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Startseite Kommentar„Einblicke“ zur Neumarkt-Debatte – wo beginnt hier der Kommentar?
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„Einblicke“ zur Neumarkt-Debatte – wo beginnt hier der Kommentar?

von Heiko Pohlmann 20. August 2012
von Heiko Pohlmann 20. August 2012
HASEPOST Redaktion
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Ein ungewöhnlicher journalistischer Kunstgriff wurde am heutigen 20. August den Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung am Frühstückstisch „serviert“.
Unter der Rubrik  „Einblicke“ arbeitet sich NOZ Autor Wilfried Hinrichs nochmals am Streitthema „Shoppingcenter“ ab. Auf der gleichen Seite findet der Leser zudem einen Kommentar – vom selben Autor!

Was daran so außergewöhnlich ist? In der reinen journalistischen Lehre* ist die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar eine „heilige Kuh“. Im „ABC des Journalismus“ (zitiert nach Wikipedia) heisst es daher auch:

„Der Kommentar nimmt im Regelfall zu einer aktuellen Nachricht Stellung. Er erläutert (…), interpretiert (…), macht mit Zusammenhängen vertraut, stellt Kombinationen an, wägt (…) Auffassungen ab, setzt sich mit anderen Standpunkten auseinander und verhilft dem Leser dazu, sich ein abgerundetes Bild über das Ereignis zu machen.“

Trägt jedoch bereits die „Nachricht“ die „Handschrift“ des Kommentators, dann besteht (so nicht allein die Meinung des Bloggers*) die Gefahr, dass dem folgenden Kommentar nur noch eine „verstärkende Rolle“ zufällt.
Anders als bei Blogs wie I-love-OS, denen Selektivität und ein „Meinungs-Privileg“ zugebilligt wird, kann der Leser von einer Tageszeitung, vor allem wenn diese im lokalen Raum eine Monopolstellung einnimmt, eine grundsätzliche Trennung von Nachricht und Kommentar erwarten.

NOZ im iPad

Eine gemeinsame Autorenschaft von Nachricht und Kommentar muss nicht zwangsläufig zu Konflikten führen, allerdings bedarf ein solches Vorgehen besonderer Sorgfalt.
Leider beginnt jedoch der hier dem Kommentar vorangestellte Artikel bereits mit einer (sagen wir mal) schlecht recherchierten Behauptung. Scheinbar unbestechliche Zahlen, die bereits eine Tendenz für den gesamten Artikel vorgeben.
Der Leser kann über folgende Aussage staunen:

Vom geplanten Einkaufszentrum am Osnabrücker Neumarkt bis zum Weinhandel Fohs in der Altstadt sind es 756 Schritte. Zu viel für einen durchschnittlichen Shopping-Bummler. Deshalb macht sich Herlinde Fohs große Sorgen…

„Was, nur 756 Schritte? Die soll sich nicht so anstellen…“, so oder ähnlich mag manch ein Leser nach diesen einleitenden Worten gedacht haben.
Doch stimmt das überhaupt?

Lässt man den „Routenplaner für Fußgänger“ von Google die kürzeste Wegstrecke zwischen dem Weinhaus Fohs (Krahnstraße 7) und dem Neumarkt berechnen, kommt man auf eine Distanz von exakt 700 Metern – allerdings nur bis zum diesseitigen Ende der Großen Straße gemessen.
Inklusive Querung des Neumarkts dürften es bis zum Shoppingcenter etwa 20 Meter mehr sein. Aber sein wir nicht kleinlich, gehen wir einmal von den „nur“ 700 Metern aus, die uns Google anzeigt.
Bei Wikipedia findet sich eine Definition der Maßeinheit „Schritt. Historisch war diese in Deutschland regional sehr verschieden, meist in Abhängigkeit des lokalen Fürsten zwischen 71 und 75cm. Auch hier wollen wir nicht kleinlich sein und nehmen den „römischen Schritt“ als Maßstab. Der ist mit 74cm relativ weit bzw. groß. Auch wenn die Menschen seit den Zeiten der Römer oder der lokalen Fürsten inzwischen ein wenig gewachsen sind – ganze Meter wird beim Stadtbummel wohl niemand mit einem Schritt überspringen.
Umgerechnet auf die von Google ermittelte Distanz zwischen Neumarkt (Nordseite) und der Krahnstraße 7 sind dies also tatsächlich 946 Schritte, die Neumarktquerung und den Zugang zum Shoppingcenter miteingerechnet schon gut 1.000 Schritte – und nicht 756… der unbedarfte Leser bekommt also gleich Eingangs der „Nachricht“ eine um knapp 1/4 verfälschte „pseudo-relevante“ Zahl serviert!

Und der Artikel geht ärgerlich und tendenziös weiter. So wird scheinbar fachlich versierten Fürsprechern eines Einkaufscenters, wie dem Vorstandssprecher des „Center-Interessenverbandes“ Stephan Jung oder dem mfi Manager Klaus-Martin-Callhoff, die Sprecherin der Initiative „Lebendiges Osnabrück“ entgegen gestellt – nicht ohne sie und Ihre Meinung verbal zu demontieren, wie anders kann ein Satz wie der folgende in einen vorgeblich neutralen Artikel geraten (wohlgemerkt, das Zitat entstammt nicht dem Kommentar):

Der Wein ist Ihr Fach, nicht die Immobilienwirtschaft. Ihre Tochter ist Weinakademikerin…

Und welche Berufe haben die Center-Befürworter und ihre Kinder? Ist der ebenfalls zitierte SPD-Fraktionschef Frank Henning nicht eigentlich auch Finanzbeamter und kein Immobilienfachmann? Und hat der „Journalist“ Hinrichs Kinder, und was machen die so?

Der weitere Artikel ist dann kaum noch erwähnenswert. Es entsteht der Eindruck, es kämpfen ein paar unvernünftige „Maschinenstürmer“ aus dem Dunstkreis der CDU und des Textilhändlers Rauschen gegen die Interessen der Allgemeinheit. Die Weinhändlerin Fohs darf in dieser Geschichte dafür herhalten die „Gegenseite“ zu personalisieren.

Im abschließenden Kommentar, der so vortrefflich vom Kommentator selbst vorbereitet wurde, wird dann auch von „individuellen Interessen“ gesprochen und das Bild eines fürsorglichen Centerentwicklers gezeichnet, der sein Konzept “haargenau auf die lokale Situation” ausrichtet – als ob man am Stammsitz der mfi in Essen bzw. Paris nicht vor allem an Rendite interessiert ist – denn genau die fordern die Shareholder ein, regelmässig zu jedem Quartalsbericht. Es wäre erstaunlich wenn das bei mfi anders wäre…

Wer den oben kurz angerissenen Artikel nebst Kommentar lesen möchte: entweder den Fisch wieder auswickeln, zum nächsten Kiosk gehen oder auf eine Online-Veröffentlichung warten. 

HP

Foto: Screenshot PDF-Ausgabe der NOZ vom 20.08.12 via NOZ iPad-App

* der „Blogger“ ist diplomierter Medienwissenschaftler und Absolvent des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover und der Högskolan i Örebro, Schweden; also mit journalistischen Darstellungsformen durchaus vertraut

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Heiko Pohlmann

Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS". Die Titelgrafik der HASEPOST trägt dieses ursprüngliche Motto weiter im Logo. Die Liebe zu Osnabrück treibt Heiko Pohlmann als Herausgeber und Autor an. Neben seiner Tätigkeit für die HASEPOST zeichnet der diplomierte Medienwissenschaftler auch für zwei mittelständische IT-Firmen als Geschäftsführer verantwortlich.

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