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Startseite KommentarKommentar: Wie die Verteidiger moralischer Werte zu Störenfrieden mutieren
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Kommentar: Wie die Verteidiger moralischer Werte zu Störenfrieden mutieren

von Kalla Wefel 3. Februar 2020
von Kalla Wefel 3. Februar 2020
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Die Ultras sind unartig und der Gutbürger gibt sich empört

Es gab wieder Mal Aufregung um die bösen Ultras von der Hüpfburg-Ost. Sie hatten es tatsächlich gewagt, beim Heimspiel gegen den SV Sandhausen mit unzähligen Spruchbändern ihren Protest gegen das unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Winterpause stattgefundene Trainingsspiel gegen Red Bull Leipzig zu protestieren.
Typisch ist, unabhängig von den in meinen Augen zum Teil überzogen formulierten Transparenten der Ultras, dass sich die Täter (der Verein und die KGaA) als Opfer darstellen.
Auf welcher Grundlage eigentlich? Wer klammheimlich mit Privatjet als offizieller(!) „Sports for Future„-Verfechter zum RB-Marketingprojekt des Rechtspopulisten Mateschitz fliegt und ein Trainingslager beim Despoten Erdogan absolviert, darf sich nicht wundern, wenn das etliche Fans ohne Scheuklappen anders sehen. Fans, denen Menschenrechte und demokratische Werte womöglich wichtiger sind als der nächste Punktgewinn.
Dass dieser ganze selbst eingebrockte Winterpausen-Wahnwitz von der NOZ völlig unkritisch als Medienpartner des VfL vor Ort begleitet wurde, während unzählige Journalisten, deren Freilassung man hätte fordern müssen, in türkischen Foltergefängnissen sitzen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Und sich darüber hinaus nun aktuell mit Kommentaren als Moralwächter gegenüber den Ultras aufzuspielen, ist dann der Gipfel der Doppelzüngigkeit.

Kommentar: Wie die Verteidiger moralischer Werte zu Störenfrieden mutieren

Verhohnepiepeltes Wollitz-Zitat sorgte am Mittwoch für Aufregung

Im Gegensatz zum sakrosankten VfL machen die Ultras auch mal Fehler

Was mich an der VC-Aktion ärgert, ist, neben einigen überzogen formulierten Bannern, vor allem der Zeitpunkt. Es galt an diesem Tag den Opfern des Faschismus zu gedenken und nicht, eigene Befindlichkeiten irgendwann in den Vordergrund zu stellen.
Und dennoch liegt der Fehler allein beim Verein und der KGaA, die wissentlich mit Vorinformationen komplett gegeizt hatten, und wer die Menschenrechtslage der kriegführenden Türkei und die strikte Ablehnung des Mateschitz-Dosenprojekts in Fankreisen ignoriert, ist entweder schlichtweg dumm oder geizig oder beides, zumal Geiz ohnehin fast immer Ausdruck von Dummheit ist.
„Unsere Werte sind nicht verhandelbar!“, verkündete das zentrale Banner vor der Ostkurve und die Violet Crew verteilte zu dem Thema vor dem Spiel ein Flugblatt, das hier nachzulesen ist.
Jürgen Wehlend sagte dazu: „Um wessen Werte geht es hier? Die Werte des VfL stehen in der Satzung. Dort heißt es, der Verein ist politisch neutral, setzt sich gegen Rassismus und Diskriminierung ein und steht für Toleranz und Fair Play. Wir haben nicht dagegen verstoßen, andere schon.“
Die Frage, was Red Bull Leipzig mit Fair Play zu tun hat und wie man ein reaktionäres und aggressives Regime wie die Türkei mit all dem Rassismus und der Diskriminierung gegenüber der einheimischen kurdischen Bevölkerung tolerieren kann, sollte er mal genauer erläutern. Unabhängig davon, dass es keiner Satzung bedarf, um für Menschenrechte einzutreten.

