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Meinung & KolumneMösers Meinung

Mösers Meinung – Neusprech

von Justus Möser 23. Dezember 2016
von Justus Möser 23. Dezember 2016
Mösers Meinung – Neusprech
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Guten Abend,

morgen ist Heiligabend. Im Moment bin ich noch nicht so recht in der Stimmung, dieses wunderschöne Fest gebührend zu feiern. Zuviel ist passiert in den letzten Wochen und Monaten, als daß ich mich ausgelassen und in erwartungsvoller Vorfreude auf den großen Zauber einlassen kann, den uns diese besinnlichste Zeit des Jahres anbietet. Ich habe keinen Wunschzettel geschrieben, weil in meinem Alter die meisten Wünsche entweder schon längst erfüllt oder in unerreichbare Ferne gerückt sind. Doch eine Sache liegt mir auf dem Herzen, die hätte ich schon gerne unter dem festlich geschmückten Tannenbaum liegen: das ist der innere Frieden. Den wünsche ich mir selbst und allen Menschen in Osnabrück, Deutschland und dem Rest der Welt. Denn ich beobachte seit geraumer Zeit, daß ein Riss durch unsere Gesellschaft geht, daß Rechthaberei und Intoleranz Einzug gehalten haben in der bundesdeutschen Realität. Weisheiten wie „Leben und leben lassen!“ oder „Ein Jeder muß nach seiner Fasson selig werden!“, mit denen dieses Land in den letzten Jahrzehnten im Großen und Ganzen recht gut gefahren ist, werden von den Hütern der politischen Korrektheit und den Wächtern über den zulässigen Gebrauch der deutschen Sprache schon lange nicht mehr beherzigt. Während Konrad Adenauer noch konstatierte, daß ihn sein „dummes Geschwätz von gestern“ nicht groß interessiere, wird heutzutage ganz schweres Geschütz aufgefahren, um die Äußerung von Meinungen zu verhindern, die den Machthabern in diesem Land nicht genehm sind und/oder gefährlich werden können. Pünktlich zum Jahreswechsel soll deshalb schnellstmöglich ein „Abwehrzentrum gegen Desinformation“ eingerichtet werden, wobei die Federführung beim Bundeskanzleramt liegen wird, also ganz oben in der Hierarchie. Das Bundespresseamt, dem Kanzleramt direkt unterstellt und mit mehr als 500 Mitarbeitern ausgestattet, hat zukünftig die Aufgabe, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und ihre Veröffentlichung zu verhindern, sollten sie durch ein bestimmtes, noch festzulegendes Raster fallen. Zudem soll die neue Behörde die Medienkompetenz von Bevölkerungsgruppen stärken, die nach Ansicht der Bundesregierung besonders anfällig für vom Ausland gesteuerte Informationskampagnen sind. Darunter fallen unter anderem Rußlanddeutsche und türkischstämmige Menschen, die in Deutschland leben.

Ich finde dieses Vorhaben der deutschen Regierung ganz besonders perfide. Nachdem Innenminister de Maiziere schon im Sommer dieses Jahres relevante Informationen unter dem Hinweis, „ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“, der Öffentlichkeit vorenthalten hatte, soll jetzt also eine Art PR-Offensive von oben gestartet werden, um die Meinungshoheit in Deutschland zurückzugewinnen und unliebsame Aussagen erst gar nicht zur öffentlichen Diskussion zuzulassen. Welches Bild haben die Menschen, die uns regieren, eigentlich von ihren Bürgern? Wer mag darüber entscheiden, welche Informationen uns frei zugänglich sein dürfen und was uns besser nicht zugemutet werden sollte.
Ich bin wahrlich kein Anhänger von Verschwörungstheorien irgendwelcher Art, aber das Verhalten der Herrschenden erinnert mich im Moment ein wenig an die Protagonisten im Roman „1984“ von George Orwell. Darin nutzt die Regierung des Großreiches Ozeanien eine künstlich veränderte Sprache, das „Neusprech“, zum Machterhalt. Dabei werden die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter verringert, um die Kommunikation des Volkes in enge und kontrollierbare Bahnen zu lenken. Damit sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich gemacht werden. Durch die neue Sprache bzw. Sprachregelung soll die Bevölkerung so manipuliert werden, daß sie nicht mehr subversive Dinge denken kann, weil ihr ganz einfach die dazu nötigen Worte fehlen.

Wenn ich manche Kommentare zu Artikeln in der HASEPOST lese, dann habe ich bei dem ein oder anderen Leser manchmal das Gefühl, daß er George Orwells Vision etwas zu sehr verinnerlicht hat. Hasskommentare und Desinformation sind beileibe keine Erfindung von Rechtspopulisten, Rassisten oder sonstigen Gruppen, die angeblich immer stärker werden und nichts besseres im Sinn haben, als kübelweise falsche Informationen (der Kenner darf auch „Fake News“ sagen) in der Bevölkerung zu verbreiten. Vielmehr nutzen sehr gut ausgebildete und der deutschen Sprache durchaus mächtige politische Kreise die zur Zeit überall grassierende Verunsicherung, um den Sprachgebrauch in ihrem Sinne zu gestalten, zu verändern, zu verformen. Dadurch haben sie mittlerweile ein wirkmächtiges Druckmittel in der Hand, das es ihnen erlaubt, Menschen, Parteien oder Gruppen, deren politisches Wirken ihnen mißfällt, auf übelste Weise zu diskreditieren und in das soziale Abseits zu stellen.

Die Mannigfaltigkeit der Sprache ist einer der größten kulturellen Schätze eines Volkes. Wenn man es dieses Reichtums beraubt, dann ist das in meinen Augen nichts anderes als schnöder Diebstahl. Wenn dieses Handeln allerdings von ganz oben strategisch geplant, abgesegnet und schließlich legitimiert wird, dann frage ich mich, welches Ziel dahinter steckt. Ist es wirklich nur der reine Machterhalt, der die Menschen, die uns regieren, steuert? Ich mag mir an dieser Stelle gar nicht ausmalen, welche menschenverachtende und zerstörerische Kraft freigesetzt werden kann, wenn die Herrschaft über unseren Sprachgebrauch in den Händen von einigen wenigen liegt, die dadurch die Gedanken, Empfindungen und schließlich das Verhalten eines ganzen Landes steuern können. Wir sollten uns dagegen wehren und uns unsere Sprache mit all ihren herrlichen Nuancen, Facetten und Feinheiten nicht nehmen lassen. Nur so können wir uns als mündige uns souveräne Bürger behaupten und vor dem Allmachtsanspruch des Staates schützen. Wenn etwas Scheiße ist, dann muß es auch als ebensolches bezeichnet werden dürfen, ohne daß man dabei gleich Gefahr läuft, Haus und Hof zu verlieren. Es läuft etwas gewaltig falsch in diesem Land. Und von innerem Frieden sind wir dieses Jahr an Weihnachten doch sehr weit entfernt. Ich hoffe, wir ihn irgendwann wiederfinden werden. Laßt uns gemeinsam daran arbeiten!

Ich wünsche trotz alledem den HASEPOST-Lesern ein Weihnachtswochenende, an dem es ausnahmsweise mal nichts zu mösern gibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

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Justus Möser

Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Sein Vertreter in der Gegenwart ist unser Autor Wolfgang Niemeyer, der sich in dieser Kolumne regelmäßig darüber Gedanken macht „was würde Möser dazu meinen“?

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