Der italienische Rüstungskonzern Leonardo stellt sich strategisch für ein mögliches Scheitern des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS auf und öffnet sein eigenes Programm GCAP für weitere Partner. Konzernchef Roberto Cingolani wirbt für ein erweitertes Konsortium, äußert Zweifel an zwei parallelen europäischen Luftkampfsystemen und kritisiert zugleich den Führungsanspruch Deutschlands in der europäischen Verteidigungspolitik.
Leonardo-Chef wirbt für größeres GCAP-Konsortium
Roberto Cingolani, Chef des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo, bringt sein Unternehmen in Stellung für den Fall, dass das deutsch-französische Kampfjet-Projekt FCAS scheitert. Cingolani, der gemeinsam mit BAE Systems aus Großbritannien und Mitsubishi Industries aus Japan das Kampfjet-Projekt GCAP betreibt, sagte dem "Spiegel", er befürworte "ein größeres Konsortium mit neuen Mitgliedern, die zusätzliche Technologien und Ressourcen einbringen".
Der von GCAP geplante Bau eines Kampfjets der sechsten Generation, der von unbemannten Drohnen begleitet und von künstlicher Intelligenz unterstützt wird, werde "ähnlich herausfordernd wie die Mondlandung". GCAP könne "Mithilfe gebrauchen bei der Entwicklung der Drohnen, der Befehlssteuerung, der Schwarmintelligenz", sagte Cingolani dem "Spiegel" zu einer möglichen Rolle von Airbus in dem bestehenden Konsortium. "Aber darüber müssen die jeweiligen Regierungen entscheiden."
Spannungen um FCAS und mögliche Anbindung weiterer Hersteller
Airbus Defense and Space plant mit dem französischen Konzern Dassault Aviation und der spanischen Indra Sistemas das Future Combat Air System (FCAS). Deutschland und Frankreich haben sich jedoch über die Führungsstruktur, die Arbeitsverteilung und die Anforderungen an das Kampfsystem zerstritten. Airbus-Vertreter sowie die Bundesregierung haben zuletzt eine Lösung mit zwei Jets innerhalb von FCAS ins Spiel gebracht.
Cingolani hält eine solche Lösung für "charmant". Er könne sich vorstellen, dass "Airbus oder auch ein anderer Hersteller wie Schwedens Saab mit dem Gripen-Jet" sich mit einem kleineren, schnelleren Jet GCAP anschließt, sagte er dem "Spiegel".
Zweifel an zwei europäischen Projekten und Absage an Fusionen
Der Leonardo-Chef äußerte zugleich Zweifel, dass für zwei neue Luftkampfsysteme in Europa Platz sein wird. "Kampfflugzeuge der sechsten Generation werden nicht wie Kartoffeln gekauft", sagte Cingolani dem "Spiegel". Da China und die USA ihre eigenen Jets hätten und an Länder in ihrem Einflussbereich verkaufen würden, blieben "als Absatzmärkte nur Europa, einige Golfstaaten und Japan".
Einer möglichen Fusion zwischen europäischen Rüstungskonzernen wie Leonardo, Rheinmetall oder BAE Systems erteilte Cingolani im "Spiegel" eine Absage. Er teile mit Rheinmetall-Chef Armin Papperger "eine ähnliche Vision für die Zukunft". Aber im Moment befinde sich Europa "wegen des Ukrainekriegs in einer Notlage". Er glaube daher nicht, "dass es die richtige Zeit für eine solche Fusion ist", sagte Congolani. Er sehe die Zukunft eher in starken Joint Ventures.
Kritisch sieht der Leonardo-Chef den wachsenden Führungsanspruch Deutschlands in der europäischen Verteidigungspolitik. Er wisse, wie gut die Deutschen sein könnten. "Aber die Tatsache, dass sie Geld haben, bedeutet nicht, dass sie eine Führungsrolle innehaben." In der Rüstung gehe es jetzt um Technologieführerschaft, und da habe "das Rennen gerade erst begonnen", sagte Cingolani dem "Spiegel".
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