Für das Volkswagen-Werk in Osnabrück zeichnet sich eine neue, aber auch hochbrisante Perspektive ab: Statt Autos könnten bei VW in Osnabrück künftig Komponenten für das Iron-Dome Raketenabwehrsystem produziert werden.
Nach einem Bericht der Financial Times (FT) verhandelt Volkswagen mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defence Systems über eine Umstellung der Fertigung. Für den Standort Osnabrück – vor allem für mehr als 2.000 Beschäftigte – wäre das ein möglicher Befreiungsschlag.
Im Mittelpunkt der Überlegungen, so die FT, steht das Werk Osnabrück, dessen Zukunft seit längerem auf der Kippe steht. Die Auto-Produktion läuft dort aus, ein tragfähiges Nachfolgekonzept wurde bislang nicht öffentlich vorgestellt. Nun könnte ausgerechnet die Rüstungsindustrie zum Rettungsanker werden.
Die eigentlichen Raketen kommen weiter aus Israel
Dem Bericht zufolge geht es um eine Zusammenarbeit mit Rafael Advanced Defence Systems, einem staatlichen israelischen Rüstungskonzern. In Osnabrück könnten demnach künftig Bauteile für das Luftverteidigungssystem Iron Dome entstehen. Genannt werden unter anderem schwere Lastwagen, die die Abschusseinheiten transportieren, Startvorrichtungen und Generatoren. Die eigentlichen Flugkörper selbst sollen dort demnach nicht gebaut werden.
Osnabrück: 2.300 Menschen in Sorge um ihre Jobs bei Volkswagen
Für Osnabrück ist die Zahl entscheidend: Rund 2.300 Arbeitsplätze hängen am Standort. Genau diese Stellen sollen durch das Projekt gesichert werden. Nach den bekannt gewordenen Informationen hoffen die Beteiligten sogar, den Standort nicht nur zu stabilisieren, sondern perspektivisch auszubauen.
Der Produktionswechsel könnte vergleichsweise schnell gehen. Von einem möglichen Anlauf innerhalb von zwölf bis 18 Monaten ist die Rede – vorausgesetzt, die Belegschaft stimmt einer Umstellung auf Rüstungsproduktion zu. Denn genau dort liegt einer der sensibelsten Punkte der Debatte: Nicht jeder Beschäftigte dürfte bereit sein, vom Autobau in die Fertigung von Komponenten für ein militärisches Abwehrsystem zu wechseln.
Bundesregierung soll Vorhaben für Osnabrück unterstützen
Nach dem Bericht wird das Vorhaben von der Bundesregierung aktiv unterstützt. Das wäre wenig überraschend. Deutschland und viele andere europäische Staaten investieren seit dem russischen Angriff auf die Ukraine massiv in ihre Verteidigungsfähigkeit. Luftverteidigung gilt dabei als eines der zentralen Themen. In dieses Bild würde ein Standort wie Osnabrück passen: industrielle Erfahrung, bestehende Fertigungskapazitäten und ein Werk, das dringend eine Zukunftsperspektive braucht.
Für Volkswagen wäre ein solcher Schritt zugleich ein tiefer Einschnitt. Der Konzern ist zwar über Beteiligungen und Joint Ventures bereits in militärischen Zusammenhängen präsent, etwa im Nutzfahrzeugbereich. Eine direkte, öffentlich sichtbare Rolle des Werks Osnabrück in der Produktion für ein Raketenabwehrsystem hätte aber eine ganz andere politische und symbolische Dimension.
Volkswagen suchte schon länger nach einer Lösung für Osnabrück
Dass Volkswagen für den Standort Osnabrück unter Druck steht, ist seit Monaten klar. Die dortige Fahrzeugproduktion läuft schrittweise aus. Damit stand die Frage im Raum, wie es nach dem Ende des bisherigen Geschäfts weitergehen soll. Konzernchef Oliver Blume hatte bereits angekündigt, dass bis Ende 2026 eine Entscheidung über die Zukunft des Werks fallen soll.
Zwischenzeitlich waren bereits andere Rüstungsoptionen im Gespräch. Unter anderem wurde über inzwischen geplatzte Verhandlungen mit Rheinmetall berichtet. Diese Spur führte zuletzt aber nicht zu einer Übernahme oder einem Einstieg. Darüber hinaus gab es Berichte über Gespräche beziehungsweise Interesse aus dem Umfeld des Rüstungskonzerns KNDS, eines Panzerbauers aus den Niederlanden.
Iron Dome für Europa? Nicht alle Fachleute sind überzeugt
Die mögliche Zusammenarbeit hätte auch über Osnabrück hinaus Signalwirkung. Rafael will das System offenbar nicht nur für Israel, sondern auch für den europäischen Markt positionieren. Das passt zu den steigenden Verteidigungsausgaben in vielen EU-Staaten. Ob Iron Dome allerdings tatsächlich ideal auf europäische Bedrohungslagen zugeschnitten ist, wird von Fachleuten unterschiedlich bewertet. Das System wurde vor allem für die Abwehr kürzerer Reichweiten entwickelt und ist eng mit den spezifischen Bedrohungsszenarien in Israel verbunden.
Weder Volkswagen noch Rafael haben die Gespräche öffentlich bestätigt.
Mehr Nachrichten aus der Region?
➡️ Alle aktuellen Artikel zu Osnabrück (Gesamtstadt) finden Sie hier.