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Startseite KolumneMösers Meinung: Kapitulation vor der Wirklichkeit
KolumneMeinung & KolumneMösers Meinung

Mösers Meinung: Kapitulation vor der Wirklichkeit

von Justus Möser 7. September 2018
von Justus Möser 7. September 2018
Olle Use 2018!
7

„Nich hup de lange Bank schufen – nu sett die eis up dienen Achtersten“

Guten Abend,

ich bin ein paar Tage auf Reisen gewesen und habe mir die Welt angeschaut. Nach meiner Rückkehr in das heimatliche Osnabrück verspüre ich trotz recht angenehm verbrachter Urlaubstage weiterhin eine tiefe Sehnsucht nach der Ferne. Hier scheint alles immer mehr drunter und drüber zu gehen, hier brechen vertraute Strukturen zusammen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt einst gewährleistet haben, jetzt aber scheinbar klag- und widerstandslos als überflüssig angesehen werden. Ich bin fassungslos ob der Ratsentscheidung zum Thema „Seebrücke“, die ein ähnlicher Rohrkrepierer ist wie das ewige Tauziehen um die Neumarktsperrung. Es kann doch nicht sein, daß Lokalpolitiker entgegen ihren Kompetenzen und Befugnissen Beschlüsse fassen, die zum einen gar keine praktischen Konsequenzen haben und so lediglich zu moralischen Lippenbekenntnissen herabgewürdigt werden, was wiederum dem Ernst der Sache überhaupt nicht angemessen ist, und die zum anderen ohne ausreichende Prüfung von tatsächlich Faktenlagen vorgenommen werden, rein zur Bestätigung der Richtigkeit des eigenen Weltbildes und wohl auch als Machtdemonstration gegenüber CDU und BOB im Osnabrücker Stadtrat. Ich nenne so ein Verhalten eine Kapitulation vor der Wirklichkeit, einen Realitätsverlust erster Güte, der das Zeug hat, sowohl die Politikverdrossenheit auf lokaler Ebene weiter zu fördern als auch die Spaltung der Osnabrücker Bürger in immer unversöhnlicher gegenüber stehende Lager voranzutreiben. Fast scheint es mir so, als ob die damit einhergehende Zuspitzung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die wir seit vielen Monaten auf Bundesebene beobachten können, auch in Osnabrück politisch gewollt ist. Die klammheimliche Freude, mit der Politiker aller Couleur die Risse in unserem Land goutieren, dürfen doch nicht zum Vorbild werden für lokalpolitisches Handeln, daß sich aufgrund der weltweiten Verwerfungen nicht mehr am Wohl der hiesigen Menschen orientiert, sondern das ideologisch orthodoxe Verfassen von obskuren Pamphleten über konkrete Maßnahmen zur Verbesserung unserer Lebensqualität stellt.

Vielleicht sollte der diesjährige Schnatgang dazu genutzt werden, um unseren Volksvertretern klarzumachen, was ihre eigentliche Aufgabe ist und wofür sie gewählt worden sind. Ich möchte an dieser Stelle keinen ausschweifenden Exkurs über die Geschichte dieser schönen Tradition anstellen, aber folgende Anmerkung mag mir doch gestattet sein: seit fast 500 Jahren wird in unserer Region Wert auf die Einhaltung von Grenzen gelegt, um den Frieden zwischen den Bürgern zu gewährleisten. Auch wenn in der heutigen Zeit Grenzen keine ganz so große Rolle mehr zu spielen scheinen, so sollten doch grade die Osnabrücker Lokalpolitiker den Schnatgang als historische Herausforderung begreifen und deutlich machen, daß das Setzen von Grenzen auch durchaus positive Effekte haben kann und den Bestand einer Stadt langfristig sichert. Wer das Einhalten von Grenzen für unwichtig und die Verfolgung von Grenzverletzungen für überflüssig hält, der schadet sich und seinem Gemeinwesen damit schlussendlich selbst. Und er tut auch den Grenzverletzern keinen Gefallen, weil er es versäumt, sie rechtzeitig auf die Gefahren von Grenzverletzungen hinzuweisen. Was letztlich zu Konflikten führen muss, die einer selbsternannten Friedensstadt wie Osnabrück doch eher unwürdig sind. Ich appelliere daher an alle Mitglieder des Stadtrats: nutzt den Schnatgang 2018, um in Eurem Handeln wieder zu einem richtigen und vernünftigen Maß zurückzufinden. Denkt bei Euren Entscheidungen daran, welche Konsequenzen sie für die hier lebenden Menschen haben und lasst die großen weltpolitischen Probleme andere lösen. Kapituliert nicht vor der Wirklichkeit, sondern versucht einfach immer wieder, sie ein kleines bißchen besser zu machen. Und gebt die obligatorische Ohrfeige zum Ausklang des Schnatgangs zur Abwechslung mal Euch selber, statt einen armen jungen Mann zu malträtieren. Das würde ja auch ganz gut in diese antiautoritäre Zeit passen und müßte damit voll auf Eurer Linie liegen. Denkt mal drüber nach!

Ich wünsche allen HASEPOST-Lesern ein Wochenende, an dem es nichts zu mösern gibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

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Justus Möser

Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Sein Vertreter in der Gegenwart ist unser Autor Wolfgang Niemeyer, der sich in dieser Kolumne regelmäßig darüber Gedanken macht „was würde Möser dazu meinen“?

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