Seit es Männer gibt, gibt es Männer, die morgens etwas länger vor dem Spiegel stehen. Unter finden Sie ein augenzwinkernder Streifzug durch 3.500 Jahre Kampf um den Haaransatz – mit Krokodilfett, Puderperücken, Sardellenfrisuren und einer erstaunlich nüchternen Wissenschaft.
Der Kampf gegen die lichte Stelle ist allerdings deutlich älter als jede Beamtenlaufbahn. Schon im altägyptischen Papyrus Ebers, rund 3.500 Jahre alt, finden sich Rezepturen gegen Haarausfall. Die Zutatenliste liest sich wie die Speisekarte eines sehr gewagten Zoos: Fett von Löwe, Nilpferd, Krokodil, Katze und Schlange. Belege für die Wirksamkeit sind nicht überliefert.
Julius Caesar wählte den diplomatischeren Weg. Der römische Geschichtsschreiber Sueton berichtet, der Feldherr habe seine Glatze als Makel empfunden und das spärliche Haar vom Scheitel nach vorn gekämmt. Von allen Ehrungen des Senats habe er das Recht am meisten geschätzt, ständig einen Lorbeerkranz tragen zu dürfen.
Möser, Puder und das Ende der Perücke
Springen wir ins 18. Jahrhundert, als Justus Möser in Osnabrück die Staatsgeschäfte lenkte und nebenbei die deutsche Publizistik prägte. Ob sich unter der Frisur, mit der ihn die Porträts zeigen, Eigengewächs verbarg, verraten die Bilder nicht. Es spielte auch kaum eine Rolle: Die Perücke war für Männer von Stand so selbstverständlich wie heute das Smartphone. Seit Frankreichs Könige im 17. Jahrhundert die Lockenpracht zur Staatsangelegenheit gemacht hatten – Ludwig XIII. soll früh kahl geworden sein –, trug Europas Elite fremdes Haar auf dem eigenen Kopf.
Und weil Staaten schon immer ein feines Gespür dafür hatten, wo Geld zu holen ist, führte Großbritannien 1795 eine Steuer auf Haarpuder ein. Sie beschleunigte vor allem einen Modewechsel: Das natürliche Haar kam zurück. Und mit ihm die Frage, was man tut, wenn davon nicht mehr allzu viel übrig ist.
Das goldene Zeitalter des Toupets
Das 20. Jahrhundert beantwortete diese Frage mit beachtlicher Kreativität. Da war das Toupet, das ab Windstärke sechs ein bedenkliches Eigenleben entwickelte. Da war die Überkämmfrisur, im Volksmund liebevoll-grausam „Sardellenfrisur“ genannt, deren Träger Cabrios und Radtouren entlang der Hase mieden. Und da war das Haarwasser aus dem Versandhandel, dessen Versprechen meist größer war als die Flasche.
Ordnung muss sein: die Norwood Skala
Was noch fehlte, war Ordnung. Und wer Ordnung will, braucht eine Tabelle. Der US-Mediziner James Hamilton teilte den männlichen Haarausfall in den 1950er-Jahren erstmals systematisch ein, 1975 verfeinerte sein Kollege O’Tar Norwood das Schema. Heraus kam die Norwood Skala, die bis heute weltweit genutzt wird. Sie kennt sieben Stadien: von Typ 1 mit weitgehend unverändertem Haaransatz über die ersten zarten Geheimratsecken bei Typ 2 und 3 bis zu Typ 7, bei dem nur ein hufeisenförmiger Kranz an Hinterkopf und Seiten bleibt. Der Caesar-Typ, wenn man so will.
Der eigentliche Schurke heißt DHT
Bleibt die Frage nach dem Warum. Dass Hormone im Spiel sind, ahnten schon antike Beobachter, denen auffiel, dass Eunuchen keine Glatze bekamen. Heute weiß man es genauer: Ein Enzym namens 5-Alpha-Reduktase wandelt Testosteron in Dihydrotestosteron um, kurz DHT. An genetisch empfindlichen Haarwurzeln lässt DHT die Follikel nach und nach schrumpfen. Sie produzieren immer dünnere Haare, bis sie irgendwann ganz in den Ruhestand gehen. Passend zum Geheimrat.
Hier setzen sogenannte DHT Blocker an. Sie bremsen die Umwandlung oder die Wirkung des Hormons an der Haarwurzel. Das Spektrum reicht von verschreibungspflichtigen Wirkstoffen wie Finasterid bis zu pflanzlichen Kandidaten wie Sägepalmenextrakt oder Kürbiskernöl, deren Wirkung deutlich bescheidener ausfällt. Gerade die Medikamente gehören in ärztliche Hände: Wer in den Hormonhaushalt eingreift, sollte wissen, worauf er sich einlässt.
Das jüngste Kapitel spielt am Bosporus
Die neueste Wendung der Geschichte beruht auf einer kuriosen Laune der Natur: Die Haare am Hinterkopf sind gegenüber DHT weitgehend unempfindlich. Selbst bei Norwood-Typ 7 bleibt dieser Kranz meist bestehen. Bei einer Haartransplantation werden deshalb einzelne Haarwurzeln von dort entnommen und in die lichten Stellen gesetzt. I
Dass die Haartransplantation in der Türkei zu einem regelrechten Phänomen geworden ist, lässt sich auf jedem Rückflug aus Istanbul beobachten. Wer darüber nachdenkt, sollte sich trotzdem gründlich informieren. Ein Eingriff bleibt ein Eingriff, und die Erfahrung des Arztes zählt mehr als jede Hotelbeschreibung.
Und die Moral von der Geschicht‘?
In 3.500 Jahren hat sich die Methode geändert, nicht das Gefühl. Ob Krokodilfett, Lorbeerkranz, Puderperücke oder Haarwurzeln aus dem eigenen Hinterkopf: Männer wollten schon immer ein Wörtchen mitreden, wenn die Natur am Haaransatz das letzte Wort beansprucht.