Ingolstadt schließt sein Theater. Bereits am 31. Mai 2026 wird dort zum letzten Mal ein Stück über die Bühne gehen. Diese Nachricht aus Bayern ist ein Warnsignal – und zwar eines, das man in Osnabrück nicht überhören sollte. Wenn in einer Stadt vergleichbarer Größe das Stadttheater wegen explodierender Sanierungskosten vor dem Aus steht, dann ist das kein lokales Problem, sondern ein strukturelles.
Ein Kommentar von HASEPOST-Redaktionsleiter Dominik Lapp
Die Parallelen sind zu offensichtlich, um sie zu ignorieren: Hier wie dort wurde die Sanierung über Jahre verschleppt. Hier wie dort unterschätzte man die Kosten – oder wollte sie nicht wahrhaben. In Ingolstadt sind aus Planungen politische Sackgassen geworden. Und in Osnabrück? Auch hier wirken die einst genannten 80 Millionen Euro längst wie eine Zahl aus einer anderen Zeit. Dabei geht es nicht um Luxus. Das Theater Osnabrück ist kein elitäres Nischenprojekt, sondern ein zentraler kultureller Anker der Stadt. Rund 190.000 Besucherinnen und Besucher jährlich bei etwa 500 Vorstellungen und guten Auslastungszahlen von 82 Prozent im Großen Haus am Domhof und 90 Prozent im emma-theter – das ist kein Zuschussbetrieb am Rand, sondern ein lebendiger Ort mitten in der Stadtgesellschaft.
Doch genau solche Einrichtungen geraten unter Druck, wenn die finanzielle Basis bröckelt. In Ingolstadt spielen Einnahmeausfälle rund um Audi eine zentrale Rolle. In Osnabrück wiederum blickt man mit Sorge auf die Zukunft des Volkswagen-Standorts. Wer heute noch glaubt, wirtschaftliche Stabilität sei garantiert, könnte sich täuschen. Gleichzeitig setzt die Stadt Prioritäten. Die Übernahme und Sanierung des VfL-Stadions zeigt: Wenn der politische Wille da ist, werden auch millionenschwere Projekte gestemmt. Die unbequeme Frage lautet daher: Wird dieser Wille auch für das Theater aufgebracht?
Denn eines ist klar: Je länger man wartet, desto teurer wird es. Ingolstadt zeigt, wohin das führen kann – zu einer Situation, in der die Kosten so hoch erscheinen, dass am Ende nur noch die Schließung als vernünftige Option gilt. Ein kulturpolitisches Armutszeugnis, das sich niemand leisten sollte. Osnabrück steht noch nicht an diesem Punkt. Aber die Stadt bewegt sich darauf zu – schlimmstenfalls. Denn noch immer steht nicht fest, wann und wo das neue Proben- und Werkstattzentrum entstehen soll. Eine Interimsspielstätte für die Zeit der mehrjährigen Theaterschließung während der Sanierung ist auch noch nicht in Aussicht. Und wie teuer wird das Ganze? Ist dann noch Geld da? Die Lehre aus Ingolstadt ist eindeutig: Wartet die Stadt zu lange, verliert sie am Ende mehr als Geld. Sie verliert ein Stück ihrer Identität.
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„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“ (C. G. Jung)
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