Wenn dies nicht ein aktueller Artikel über einen Prozess am Landgericht Osnabrück wäre, sondern der erste Absatz in einem Roman, dann würden wir in den folgenden Zeilen verfolgen können wie ein eifriger Anwalt in seiner Bremer Kanzlei dabei ist die Filmrechte für seinen Mandanten zu verhandeln. Die Zeit wird knapp, um 9:00 ist der Prozessbeginn in Osnabrück, er müsste schon längst auf der Autobahn sein, doch sein Mandant, der Millionenbetrüger will unbedingt heute noch geklärt wissen, dass die Rechte für die Verfilmung seiner unglaublichen Geschichte höchstbietend verkauft werden.
Nun ist dies aber kein Roman und wir können nur mutmaßen warum tatsächlich einer der zahlreichen Strafverteidiger in diesem auf 52 Verhandlungstage angesetzten Mammutprozess mehr als eine Stunde zu spät im Gerichtssaal erschien, aber „filmreif“ ist es schon, wie die emsländische Familie Holt international agierenden Energiekonzernen die Millionen abluchste um – so beschreibt es jedenfalls die Staatsanwaltschaft – das Geld umgehend ins Ausland zu verschieben oder in Edelkarossen der Marke Bentley zu investieren. Allerdings muss man immer noch ein „mutmaßlich“ voranstellen, denn ein Urteil wird das Landgericht erst im kommenden Jahr fällen.
Bereits bei der Verlesung der Anklageschrift tauchten Zweifel auf, ob nicht einige der angeblich geschädigten Unternehmen ihre Millionenzahlungen der aus dem emsländischen Haselünne stammenden Familie nicht geradezu aufdrängten? Bedurfte es überhaupt der zahlreichen Dokumentfälschungen, die der Holt-Familie vorgeworfen werden, wenn die Betrogenen die Fake-Verträge überhaupt nicht sehen wollten?
Hendrik Holt im Gespräch mit Strafverteidiger Marco Lund aus Bremen

