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Kommentar: Kritisiert die Meinung, nicht den Überbringer

Wie weit darf Medienkritik gehen?

von Heiko Pohlmann 26. Februar 2026
von Heiko Pohlmann 26. Februar 2026
Aushang der Gruppe NOZ-kritisch / Foto: Pohlmann
1,3Tsd.
📍Ort des Geschehens: Osnabrück (Gesamtstadt)

Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Einzelne noch nie zuvor so viele Möglichkeiten hatte, sich umfassend zu informieren und selbst seine Meinung in die Welt zu tragen. Und doch werden die Stimmen lauter, die bei jeder missliebigen Kommentierung oder unternehmerischen Entscheidung von etablierten Medien sofort Manipulation, Zensur oder gar einen schleichenden Autoritarismus wittern.

Stimmen, die inzwischen offen fordern, dass bestimmte – ausdrücklich als solche gekennzeichnete – Kommentare einzelner Redakteure, darunter namentlich ein Chefredakteur und der Chef vom Dienst der Osnabrücker Tageszeitung NOZ, in dieser Form nicht mehr erscheinen sollen. Das kennen wir bei der HASEPOST auch; die Kritiker sind in Person teils deckungsgleich und kommen aus der gleichen politischen „Ecke“.

Ein Kommentar von Heiko Pohlmann

Sinngemäß läuft es darauf hinaus, dass kritische Stimmen zur vermeintlichen Mehrheitsmeinung im Blatt und der Redaktion keinen Platz mehr finden sollen. Unklar bleibt jedoch, worauf die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Aktionsveranstaltung, um die es hier geht – darunter gut ein Dutzend „Omas gegen Rechts“ – ihre Annahme einer „Mehrheit“ stützen. Oder geht es am Ende doch eher um Deutungshoheit?

Man kann selbstverständlich andere Meinungen ablehnen. Man darf sie kritisieren. Man kann sie pointiert zurückweisen. Wer Meinungsfreiheit ernst nimmt, kann von der Presse allerdings nicht verlangen, dass unliebsame Meinungen gar nicht erst erscheinen.

Dass eine andere Sichtweise nur einen ‚Klick‘ entfernt ist – sei es in überregionalen Medien, im privaten und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder auf unzähligen Blogs und Onlineportalen – bleibt in dieser Debatte auffallend unerwähnt. Medienvielfalt bedeutet gerade, dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstehen. Sie bedeutet nicht, dass jede Redaktion zur eigenen Filterblase verpflichtet ist. Medien – und insbesondere Meinungsbeiträge wie auch dieser Text – machen ein Angebot, sich kritisch mit einer anderen Sichtweise auseinanderzusetzen.

Und natürlich existiert auch innerhalb von Redaktionen Meinungspluralität. Wer ernsthaft journalistisch arbeitet, weiß, dass Diskussionen intern oft kontrovers geführt werden. Journalisten und Redaktionen arbeiten so!
Gleichzeitig gilt jedoch ein Grundprinzip, das häufig übersehen wird: der sogenannte Tendenzschutz. Presseunternehmen sind sogenannte Tendenzbetriebe. Der Verleger beziehungsweise Herausgeber hat – verfassungsrechtlich gestützt durch die Pressefreiheit und arbeitsrechtlich abgesichert – das Recht, die publizistische Linie seines Mediums festzulegen. Er trägt schließlich auch das wirtschaftliche Risiko.
Das bedeutet nicht, dass Redaktion und Redakteure an der kurzen Leine hängen.
Das bedeutet aber auch, dass redaktionelle Leitlinien nicht basisdemokratisch ausgehandelt werden – und dass ein Chefredakteur, der regelmäßig Kommentare verfasst, dem Verleger politisch mitunter nähersteht als ein Volontär oder Lokalreporter.

In Osnabrück hat sich unter dem Titel „NOZ-kritisch“ eine Gruppe zusammengefunden, die nach eigener Darstellung mit bestimmten Kommentaren der lokalen Tageszeitung nicht einverstanden ist. Neben inhaltlicher Kritik werden auch handwerkliche Aspekte – etwa Bildauswahl oder Kooperationen – thematisiert. Das ist legitim. Kritik gehört zur Öffentlichkeit.

Problematisch wird es dort, wo Kritik nicht mehr auf Argumente zielt, sondern auf Personen. Wer Kommentare verbieten und einzelne Autoren faktisch zum Schweigen bringen möchte, verlässt die Ebene der inhaltlichen Auseinandersetzung.

Ich war beim zweiten Treffen der kritischen Leserinnen und Leser als Pressevertreter anwesend. Teile der als öffentlich angekündigten Veranstaltung fanden später ohne Presse statt, sie wurde zum Verlassen des Raums aufgefordert. Was dort diskutiert wurde, entzieht sich so der öffentlichen Bewertung – auch das kann man kritisieren und wirft kein gutes Licht auf die Gruppe der Medienkritiker. Umso wichtiger bleibt der Grundsatz: Wer mehr Meinungsvielfalt fordert, sollte auch unbequeme Meinungen aushalten.

Zur Erinnerung: Noch nie gab es eine solche Medienvielfalt. Und gleichzeitig war es noch nie so einfach, selbst publizistisch tätig zu werden. Wer glaubt, bestimmte Perspektiven kämen zu kurz, kann eigene Plattformen schaffen, eigene Texte veröffentlichen, eigene Argumente formulieren. Das ist gelebte Meinungsfreiheit und kann zu neuen Einsichten führen. Eine offene Debatte lebt vom Widerspruch – nicht vom Versuch, bestimmte Perspektiven und Personen aus dem Diskurs zu drängen.

Ich würde der Gruppe der lokalen Medienkritiker ausdrücklich dazu raten, diesen nächsten Schritt zu gehen und sich selbst publizistisch zu betätigen. Frei nach Brechts Radiotheorie kann heute jeder selbst zum „Sender“ werden. Zeigt doch, wie es besser geht. Der lokale Medienmarkt kann Impulse aus allen Richtungen gut gebrauchen – aber bitte mit Respekt gegenüber anderen Meinungen und insbesondere gegenüber denen, die sie öffentlich vertreten.


[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie bis zum Ende durchgehalten haben. Meinungsbeiträge spiegeln immer nur die Ansichten des jeweiligen Autors wider – nicht die der gesamten Redaktion. Mein Anliegen – und das unserer Redaktion – ist es, in gekennzeichneten Meinungsbeiträgen wie diesem Denkanstöße zu geben. Ob Sie zustimmen, ablehnen oder irgendwo dazwischenstehen: Wenn ein Kommentar neue Perspektiven eröffnet oder auch nur zum Nachdenken anregt, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.

„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
Bitte denken Sie mehr. Ihr Heiko Pohlmann

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Heiko Pohlmann

Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2014, basierend auf dem unter dem Titel "I-love-OS" seit 2011 erschienenen Tumbler-Blog. Die Ursprungsidee reicht auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11

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