Jahrelang wurde Essen und Trinken für Wolfgang Geier aus Berlin immer schwieriger. Der 75-Jährige litt unter schweren Schluckstörungen, verlor Gewicht und musste seinen Alltag zunehmend an die Beschwerden anpassen. Im Klinikum Osnabrück fanden Spezialisten schließlich die Ursache – und konnten ihm mit zwei vergleichsweise kleinen Eingriffen helfen.
Essen wurde für den 75-Jährigen zur Belastung
Schluckstörungen können für Betroffene weit mehr sein als nur unangenehm. Gelangen Speisen oder Flüssigkeiten versehentlich in die Luftröhre, drohen Hustenanfälle und im schlimmsten Fall eine Lungenentzündung. Bleiben Nahrungsreste dagegen im Rachen hängen, wird Essen zunehmend mühsam. Gewichtsverlust, Mangelernährung und Flüssigkeitsmangel können die Folge sein.
Bei Wolfgang Geier hatten sich die Beschwerden über sechs bis sieben Jahre immer weiter verstärkt. Teilweise habe er fünfmal nachschlucken müssen, um einen Mundvoll Wasser herunterzubekommen. Auch feste Nahrung konnte er zunehmend schlechter essen.
„Ich habe immer mindestens eine Dreiviertelstunde gebraucht und bin vielleicht gerade auf ein Fünftel von dem gekommen, das meine Frau gegessen hat“, berichtet der Berliner. Manche Lebensmittel habe er schließlich ganz gemieden, weil sie immer wieder in die Luftröhre geraten seien.
Auch gemeinsame Restaurantbesuche mit Freunden wurden immer schwieriger. Das Ehepaar habe sich schließlich auf wenige Restaurants beschränkt, bei denen Geier wusste, dass dort etwas für ihn Essbares angeboten wurde. Trotz zusätzlicher kalorienreicher Getränke verlor er immer weiter an Gewicht.
Lange Suche nach der richtigen Diagnose
Bereits 2018 hatte sich Geier wegen zunehmender Lähmungserscheinungen in beiden Armen in der Berliner Charité vorgestellt. Zunächst standen verschiedene neurologische Erkrankungen im Raum. Als 2021 auch die Schluckbeschwerden hinzukamen, entstand der Verdacht auf eine sogenannte Einschlusskörperchenmyositis – eine seltene entzündliche Muskelerkrankung.
Eine eindeutige Diagnose konnte damals jedoch nicht gestellt werden. „Mir ist mehrfach, auch nach regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, gesagt worden, dass man mir nicht helfen könne“, erinnert sich Geier.
Schließlich stieß seine Frau im Internet auf einen Podcast des Osnabrücker Neurologen Prof. Dr. Rainer Dziewas. Der Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Osnabrück ist auf Schluckstörungen spezialisiert und hat dort das Dysphagiezentrum Münster-Osnabrück (DyMOS) aufgebaut.
Untersuchung in Osnabrück bringt entscheidenden Hinweis
Im März stellte sich Geier erstmals in der Dysphagie-Ambulanz vor. Mithilfe einer speziellen endoskopischen Schluckuntersuchung stellten die Ärzte fest, dass vor allem eine Öffnungsstörung eines Schließmuskels am Übergang zwischen Rachen und Speiseröhre für seine Beschwerden verantwortlich war.
Zwei Monate später kam der Berliner zur weiteren Diagnostik und Behandlung stationär nach Osnabrück. Eine Röntgen-Schluckuntersuchung bestätigte die Engstelle.
Gemeinsam mit der Klinik für Gastroenterologie unter Leitung von Prof. Dr. Kerstin Schütte weitete das Ärzteteam um die leitende Oberärztin Dr. Blanca Assing den verengten Schließmuskel in zwei endoskopischen Eingriffen mit einem Ballon.
Zwei kleine Eingriffe helfen
Der Erfolg zeigte sich laut Klinikum unmittelbar. „Nach zwei kleinen Eingriffen, bei denen meine Speiseröhre nur etwas aufgedehnt worden ist, kann ich wieder schlucken“, sagt Geier.
Schon nach dem ersten Eingriff habe er wieder Flüssigkeit und Nahrung problemlos schlucken können. Selbst eine große Tablette sei plötzlich kein Problem mehr gewesen.
Auch die zugrunde liegende Muskelerkrankung konnte in Osnabrück nach Angaben des Klinikums eindeutig diagnostiziert werden. Bei einem weiteren stationären Aufenthalt im August erhielt Geier erstmals eine Behandlung mit Immunglobulinen. Diese soll künftig alle vier Wochen ambulant fortgesetzt werden.
Schluckstörungen häufig Folge anderer Erkrankungen
Nach Angaben von Prof. Dr. Dziewas lassen sich Öffnungsstörungen des oberen Speiseröhren-Schließmuskels häufig erfolgreich mit einer sogenannten Ballondilatation behandeln. Der Eingriff könne bei Bedarf auch wiederholt werden.
Schluckstörungen seien dabei meist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern könnten unter anderem infolge eines Schlaganfalls, bei Parkinson oder bei Erkrankungen von Nerven und Muskeln auftreten.
„Schluckbeschwerden mindern die Lebensqualität der Betroffenen ganz ungemein“, erklärt Dziewas. Gleichzeitig könnten sie schwere Folgeerkrankungen begünstigen. Deshalb sei es wichtig, bei ungeklärten Schluckbeschwerden gezielt nach der Ursache zu suchen und diese nach Möglichkeit zu behandeln.
Genau darauf ist das Dysphagiezentrum Münster-Osnabrück am Klinikum Osnabrück ausgerichtet. Dort arbeiten unter anderem Neurologie und Gastroenterologie bei der Diagnose und Therapie von Schluckstörungen eng zusammen.
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