Durchatmen. Genau deshalb ist die Kritik an der fehlenden Barrierefreiheit mehr als eine Kleinigkeit. Sie ist grundlegend: Wer darf einen öffentlichen Ort selbstverständlich nutzen – und wer soll sich damit zufriedengeben, nur irgendwie in der Nähe dabei zu sein?
Ein Kommentar von Hannah Meiners
Seit die Klimaoase am Nikolaiort am 11. Juni offiziell vorgestellt wurde, hatte eine Hitzewelle Ende Juni auch Osnabrück erreicht. Stadtbesucherinnen und -besucher versuchten auf Knopfdruck den versprochenen, erfrischenden Sprühnebel zu erzeugen – und scheiterten. Die Klimaoase funktioniert vollautomatisch: Wenn bestimmte Temperaturen erreicht sind, stößt sie alle paar Minuten den erfrischenden Nebel aus – so jedenfalls der Plan.
Nicht nur Sprühnebel sorgt für öffentlichen Unmut
Doch nicht nur der automatisierte Sprühnebel sorgt für öffentlichen Unmut. Eine Leserin der HASEPOST stört noch etwas ganz anderes: Die fehlende Barrierefreiheit. Auf unsere Nachfrage hin erklärte die Stadt Osnabrück: Barrierefreiheit sei bei der Planung mitgedacht worden. Menschen im Rollstuhl könnten sich schließlich an der Klimaoase aufhalten, ohne das Holzdeck betreten zu müssen. Schließlich sei der Sprühnebel von allen Seiten erlebbar und Begleitpersonen könnten die Bänke der Klimaoase zum Verweilen nutzen. Formal mag das nach einer Lösung klingen. Praktisch klingt es für Betroffene eher nach: Du darfst dabei sein, aber nicht überall!
Barrierefreiheit bedeutet freie Bewegung für alle
Genau das kritisiert die Osnabrückerin, die sich an unsere Redaktion gewandt hat. In einem weiteren Gespräch machte sie deutlich, dass die Argumentation der Stadt problematisch ist: Sie brauche keine Begleitperson. Und sie wolle auch nicht darauf reduziert werden, in der Nähe zu anderen sitzen zu können. Sie hat Recht: Denn Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass Menschen mit Rollstuhl irgendwo am Rand eine Ausweichmöglichkeit bekommen. Barrierefreiheit bedeutet, dass sie Orte selbstständig, gleichberechtigt und ohne Sonderrolle nutzen können – und nicht alle Menschen, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, brauchen eine Begleitperson. Ganz im Gegenteil, die Hilfsmittel sollen eben auch eine selbstbestimmte und freie Bewegung ermöglichen.
Natürlich ist der Platz auf dem Nikolaiort begrenzt. Natürlich müssen Rettungswege, Lieferverkehr und Außengastronomie mitgedacht werden. Aber genau das ist Stadtplanung: Nutzungskonflikte nicht nur aufzuzählen, sondern sie so zu lösen, dass am Ende möglichst niemand ausgeschlossen wird. Wenn eine Rampe aus Platzgründen nicht möglich war, hätte die Frage lauten müssen: Wie kann die Klimaoase dann anders gestaltet werden, damit das zentrale Podest gar nicht erst zur Hürde wird?
Stadt Osnabrück verfehlt den Punkt
Denn die Debatte zeigt ein bekanntes Muster. Barrierefreiheit wird oft erst dann sichtbar, wenn sie fehlt. Für Menschen ohne Rollstuhl sind zwei Stufen kaum erwähnenswert. Für andere entscheiden sie darüber, ob ein Ort nutzbar ist oder nicht. Wer dann erklärt, der Sprühnebel sei ja auch von außen erlebbar, verfehlt den Punkt.
Eine Klimaoase soll ein moderner öffentlicher Aufenthaltsort sein. Modern ist aber nicht nur, wenn Pflanzen, Holz und Sprühnebel gegen Hitze helfen. Modern ist auch, wenn eine Stadt Teilhabe nicht als Zusatzaufgabe versteht, sondern selbstverständlich mitdenkt. Gerade an einem zentralen Ort wie dem Nikolaiort sollte der Anspruch höher sein als: „Man kann auch daneben bleiben“.
Die Stadt hat die Kritik nun auf dem Tisch. Sie sollte sie nicht als Angriff verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass gut gemeint nicht automatisch gut gemacht ist. Denn eine Klimaoase, die für Abkühlung sorgen soll, darf Menschen nicht schon an der ersten Stufe ausbremsen.
[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.
„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann
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