Ultras sind Fans mit Herkunftsgarantie & ewigem Haltbarkeitsdatum

Sehr wenige leben vom Fußball, sehr viele für den Fußball und bei der ersten Gruppe zählen nun einmal eher mit Zahlen belegbare Werte als moralische. Und genau diese Interessenkollision ist letztendlich das Kardinalproblem des „modernen“ Fußballs, bei dem die Fans und der Sport immer auf der Strecke bleiben werden.
Diejenigen, die sich gegen eine solche Entwicklung am aktivsten wehren, sind die Ultras, ob einem deren Aktionen nun passen oder nicht: Sie lassen sich nicht gern als Folklore missbrauchen, und das ist gut so. Sie wissen ganz genau, was am VfL samt seiner 121-jährigen Geschichte und seiner Bremer Brücke schätzens- und schützenswert ist und was nicht. Diesbezüglich sind sie sogar sehr viel konservativer als jene Konservative, von denen sie mit Red-Bull-Brauseschaum vorm Mund verachtet und beschimpft werden.

Kommentar: Wie die Verteidiger moralischer Werte zu Störenfrieden mutieren

Gestern in Darmstadt: Fans mit Herkunftsgarantie

Es ist auch kein Generationskonflikt mehr, denn die meisten Ultras sind längst in etablierten Berufen und bekleiden öffentliche Ämter, doch viele Menschen ertragen es nun mal nicht, in ihrer Bequemlichkeit gestört oder gar hinterfragt zu werden.
Die Ultras sind vor allem eins: Sie sind die Fans mit Herkunftsgarantie, die im Gegensatz zu Eventfans immer bleiben, auch in schlechtesten Zeiten, wohingegen Spieler, Trainer, Geschäftsführer oder Sportdirektoren kommen und gehen, um woanders als Ich-AG ihr Geld zu verdienen. Es sei ihnen gegönnt.

PS 1:
Aus den aufs Feld geworfenen zwölf mit Sand gefüllten Dosen sind mittlerweile in der Berichterstattung tödliche Handgranaten geworden. Tatsächlich wurden durch den Zaun hindurch während der Aufwärmphase die mit lebensgefährlicher Wellpappe umwickelten Dosen aufs Feld geworfen. Keine einzige Dose flog dabei auch nur ansatzweise in Richtung eines Spielers, sensationellerweise gab es keine Toten, was beim von Red Bull gesponserten Extremsport selten genug ist.
Auf den Dosen stand unter einem durchgestrichen Red-Bull-Logo der verräterische Satz: „Kein Testspiel mit Red Bull – unsere Werte sind nicht verhandelbar.“ Erste DNA-Spuren lassen auf Bandenkriminalität schließen.
Eine vielleicht etwas kindische und überflüssige, aber völlig harmlose Aktion aus der Bastelgruppe der Nachwuchsultras und zum großen Leidwesen von Gut- oder Wutbürgern kein Terrorakt gegen die eigene Mannschaft.

PS 2:
Und das auf den ersten Blick durchaus übergriffig wirkende Transparent „Wir haben Daniel mehrfach ermahnt – lasst die Scheiße sein!“ ist nichts als eine ironische Anspielung auf ein altbekanntes Wollitz-Zitat. Da dieser Spruch aber nicht jedem bekannt sein dürfte, ist er einfach fehl am Platz, wie auch einige andere Transparente („Wie die Nutten im Hasepark“) eher peinlich bis pubertär formuliert waren, zumal man damit Prostituierte diskreditiert.
Man kann sich darüber natürlich auf Bildzeitungsniveau empören, um von eigenen entsetzlichen Peinlichkeiten und Unzulänglichkeiten abzulenken, denn das Böse ist immer und überall, nur nicht bei einem selbst und schon gar nicht in der Türkei oder bei Red Bull.

Kommentar: Wie die Verteidiger moralischer Werte zu Störenfrieden mutieren

 


Als Kommentar, Kolumne, Meinungsbeitrag oder Satire gekennzeichnete Beiträge geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

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