Nach mehreren Jahren mit Podcast und Instagram gründete Traumatherapeutin Mai Nguyen vor rund drei Jahren die Organisation „Survivor Queen“, um Betroffene von sexualisierter Gewalt beim Heilungsweg zu unterstützen.
Kaffeeklatsch über Trauma
Schon seit 2016 ist Mai Nguyen, selbst auch Betroffene, auf Instagram aktiv, um anderen Mut zu machen und das Thema zu normalisieren. Ursprünglich hat sie Wirtschaftsinformatik studiert, wollte nun aber etwas mit Bedeutung machen: eine Ausbildung zur Traumatherapeutin. Zudem startete sie vor fünf Jahren mit ihrem Podcast „Survivor Queen Podcast – Das Schweigen hat ein Ende #metoo“, mit dem sie zeigt, dass Betroffene nicht alleine damit sind. Sowohl Expertinnen und Experten als auch Betroffene sprechen in einem lockeren Kaffeeklatsch über Tipps und Tricks für den Heilungsweg. Vorher gibt es eine Content Note, die kurz angibt, was in der Folge besprochen wird, damit jede Person selbst entscheiden kann, ob sie sich damit wohl fühlt, das zu diesem Zeitpunkt anzuhören.
Community im Survivor-Queen-Kongress
Seit inzwischen fünf Jahren gibt es einen Online-Kongress, der sieben Tage lang live am Ende des Jahres stattfindet. „Der Dezember ist für viele Betroffene von sexualisierter Gewalt eher eine dunkle und schwierige Zeit des Jahres“, heißt es auf der Webseite der Organisation. Mehrere Speakerinnen und Speaker erzählen über bestimmte Themen. Die Interaktion der Teilnehmenden findet im Chat statt, um sie vor Triggern zu schützen und technische Probleme zu minimieren. Mai Nguyen ist dabei aufgefallen: Trotz der Anonymität ist eine Community entstanden. Auch das Feedback war, dass ein sicherer, moderierter und anonymer Raum gewünscht wird. Dadurch entstand die Idee einer Community, die genau das abdeckt: Moderation sorgt hier im Gegensatz zu Social Media für Schutz der Teilnehmenden und alle können anonym bleiben.
Vor vier Jahren gab es dann ein Pilotprojekt mit 30 Teilnehmenden. Ein essenzieller Bestandteil: die menschliche Komponente durch ein persönliches Kennenlerngespräch mit der Gründerin. Ziel ist ein Entscheidungsprozess, damit die Community ein Ort zum Wohlfühlen bleibt. Dabei werden die Personen ausgefiltert, die die Community missbrauchen wollen, es werden Fragen beantwortet und Nguyen stellt sicher, dass die Person nicht suizidal ist und ein Auffangnetz durch Therapie, Familie oder Freunde hat.
Zahlreiche Angebote zur Traumabewältigung
Schließlich gründete Mai Nguyen die Organisation „Survivor Queen“. Damit bietet sie bundesweit Angebote für den Heilungsweg an. 95 Prozent davon ist online, denn vor allem in ländlichen Gebieten kann Hilfe schwer zugänglich sein, und wegen Stigmatisierung kann es auch eine Überwindung sein, zu einer Beratungsstelle zu gehen. Daher ist Teil der Mission, Betroffenen Zugang zu kostenloser beziehungsweise kostengünstiger Hilfe zu ermöglichen. Zu den offen zugänglichen Angeboten gehören die Veranstaltungen, bei denen die Plätze nicht begrenzt sind, wie Selbstregulierungsübungen und der Trauma-Blog. Dabei ist der Online-Kongress immer noch zentraler Bestandteil der Organisation. “Survivor Queen“ hat inzwischen ein weites Netzwerk an Speakerinnen und Speakern. Zu den Themen schlägt die Community oft etwas vor, teilweise sieht das Team Bedarf. Wenn das Team bemerkt, es herrscht besonders großes Interesse, kommt das Thema in den Podcast, der einfacher zu konsumieren ist.
Heilen durch gegenseitigen Austausch
Zusätzlich gibt es die „Survivor Queen Community“ mit drei Beitragsebenen (Sozialpreis, Standardpreis und Support-Preis). Da Zugänglichkeit besonders hervorgehoben wird, gibt es auch andere Lösungen, wenn man mit dem Team kommuniziert, doch wenn etwas mit Kosten verbunden ist, gebe es laut Mai Nguyen im Gegenzug ein höheres Engagement. Als Teil der Community hat man Zugriff auf monatliche Webinare und alle Aufzeichnungen der Events. Zusätzlich gibt es offene Community-Abende, lokale Treffen vor Ort, einen Buchclub und Team-Hindernisläufe. An Meditationen und Online-Ateliers können zudem auch Außenstehende teilnehmen.
Plan für mehr Veranstaltungen vor Ort
In der Community kam vermehrt der Wunsch auf, „in den Körper zu kommen“. Daher setzt „Surivor Queen“ für die Zukunft auf mehr Treffen vor Ort, um an körperbasierter Traumabewältigung zu arbeiten, unter anderem durch einen traumasensiblen Selbstverteidigungskurs. Er findet bereits in Nürnberg statt, soll aber bald auch nach Osnabrück kommen. Mai Nguyen ist als Fachperson dabei, um eine Person, falls nötig, aufzufangen und Sicherheit zu geben. Während es bei der kognitiven Verhaltenstherapie um Verstand und Kopf geht, hat es auch seine Grenzen. Mai Nguyen setzt dabei auf ein holistisches Vorgehen, um dem Körper zu signalisieren, dass die Gefahr vorbei ist. Auch in Planung ist ein Poledance-Kurs in Osnabrück, um Körperlichkeit und Embodiment zu fördern.
Zusätzlich wurde die Organisation um eine „Survivor King Community“ erweitert, die momentan aus acht Teilnehmern besteht. Die Idee ist entstanden, als die Gründerin auf Spendentour war und bemerkte, dass auch Männer zum Stand kamen, da es kaum Beratung für Männer gibt. Deshalb wird jetzt nach Möglichkeiten geschaut, Männer mehr anzusprechen, damit auch sie sich wohl genug dabei fühlen, Hilfe zu suchen.
Wie auf verschiedene Bedürfnisse eingegangen wird
„Die Triggerwarnung ist mit eine der wichtigsten Funktionen für uns“, erklärt die Traumatherapeutin. „Jeder Trigger ist hoch individuell und situativ.“ Daher können die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie die Kapazität dafür haben, explizitere Beschreibungen auf der Webseite zu lesen. Außerdem können alle ihre Bedürfnisse im Chat auswählen: Ob sie Ratschläge wollen, einfach nur gehört werden wollen oder auch über ähnliche Erfahrungen anderer lesen wollen. Damit können sie selbst reflektieren und die Antworten werden angepasst. „Das ist auch eine ganz andere Interaktion miteinander“, so die Gründerin der Organisation.
Gegenseitiges Miteinander
Mai Nguyen will Betroffenen, die gerade am Anfang ihrer Traumabewältigung stehen, sagen: „Auch wenn es sich vielleicht so anfühlt, ihr seid nicht allein.“ Das sei auch an den 150.000 Downloads ihres Podcasts zu erkennen. „Ich lade ein, Wege zu finden, erste Schritte zu machen.“ Sie will außerdem Nicht-Betroffenen Mut machen, sich zu informieren, Verbündete zu werden und Angehörigen, die mit sexualisierter Gewalt zu kämpfen haben, zu zeigen: „Es ist kein Tabu, es sind Gesprächsthemen.“ | Informationen gibt es online unter www.survivorqueens.de.
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