Mit einer Neuinszenierung von Verdis „Macbeth“ zeigt das Theater Osnabrück eine Welt ohne Distanz und Behaglichkeit. Vom ersten Moment an herrscht eine unmittelbare, bedrängende Atmosphäre, die das Publikum nicht beobachtend am Rand stehen lässt, sondern hineinzieht in ein System, das auf Gewalt gebaut ist. Diese Gewalt erscheint nicht als Ausbruch, sondern als Methode, als Normalzustand. Macht wird hier nicht als Eigenschaft eines Einzelnen erzählt, sondern als kollektiver Zustand. Sie ist ein Gefüge, das viele braucht und viele zerstört. Wer sich in diesem System bewegt, ist zugleich Täter und Getriebener. Genau daraus bezieht der Abend seine beklemmende Aktualität.
Regie unter Dauerstrom
Regisseur Hendrik Müller hält die Bühne permanent in Bewegung. Kaum eine Szene kennt Stillstand, Chor und Solisten sind Teil eines dauernd belebten Raums, in dem Unruhe und Bedrohung pulsieren. Diese Rastlosigkeit steigert die intensive, stellenweise überwältigende Wirkung des Abends.

Theo Magongoma als Macbeth. / Foto: Stephan Glagla
Zugleich beweist die Regie in den intimen Momenten zwischen Macbeth und Lady Macbeth große Kontrolle. Hier verdichtet sich das Geschehen, die äußere Dynamik weicht einer konzentrierten Innenspannung. Gerade im Kontrast zwischen öffentlicher Brutalität und privater Zerrissenheit entfaltet die Inszenierung ihre stärkste Kraft.
Bilder einer Machtarchitektur
Das Bühnenbild von Marc Weeger zeigt ein begehbares, dreidimensionales Machtgefüge, das immer neue Perspektiven freigibt. Verschiedene Ebenen und Durchgänge schaffen eine Architektur der Kontrolle, in der es keinen geschützten Ort gibt. Die Figuren sind sichtbar Teil einer Konstruktion, die sie formt und deformiert.

Susann Vent-Wunderlich als Lady Macbeth und Theo Magongoma als Macbeth. / Foto: Stephan Glagla
Videoprojektionen erweitern diesen Raum um opulente, tableauartige Bilder. Sie schaffen visuelle Verdichtungen, ohne in bloße Illustration zu verfallen. Die detailreichen Kostüme (ebenfalls von Weeger) sind historisch grundiert und zugleich durch moderne Elemente gebrochen. So entsteht ein ästhetischer Rahmen, der Zeitlosigkeit behauptet, ohne Unschärfe zu riskieren.
Musik zwischen Drängen und Klarheit
Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein legt Verdis Partitur als nervös drängendes Psychogramm frei. Er betont Unruhe, scharfe Kontraste und das stetige Vorwärtsdrängen der Musik, ohne die strukturelle Klarheit aus dem Blick zu verlieren. Die Balance zwischen dramatischer Wucht und Durchhörbarkeit gelingt überzeugend. Das Osnabrücker Symphonieorchester folgt mit spürbarer Konzentration. In den Streichern liegt eine nervöse Grundspannung, die Bläser tragen dunkle Schwere bei. Der Chor (Einstudierung: Sierd Quarré) formiert sich als geschlossener, zugleich bedrohlich anonymer Klangkörper, der das kollektive Moment der Macht eindringlich hörbar macht.

Susann Vent-Wunderlich als Lady Macbeth. / Foto: Stephan Glagla
Stimmen im Sog der Macht
Theo Magongoma gestaltet den Macbeth als Figur in Entwicklung. Vom zögernden Feldherrn führt er ihn Schritt für Schritt in die Verstrickung des Tyrannen. Sein kraftvoller, zugleich erzählerisch differenzierter Bariton lässt innere Zweifel ebenso hörbar werden wie wachsende Härte. Susann Vent-Wunderlich gibt eine willensstarke, stimmlich fokussierte Lady Macbeth. Ihre Intensität entfaltet sich besonders in den leisen Momenten, in denen Ehrgeiz in Angst umschlägt. Die Beziehung zwischen beiden erscheint als vielschichtiges Geflecht aus Macht, Abhängigkeit und zunehmender Entfremdung. Dominic Barberi stattet den Banquo mit nobler, autoritativer Präsenz aus, Jihoon Park verleiht seinem Macduff klare Linienführung und moralische Schärfe. Auch in den Nebenrollen zeigt sich das Ensemble geschlossen und stimmig.
So entsteht ein nachhaltig wirkender Opernabend, der in Musik, Bildsprache und Figurenzeichnung konsequent bleibt. Diese „Macbeth“-Deutung zeigt eine Welt, in der Gewalt nicht Ausnahme, sondern Regel ist – und trifft damit ins Mark. Und am Ende? Stehende Ovationen eines begeisterten Publikums.
Macht einen fantastischen Job am Theater Osnabrück: der neue Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein. / Foto: Dominik Lapp
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